Dialekt im Unterallgäu

07.08.2013

Der Sprachbotschafter

Manfred Kraus aus Apfeltrach liebt seine schwäbische Heimat und seinen schwäbischen Dialekt. Zur Eröffnung der Allgäuer Festwoche in Kempten darf er selbst geschriebene Gedichte vortragen.
Bild: Stoll

Manfred Kraus aus Apfeltrach darf zum Auftakt der Allgäuer Festwoche das Unterallgäu in Kempten vertreten und selbst verfasste Gedichte vortragen – vor so vielen Zuschauern wie noch nie

Ein Brief vom Kemptener Oberbürgermeister – was mag das zu bedeuten haben? Mitte Juli fand Manfred Kraus ein Schreiben von Ulrich Netzer in seinem Briefkasten in Apfeltrach vor. Netzer fragte bei dem Lehrer an, ob er nicht das Unterallgäu am 10. August zum Auftakt der Allgäuer Festwoche vertreten wolle. Je ein Vertreter aus den vier Allgäuer Landkreisen darf vor 650 geladenen Gästen selbst verfasste Gedichte in schwäbischer Mundart bei der Veranstaltung „So singet und schwätzet mir im Allgäu“ vortragen. Festgast übrigens ist der Bayerische Ministerpäsident Horst Seehofer.

Kraus, 53, freut sich sichtlich über diese Anerkennung seiner Arbeit und den großen Auftritt, der ihm bevorsteht. Seit Jahren notiert er auf, was er an ungewöhnlichen schwäbischen Worten und Redewendungen aufschnappt und verarbeitet sie in Reimform weiter. Zwei Bände im Eigenverlag jeweils mit mehreren hundert Exemplaren sind bereits erschienen, ein drittes Buch soll im Oktober erscheinen.

Manfred Kraus ist jemand, der seine „Hoimat“ liebt und sie schon deshalb besonders wachen Sinnes beobachtet. Wenn er von Apfeltrach aus mit dem Rad über die Dörfer strampelt, dann passiert es schon mal, dass er „osagfehts“, also unvermittelt, anhält, um eine alte Tür eines Bauerhofes zu bewundern. Oder er legt am Friedhof einen Zwischenstopp ein, um mit einem alten Muttchen ins Gespräch zu kommen. Der warme Klang ihres Schwäbisch lässt ihm das Herz aufgehen. Heimat, sagt Manfred Kraus, hat viel mit Gefühlen, mit Zwischentönen zu tun. Und das lasse sich am Besten im Dialekt ausdrücken.

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Aufgewachsen ist Kraus auf dem Dorf in Mindelau. Nach Schule und Abitur hat es ihn ins Oberbayerische verschlagen. In München hat er studiert, in Tutzing am Starnberger See zehn Jahre lang als Hauptschullehrer gearbeitet. Vor ein paar Jahren ist er in die Heimat zurückgekehrt und unterrichtet heute an der Mittelschule in Pfaffenhausen. Er lebt mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern in Apfeltrach.

Vielleicht muss man eine Weile woanders gelebt haben um zu ermessen, was die eigene Heimat bedeutet. Manfred Kraus war früher viel unterwegs. Syrien, Libanon und besonders Griechenland hatten es ihm angetan. Bei 40 Grad im Schatten schnürte er dann die Wanderschuhe und machte sich auf in abgelegene Dörfer. Das Leben im Gleichgewicht, wie er es dort erlebt hat, hat ihn tief beeindruckt.

Daheim hat er dann ein Buch über seine Eindrücke geschrieben – auf Hochdeutsch. Dabei wurde ihm aber deutlich, wie gerne er auch über seine Heimat Schwaben schreiben würde, und zwar „in meiner Sprache“, dem Schwäbischen. Auch hier ist er auf eine besondere Schönheit gestoßen, die er festhalten will.

Da beschreibt er dann einen sehr alten Bauernhof, der zugrunde geht. Oder er spiegelt das menschliche Vergehen im Band alte „Beim“ (Bäume). Aufbauendes ist ihm wichtig, um den Blick für die Schönheiten der Heimat zu schärfen. Seine Gedichte illustriert er mit eigenen Zeichnungen oder stellt Fotos dazu, die er selbst geschossen hat.

Heimat hat für Manfred Kraus viel mit Sprache zu tun. Und im Dialekt lässt sich vieles besser, genauer und farbenreicher schildern. Wenn er als Lehrer mit 14- bis 16-Jährigen im Dialekt spricht, „lässt sich Freudiges und Problematisches besser ansprechen“, sagt Kraus. Dass diese reiche Welt durch Fernsehen, Internet oder Radio arg unter Druck geraten ist, ist Manfred Kraus nur zu bewusst.

Er erlebt aber auch eine große Sehnsucht vieler Menschen nach der eigenen Sprache. Seine Lesungen in Mundart in der Katzbrui-Mühle oder bei Bücher Thurn in Mindelheim waren jedes Mal gut besucht. Aber noch nie hat Manfred Kraus eine Auswahl seiner Gedichte vor so vielen Menschen vorgelesen wie diesen Samstag in Kempten im historischen Kornhaus.

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