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Ettringen/Aletshofen

31.10.2020

Der „Kartoffelpapst“ und seine tollen Knollen

Christian Müller schneidet eine „Violetta“ entzwei; wie der Name schon verrät, verfügt diese Kartoffelsorte über ein wunderschön gefärbtes Fruchtfleisch. Sobald Öl hinzukommt, schwindet die Farbe. Wer einen bunten Kartoffelsalat möchte, sollte sie nicht unterheben, sondern nur dazugeben, empfiehlt der Züchter.
Bild: Regine Pätz

Plus Knapp 140 Kartoffelsorten hat Christian Müller in seinem Fundus, darunter auch längst vergessene Sorten. „Saugut“ finden das nicht nur die Schweine des Bauernhofes in Aletshofen.

Eine klare Regel gibt es für jeden, der den Schweinestall von Christian Müller in Aletshofen, einem Ortsteil von Ettringen, betritt: „Hallo!“ sagen, und zwar noch vor dem Betreten. Schließlich sollen sich die Schweine nicht erschrecken. Tatsächlich grunzen sie freundlich zurück. Zwei Säue und ein stattlicher Eber, dazu eine illustre Zahl an Jungtieren aalen sich im Stroh. Im Dezember wird ein Muttertier wieder werfen, deutlich ist der geschwollene Leib zu erkennen. Am Samstag, 31. Oktober, um 17.45 Uhr, sendet auch das BR-Fernsehen einen Beitrag über Christian Müller in „Zwischen Spessart & Karwendel“. Wir haben ihn vorab besucht.

Aletshofen ist quasi auch "Müller-Land"

Rund 20 „Säula“, wie Landwirt Christian Müller seine Tiere nennt, hat er dann im Stall. Und mit der Geburt von zehn bis 19 Ferkeln schwäbisch-hällischer Rasse beginnt der Zyklus von vorn. Was nun diese sehr alte Hausschweinrasse mit der Passion des Aletshofers zu tun hat, ist schnell erklärt. An ihnen lässt sich das Prinzip des Bewahrens alter Werte schön erklären.

Denn Christian Müllers Leidenschaft für Kartoffeln teilen auch die Tiere. Selbst angebaute Sorten dieser „tollen Knolle“ wandern in den Futtertrog. Aufgemengt mit Gras, Schrot und Wasser, auch übrig gebliebener Milch, ergibt das einen nahrhaften Brei - und den mögen die Schweine sehr. Flüssigfutter, als gängige Zuführung in der Schweinemast, würde bei dieser Rasse nicht funktionieren, sagt Christian Müller. Auch auf Soja verzichtet er gänzlich. Das Schrot, gequetschtes Getreide, kommt vom eigenen Feld. Eine Biogasanlage betreibt die Familie obendrein. Aletshofen ist quasi „Müller-Land“.

Mit der Zucht der schwäbisch-hällischen Hausschweine geht Christian Müller den gleichen konsequenten Weg wie mit seinen Kartoffeln. Denn beides – alte Schweinerassen und alte Kartoffelsorten – möchte er bewahren.

So baut er die Bodenfrucht an, um sie zu verwerten. Was davon nicht verwertet werden kann, bekommen die Schweine. Wie früher auf den Höfen, wo alles seine Verwendung hatte und nichts einfach entsorgt wurde.

Rund 20 „Säula“, wie Landwirt Christian Müller seine Tiere nennt, hat er im Stall.

Seine Säula danken es ihm mit schmackhaften Fleisch und natürlicher Robustheit. Müllers Schweine stehen doppelt so lange im Stall als üblich, etwa 120 Kilo bringen sie kurz vor der Schlachtung auf die Waage.

Wunderschön ist auch die Zeichnung der Muttersau; hier zeigt sich die Kreuzung aus schwäbisch-hällisch mit dem belgischen Pietrainschwein. Bis zu fünf Zentner Sau liegt dösend im Stroh.

Die Sortenauswahl von Kartoffelbauer Christian Müller aus Aletshofen ist überregional bekannt

Im Seitentrakt seines Hofes lagern die Kartoffeln, in großen Holzkisten, nach Geschmack und Textur sortiert. Vor zwei Wochen erst sind sie vom Feld geerntet worden. Mit Kreide hat Christian Müller den Namen der jeweilige Knolle daraufgeschrieben. „Laura“, liest man da, „Sieglinde“, „Regina“ oder „Alexandra“. Die größte Box trägt den Namen „Sau“ – natürlich, Futter für die Schweine.

Christian Müllers Sortenauswahl ist überregional bekannt, etliche Stammkunden kommen regelmäßig zu ihm, um sich aus seinem Fundus etwas Schmackhaftes auszusuchen. Auch Exoten, bisweilen Raritäten lagern hier, beispielsweise „Rotkehlchen“, eine mehligkochende Sorte, die in der früheren DDR sehr beliebt gewesen ist.

Zu finden ist auch die alte Sorte „Augsburger Gold“, dazu „Bamberger Hörnchen“ oder klein gewachsene Wildkartoffeln, die über ein wunderschön marmoriertes Fruchtfleisch verfügen.

Im Seitentrakt seines Hofes lagern die Kartoffeln, in großen Holzkisten, nach Geschmack und Textur sortiert.
Bild: Regine Pätz

Etwa 140 Sorten zählt Christian Müller derzeit sein Eigen und vertreibt sie über seinen Raritätenhof in Aletshofen. Damit trägt er zum Sortenerhalt bei, denn viele von ihnen haben ihren wirtschaftlichen Nutzen längst verloren und sind über den Handel nicht mehr zu bekommen. War früher noch der Geschmack ausschlaggebend für den Anbau einer Kartoffel, zählen heute andere Attribute.

Länglich-rund müssen sie in der Regel sein, sagt Müller, damit sie auf dem Förderband nicht kullern. Dazu schön, also frei von Rissen und Augen. Alltagstauglich müssen Kartoffeln heute sein. „Alte Sorten, die das nicht erfüllen, die baut heutzutage kaum noch jemand an“, sagt Christian Müller.

Für ihn sind gerade die erhaltenswert, Kartoffeln mit interessanter Färbung, mit geschichtlichem Hintergrund. Als um 1840 die gefürchtete Krautfäule auf den Ackern wütete, fiel fast die Hälfte der Bevölkerung dem Hungertod zum Opfer. Auch Kartoffelsorten wurden durch die Krankheit vernichtet, ein paar Sorten aus dieser Zeit hat Christian Müller in seinem Fundus. In ihnen sieht er die Wurzeln der heutigen Vielfalt, auch gesichert durch Bewahrer wie ihn.

„Irmgard“, eine Kartoffelsorte, die Müller schon als Kind auf rund 100 Quadratmetern Acker selbst anbaute, ist so ein Beispiel. Unlängst fiel sie aus dem Repertoire gängiger Kartoffelsorten, ein Opfer der Alltagstauglichkeit.

Einem Züchter aus Gunzenhausen konnte Christian Müller noch zwei Säckchen abkaufen. Zum Glück, danach wäre Schluss mit „Irmgard“ gewesen.

Im Seitentrakt seines Hofes lagern die Kartoffeln, in großen Holzkisten, nach Geschmack und Textur sortiert.
Bild: Regine Pätz

Historische Sorten bekommt Müller teilweise noch über die IPK-Genbank. Über deren Arbeitsgruppe „Teilsammlungen Nord“ mit Sitz in Mecklenburg-Vorpommern werden die Groß-Lüsewitzer Kartoffel-Sortimente betreut. Sie enthalten mehr als 6.200 Muster, darunter etwa 2.750 Sorten, Landrassen und Zuchtstämme auch aus europäischem Bereich. Über eine Liste, die von der IPK herausgegeben wird, kommen Züchter wie Christian Müller, gegen einen kleinen Obolus, an Knollen. Auch an „Irmgard“, die quasi so zu ihm zurückgekehrt ist.

Seit rund 23 Jahren betreibt er seine Sortenvielfalt. Unlängst ist nun auch das Fernsehen auf den „Kartoffelpapst“ von Aletshofen aufmerksam geworden und hat filmischen Einblick in das Züchterleben Christian Müllers genommen. Vielleicht, so erhofft er für sich selbst, werde dem Verbraucher so ein Stück Kulturgeschichte nähergebracht – und auch der Wert einer Kartoffel als heimisches Gut. Dann müsste sich Christian Müller beim Blick auf die Kartoffelpreise im Supermarkt auch nicht mehr so ärgern.

Lesen Sie dazu auch: Die Kartoffel hat ein Image-Problem

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