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01.08.2017

Der Miraculix von Wiedergeltingen

Das sind nicht einfach nur „Tomaten“ – das sind wohlschmeckende Erinnerungen an einen wunderbaren Urlaub in Nizza. 13 Jahre waren die Tomatensamen in der Versenkung verschwunden. Bis zu diesem Frühjahr...
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Das sind nicht einfach nur „Tomaten“ – das sind wohlschmeckende Erinnerungen an einen wunderbaren Urlaub in Nizza. 13 Jahre waren die Tomatensamen in der Versenkung verschwunden. Bis zu diesem Frühjahr...

Porträt Alwin Lauer (74) aus Wiedergeltingen hat nicht nur einen „grünen Daumen“ und ein Händchen für Kräuter und ihre Heilkräfte. Auch seine Tomaten haben eine ganz besondere Geschichte

Wiedergeltingen Medikamente aus der Apotheke? „Nein, danke“, sagt Alwin Lauer. Seit Jahren nimmt der 74-Jährige keine künstlich hergestellten Pillen mehr. Wenn ihm sein Arzt dann aber doch mal etwas verschreiben will, dann lehnt er lieber ab: „Ich hab’, was ich brauche ...“

Er verlässt sich vielmehr auf die Heilkräfte der Natur – und da erinnert er fast ein wenig an den Druiden „Miraculix“, der in den Asterix-Comics seine Zaubertränke selber braut.

Aber mit Fantasie, Geheimniskrämerei oder gar Hexerei hat sein Hobby ganz und gar nichts zu tun: Alwin Lauer kennt jedes Kräutlein und weiß zu allen eine Geschichte. Johanniskraut ist gut für die Seele, aber aufgepasst: „Zu viel davon ist auch nicht gut. Es kommt immer auch auf die Dosierung und auf die individuellen Beschwerden an“, sagt der 74-Jährige bestimmt.

Als gelernter Metzger und ehemaliger Gastwirt war er früher alles andere als ein Garten-Fan, erst im Ruhestand hat er seinen „grünen Daumen“ entdeckt – und den lebt er buchstäblich prächtig aus: Kein Zentimeter in seinem Garten rund um das kleine Häuschen ist noch frei, überall grünt und blüht es und man sieht ihm den Stolz an, wenn er durch sein grünes Dschungel-Paradies geht: Jede Pflanze wird berührt, vielleicht sogar gestreichelt. Alwin Lauer hat wirklich eine Beziehung zu seinen Pflanzen und die geben ihm das offenbar auch wieder zurück: „Hier bin ich glücklich“, sagt er und fährt ganz zärtlich über die krautigen Stängel eines Beinwell: „Der lateinische Name lautet Symphytum und es hilft besonders gut bei Knochenbrüchen oder schmerzhaften Beschwerden an den Beinen“, sagt er.

Natürlich hat er eine Salbe gemacht, wie von fast allen seinen Pflanzen hier. Von einem befreundeten Imker bekommt er das Wachs, das er dann erwärmt und mit den getrockneten Pflanzen zu einer Salbe verarbeitet. Alles ganz natürlich, und dass keinerlei Konservierungs- oder Zusatzstoffe enthalten sind, versteht sich von selbst.

Seine Familie profitiert bei allerhand Wehwehchen von seinen Salben, seinen selbst hergestellten Tees – klar, auch aus dem eigenen Garten – von seinen Kräuterumschlägen und vielem mehr. Und immer wieder kommen auch Freunde oder Bekannte, um sich eines seiner „Wundermittelchen“ zu holen, die laut Alwin Lauer aber gar nichts von einem „Wunder“ haben.

„Jedes einzelne Kräutlein hat seine eigene individuelle Wirkung“, zitiert er den „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp, auf dessen Gesundheitslehren Alwin Lauer schwört. Irgendwo in seinem Garten hat er dann sogar noch ein Plätzchen gefunden, um eine alte Duschwanne in ein Becken zum Wassertreten zu verwandeln. „Hier abends einige Male treten, die Beine nicht abtrocknen. Da schlafen sie wie ein Murmeltier“, weiß Alwin Lauer, der aus seiner Liebe für seinen Garten und zu seinen Pflanzen viel Kraft schöpft.

Wenn er Zeit findet, dann widmet er sich auch gerne seinem zweiten großen Hobby: Als passionierter Schnitzer hat er in der ganzen Region einen hervorragenden Ruf.

Das alles würde er aber nur allzu gerne eintauschen, wenn er mit seiner Frau nur wieder auf Reisen gehen könnte. Dass seine Ehefrau Lilli aufgrund einer Krankheit derzeit ans Haus gefesselt ist, macht ihn aber nicht mutlos. Im Gegenteil: „Dann erinnern wir uns halt gemeinsam an die schönen Reisen, die wir schon gemacht haben“.

An eine dieser Reisen hat Alwin Lauer eine ganz besondere Erinnerung mitgebracht, die freilich lange darauf warten musste, bis sie buchstäblich zum Leben erweckt wurde. 13 Jahre ist es her, als Lilli und Alwin Lauer Urlaub in Südfrankreich machten – natürlich wegen der Blumenriviera und der sprichwörtlichen blühenden Pracht der Cote d’Azur. Beim Spazierengehen in Nizza entdeckten die beiden dann einen winzigen Laden, in dem getrocknete Blüten und Samen verkauft wurden. Weil ihm die Tomaten in seinem Hotel an diesem Tag so besonders gut geschmeckt hatten, nahm Alwin Lauer ein Tütchen davon mit – und vergaß es.

Heuer im Frühling fiel ihm das Tütchen zufällig wieder in die Hände – doch er hatte keine allzu große Hoffnung, dass daraus noch etwas wachsen werde. Von wegen: Die Samen schienen nur darauf gewartet zu haben, endlich aufblühen zu können. Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer – im ganzen Haus standen überall Töpfe mit Tomatenpflanzen, alle aus dem vergessenen französischen Samen-Tütchen.

In seinem kleinen Gewächshaus hat Alwin Lauer jetzt einige der Tomatenpflanzen groß gezogen, der Rest wurde an Verwandte und Freunde verschenkt. Und jetzt erntet er jeden Tag wunderbare rote Früchte, die auch noch herrlich schmecken. „Ganz süß und saftig, viel besser als alle anderen Tomaten“, sagt er und schließt die Augen, als er in eine Tomate beißt.

Ob er dabei auch an den unvergesslichen Urlaub in Nizza denkt...?

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