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Pest im Unterallgäu

11.04.2020

Der „Schwarze Tod“ wirft immer noch Schatten

Mindelheims Stadtpfarrer Andreas Straub mit dem Pestkreuz der Pfarrei St. Stephan.
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Mindelheims Stadtpfarrer Andreas Straub mit dem Pestkreuz der Pfarrei St. Stephan.
Bild: Franz Issing

Plus Lange vor Corona suchte eine weitaus schlimmere Epidemie Europa heim. Die Menschen suchten Halt im Glauben. Davon zeugen noch heute viele bauliche Erinnerungsorte.

Ob Pest, Aussatz, Cholera, Tuberkulose, oder Spanische Grippe. Zu allen Zeiten kämpften die Menschen mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Ausbreitung von Seuchen. Was in der Corona-Krise „Social distancing“ oder das Millionen schwere „Bazooka“ der Bundesregierung zur Rettung der Wirtschaft ist, war im Mittelalter, als der „Schwarze Tod“ in Deutschland grassierte, das feierliche Gelöbnis, eine Kapelle, ein Marterl oder ein Pestkreuz zu errichten, wenn man von der Pandemie verschont bleibt.

Mit allerlei Quacksalbereien und abergläubischen Praktiken versuchte man damals den Seuchen Herr zu werden. Man trug wie heute Gesichtsmasken. Nur dass deren lange Schnäbel wohlriechende Duftstoffe enthielten.

Zahlreiche Pestkreuze, Heiligenfiguren und geweihte Kirchlein erinnern auch im Dekanat Mindelheim, wie auch im gesamten Unterallgäu an Krankheiten, die vor Jahrhunderten hier wüteten und viele Tausend Menschenleben forderten. Die Standorte der Kapellen und Pestäcker in Wald und Flur, so auch der Friedhof beim Moosberg in Bad Wörishofen, zu dem die Gläubigen beim jährlichen Flurumgang pilgern, lassen darauf schließen, dass Pesttote nicht im Ort, sondern wegen der Ansteckungsgefahr außerhalb der Dörfer verscharrt wurden.

Früher galt die Pest als Strafe Gottes

Während unsere Vorfahren in der Pest die strafende Hand Gottes für menschliches Fehlverhalten sahen, urteilen moderne Theologen da ganz anders: „Gott achtet die Freiheit der Menschen und auch die Gesetze der Schöpfung und greift nicht in das Weltgeschehen ein, er leidet mit“, lautet ihr Credo.

Wie sich doch die Bilder gleichen. In der Wörishofen-Chronik des verstorbenen Seelsorgers der Pfarrei St. Justina ist zu lesen, dass der „Schwarze Tod“ anno 1347 über Italien aus China eingeschleppt wurde und in den Jahren 1628/29 in dem kleinen Wörishofen von 600 Einwohnern 500 der Seuche zum Opfer fielen. Die bringen sich auf einem Sebastiani-Relief auf dem Pestacker in Erinnerung. Dort steht geschrieben: „Weil uns die Pest das Leben nahm, ruhen wir verlassen hier, wenn dein Gebet zu Hilf uns kam, lohnen wir es reichlich dir“. Häufig sind die stummen Zeugen der Schreckenszeiten der Muttergottes gewidmet, die von den Menschen ebenso um ihre Hilfe angefleht wurde, wie die Pestpatrone St. Sebastian und Rochus.

In Mindelheim stand ein Leprosen-Spital

Auch Mindelheim blieb von der Pest nicht verschont. Aussatz war in der Frundsbergstadt im Mittelalter bis in die Neuzeit hinein weit verbreitet. So wurde nach einer großen Seuchenwelle anno 1348 eine bürgerliche Stiftung für ein „Leprosen-Spital“ gegründet. Hier kam auch der Liebfrauenkapelle eine bedeutende Rolle zu. Sie galt von Anfang an als ein Teil des „Sondersiechen“, beziehungsweise „Leprosenhauses“.

„Die in dem sich westlich der kleinen Kirche anschließenden Gebäude untergebrachten Kranken hatten über eine noch erhaltende Empore direkten Zugang zur Kapelle, ohne mit den Gottesdienstbesuchern in Berührung zu kommen“, weiß Mindelheims Kulturamtsleiter Christian Schedler. Bei der Karfreitagsliturgie in der Pfarrkirche St. Stephan in Mindelheim wird heute noch ein Kreuz aus der Pestzeit verehrt. „Das Kruzifix zeigt den leidenden Christus und nimmt somit Bezug zu den unsäglichen Leiden der Leute in der Pestzeit und auch zu ihren Sorgen in der Corona-Krise“ erläutert Dekan Andreas Straub. Aus Pfarrbüchern geht hervor, dass die „Geißel der Menschheit“ auch in Türkheim ihren Tribut gefordert hat. Historiker wissen, dass in der Wertachtalgemeinde im 17. Jahrhundert auf einem Pestfriedhof eine dem heiligen Leonhard geweihte Kapelle errichtet wurde, die anno 1803 aber abgerissen wurde.

Pestkreuze findet man oft im Unterallgäu

Pestkreuze, Laternen und Friedhöfe fanden oder finden sich auch in Ober- und Unterkammlach, wie auch in Rammingen. Auch an der Straße von Siebnach nach Kirchsiebnach erinnert der Gekreuzigte an unselige Zeiten. Erst kürzlich renoviert wurden drei Pestkreuze nahe Zaisertshofen. Dort wurden die Speisen für die Kranken abgestellt, erzählt man sich. Drei Pestkreuze entdeckt auch, wer von Hausen sich durch den Wald auf den Weg nach Mattsies macht. Nicht zuletzt findet sich auch eine Gedenktafel an die Pesttoten von Hausen an der Kapelle am Simonberg.

Nicht nur in Zeiten großer Epidemiewellen riefen die Mindelheimer „Maria vom guten Rat“ an. Auch beim Einmarsch der Amerikaner im Jahre 1945 gelang es mit Gebet und Hilfe der Gottesmutter das Schlimmste zu verhindern. Da keine weißen Fahnen in der Stadt gehisst waren, drohte eine Konfrontation mit den US-Streitkräften. Letztlich wurde nach Verhandlungen Mindelheim doch friedlich eingenommen.

Zum Dank, dass sie Krieg und Naziterror unbeschadet überstanden, stifteten die Maria-Ward-Schwestern eine Standarte, die heute im Besitz der Pfarrei St. Stephan ist. Bestickt ist die mit dem Spruch „Wunderbare Mutter, schütze Deine Mindelheimer Kinder“ und mit einem Bild der Jungfrau Maria, die ihren Mantel und die Kinder der Stadt hüllt. Die prächtig bestickte Fahne soll nicht vergessen machen, dass das aus öffentlichen Gebäuden entfernte Kreuz Christi letztlich über das Hakenkreuz siegte.


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