1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Der Bierfahrer und sein Haus

Geschichte

23.07.2018

Der Bierfahrer und sein Haus

Copy%20of%20Sammlung%20Dirr1.tif
2 Bilder
Ein altes Foto aus der Sammlung Anton Dirr. Es zeigt den Warentransport der Eisengießerei Otto Kleiner Hammerschmiede Mindelheim. Der Fuhrmann ist Anton Dirr.
Bild: Sammlung Dirr

Was ein 300 Jahre altes Gebäude in Mindelheim zu erzählen weiß.

Jedes Haus könnte Geschichten erzählen, von all den Menschen und ihren Träumen, die in ihm je gewohnt haben. Weil Häuser nicht sprechen, hat Anton Dirr aus Sulzberg diese Aufgabe für sein Elternhaus in Mindelheim übernommen. Es ist die Geschichte eines Eckgebäudes in der Mindelheimer Teckstraße 24, das vor ein paar Jahren liebevoll vom heutigen Eigentümer restauriert worden ist. Es ist auch die Geschichte des Brauereifuhrmanns Anton Dirr, der wie sein Sohn hieß und 1961 gestorben ist.

An Silvester 1895 kam jener Anton Dirr zur Welt, als erster Sohn des Gutsbesitzers Andreas Dirr aus Wertingen. Den kleinen Anton traf es schwer. Als er neun Jahre alt war, starb seine Mutter. Den Ersten Weltkrieg überlebte Anton Dirr trotz Stellungskämpfen in Verdun und Reims. Auch an der berühmten Schlacht an der Marne hatte Anton Dirr teilgenommen.

Nach dem Ersten Weltkrieg hielt Anton nichts mehr auf der elterlichen Scholle. Er ging auf Wanderschaft und verdingte sich auf dem Pfister-Hof bei Amberg im Landkreis Mindelheim. Seine Erfahrungen aus der Landwirtschaft und sein Umgang mit Pferden kamen ihm dabei sehr zugute.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Später wurde er erster Fuhrknecht im Gut Zollhaus bei Wiedergeltingen und im Sägewerk Vogt in Mattsies. 1922 wechselte Anton Dirr zur Hammerschmiede Otto Kleiner nach Mindelheim. Er genoss dort freie Verpflegung und Unterkunft, war damit also an den Ort gebunden. Hier durfte er endlich die Arbeit ausüben, die ihm zusagte: selbstständig mit seinen Pferden. Anton Dirr musste eigenverantwortlich teure Waren unbeschädigt zum Empfänger bringen. Das waren überschwere Materialtransporte aus der Eisengießerei auf schlechten Schotterstraßen. So manche Wegstrecke war nicht einmal an einem Tag zu bewältigen. An Steigungen oder aufgeweichten Wegen war oft sein ganzes fuhrmännisches Geschick gefragt.

In dieser Zeit lernte er auch seine Wally kennen, die er im Mai 1931 heiratete. Bereits 1930 war sein Vater gestorben und der elterliche Besitz aufgeteilt worden. Weil er noch fünf Geschwister hatte, erhielt Anton Dirr ein Sechstel des Gesamtnachlasses. Mit dem Geld wollte er mit Wally ein Haus in Mindelheim kaufen.

Er hatte genaue Vorstellungen. Es musste freistehend sein, also ringsum zugänglich. In allen Zimmern sollte Tageslicht einfallen. Damit kamen die Häuser innerhalb der Stadtmauer schon nicht mehr in Frage. Das Haus sollte einen staubfreien Vorplatz haben und nahe der Stadtmitte liegen. Das Haus sollte auch fließendes Wasser einschließlich Ausguss sowie einen Abort mit Fenster und elektrisches Licht in allen Räumen haben. All das war zu jener Zeit noch keine Selbstverständlichkeit.

Im Januar 1931 erwarben beide von Maria Hafenmayer für 8150 Goldmark das kleine Wohnhaus hinter dem Einlasstor vor dem Gasthof Reichsadler.

Im Erdgeschoß des Hauses befanden sich zwei kleine Zimmer mit einer Küche mit insgesamt 32,5 Quadratmetern. Im Dachgeschoß befand sich eine Kammer mit Fenster nach Süden. Jede Wohnung hatte ein eigenes WC.

Seine Frau war anfangs wenig begeistert. In der Georgenstraße hätte es noch ein größeres Haus zu kaufen gegeben. Das hatte sogar einen Vorgarten, aber eben keine staubfreie Straße. Letztlich einigten sich Wally und Anton auf das Eckhaus in der Teckstraße und einen 240 Quadratmeter großen Gemüsegarten südlich der Hammerschmiede.

Im Dezember 1935 wechselte Anton Dirr als Bierfahrer zur Lammbrauerei in Mindelheim, die es heute nicht mehr gibt. Von nun an hatte er vollen Anspruch auf 14 Tage Jahresurlaub und keine Residenzpflicht mehr. Anton Dirr war ein freier Mann.

1936 wurde sein Sohn und zwei Jahre später seine Tochter geboren. Wally war als häusliche Dienstmagd zur Kaffeerösterei und Wachszieherei Jocham in der Maximilianstraße gewechselt.

1937 stand die Grundsanierung ihres Hauses an. Zimmermanns-, Dachdecker-, Maurer-, Schlosser- und Malerarbeiten im Wert von 2500 Reichsmark mussten erledigt werden. Die Arbeitsstunde eines Zimmermanns kostete damals übrigens 1,10 Reichsmark.

Trotz der körperlich anstrengenden Arbeit als Bierfahrer mit 30 bis 50 Liter-Holzfässern arbeitete der Fuhrmann bis zu seinem vollendeten 60. Lebensjahr mit seinen Pferden. Sein Körper war durch die schwere Arbeit ausgelaugt, die Lunge stark geschädigt. Im Alter von 65 Jahren starb Anton Dirr 1961.

Seine Wally überlebte ihn um 15 Jahre. Im April 1980 nahm das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege das kleine Haus in die Denkmalliste für Baudenkmäler auf. Die Bezeichnung lautete: Kleinhaus mit Walmdach, Ecklisenen und Eingangsrisalit, 1. Hälfte 18. Jahrhundert.

1981 wechselte das Haus in Mindelheim den Eigentümer. Nun erstrahlt das Kleinhaus hinter dem Einlasstor wie fast vor 300 Jahren. Der Fuhrmann und seine Wally wären begeistert. (mz)

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%202184%20Christian%20Striegel%2cDominik%20Gl%c3%b6bl%2cMichael%20Wallner%2cFlorian%20Br%c3%b6chl%2cFrank%20Eisenschink.tif
Kultur

Verschmuste Löwen

ad__starterpaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket