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MZ-Adventskalender

08.12.2011

Der Liebling von gegenüber

Der Liebling von gegenüber
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Wenn Mesner Otto Baur seine Kirche aufsperrt, strahlt ihm gleich die prunkvolle Kanzel entgegen

Eppishausen Dass Otto Baur ein Mann mit Herz ist, das merkt man sofort. Wenn es um die Kirche geht, kann er ausschweifend und energisch erzählen. Es geht dann um das leidige Zölibat, um den tragischen Tod des letzten Pfarrers, der in Eppishausen gewohnt hat, und darum, wie im Mittelalter die großen Kirchenherren die kleinen Leute bei der Beichte ausgehorcht haben.

Baur ist seit fast 60 Jahren Mesner in Sankt Michael. In dieser Zeit ist viel passiert, was an seinem Glauben gerüttelt hat: Missbrauchsfälle, notdürftige Reformen – nur auf eines würde er nichts kommen lassen, und das ist Sankt Michael selbst, seine Kirche, um die er sich so viele Jahrzehnte gekümmert hat.

Im Dorf hat es geheißen, wenn jemand Leidenschaft für eine bestimmte Sache besitze, dann sei es Otto Baur. Deswegen steht man an diesem windigen Dezembermorgen nun gemeinsam mit ihm und seiner Lebensgefährtin an der Schwelle zur Kirche und lässt sich von seinem Enthusiasmus ein bisschen anstecken. In der Apsis glänzt einem goldenen der Hochaltar entgegen. „Der ist schon schön, aber das wahre Schmuckstück ist das da“, sagt Baur und zeigt auf die Kanzel. Gegenüber vom Eingang ragt seitlich leicht versetzt der reich verzierte Hochstand aus der Wand. „Das ist der erste Blickfang, wenn man in die Kirche reinkommt“, sagt der 78-Jährige.

Der Liebling von gegenüber

Auf einem Bild vorne an der Kanzel bekommt Maria gerade ihr Skapulier überreicht. Ansonsten schnörkelt es sich um das Podest nur so herum, dass es eine wahre Pracht ist. „In viele Kirchen sind das ja so viereckige Kästen“, sagt Baur und beschreibt stolz, wie beeindruckt viele Besucher von der Kirche sind.

In Auftrag gegeben wurde die Kanzel im Jahr 1749 von einem gewissen Frater Fidelis Wiedemann aus Nassenbeuren. So steht es in der Ortschronik von Eppishausen vermerkt. Wiedemann wollte damals der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Kirche einen neuen Glanzpunkt verleihen.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil predigt eigentlich kein Pfarrer mehr von der Kanzel herab. Aber wenn das Schmuckstück schon da ist, müsse man es auch nutzen, findet Baur. Im Laufe der Jahre hat er immer mal wieder einen Pfarrer in die Kanzel bugsiert. Mal hat es mehr, mal weniger Überredungskunst gebraucht. Das bislang letzte Mal, dass es geklappt hat, war am Faschingssonntag vor fünf Jahren. Seitdem hat die Kanzel niemand mehr betreten. Für das Foto stellt sich Baur bereitwillig auf sein Lieblingsstück. „Dann steht wenigstens mal wieder jemand drauf“, sagt er. Er sei noch ein Mesner alten Schlags, sagt seine Lebensgefährtin über ihn. An Ostern sei die Kirche so reich mit Fahnen geschmückt wie keine andere. Da gebührt es Baur sicherlich auch, sich für eine Minute mal aufs Podest zu stellen.

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