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Geschichte

16.08.2019

Der Streit um die Sonne

Christoph Scheiner lieferte sich mit Gallilei einen teils sehr deftigen verbalen Schlagabtausch um ein zentrales Thema.
Bild: MZ-Archiv

Bei der Diskussion zwischen Christoph Scheiner und Galileo Galilei ging es mitunter recht unsachlich zu. Das eigentliche Problem lag woanders

Die Erde sei eine Scheibe und deren Rand der Abgrund zur Hölle. Landläufig hält sich immer noch diese Meinung über das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. Das mag für den einfachen Bauern, den Handwerker in der Stadt zutreffen; die Wissenschaft hatte zu jener Zeit schon längst die Kugelgestalt der Erde akzeptiert. Einzig die Frage, wer sich denn um wen drehe, war noch nicht entschieden.

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Religiös dogmatisch stellte die Erde den Mittelpunkt des Kosmos, ja dessen eigentlicher Sinn dar. Die Welt wurde erschaffen, um einzig und allein Gott zu dienen. Sonne, Mond, Sterne ... alles Beiwerk! Im 16. Jahrhundert strömte allerdings eine neue, frische Luft über die Alpen. Die Renaissance, die in Italien schon längst künstlerisch, politisch als auch geistig den Ton angab, fand Anhänger auch in deutschsprachigen Landen. Der Geist lernte frei zu denken – wenn er dabei auch zum Teil auf erbitterten Widerstand etablierter Kreise stieß.

Gerätschaften wurden erfunden und verbessert, man beobachtete, forschte und zog Schlüsse daraus. In diese aufregende, spannungsgeladene Zeit wurde am 25. Juli 1575 (andere Quellen behaupten 1573) im damaligen Irmatshofen auf dem Wald, der späteren Gemeinde Markt Wald, der Familie Scheiner ein Sohn geboren. Auf den Namen Christoph getauft, war der Sprössling schon früh für den geistlichen Stand bestimmt. So trat er auch 1590 in das Augsburger Jesuitengymnasium und in der Folge in das Kolleg in Landsberg ein, wo er auch in den Orden aufgenommen und zum Priester geweiht wurde.

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Sein Interesse galt aber schon in diesen Jahren vorrangig den Naturwissenschaften. Das heute als „Storchenschnabel“ bekannte Zeichengerät des Pantographen geht ebenso auf den Jesuitenschüler aus Markt Wald zurück wie das erste bekannte Fernrohr mit zwei konvexen Linsen. Zwischenzeitlich war der Jesuit Professor an der Universität in Ingolstadt und lehrte Mathematik und Hebräisch.

Im Frühjahr 1611 – es muss ein wolkiger oder nebliger Tag gewesen sein – beobachtete Scheiner zusammen mit einem Pater vom Turm der dortigen Heilig-Kreuz-Kirche die Sonne. Was die beiden Geistlichen durch das Fernrohr zu sehen bekamen, verstörte sie zutiefst! Das leuchtende Symbol göttlicher Reinheit und Vollkommenheit hatte schwarze Flecken. Um einen Irrtum auszuschließen, wiederholten die Beiden ihre Betrachtungen in den kommenden Wochen mehrmals – nur um auf dasselbe Ergebnis zu kommen.

Die Lehrmeinung der eigenen Kirche stand der Entdeckung entgegen. Es wurde um eine Erklärung gerungen, die dahingehend lautete, die dunklen Flecken seien Planeten oder Monde, die sich vor der Sonne befinden müssten. Mittels des Augsburger Patriziers Marcus Welser übermittelte Scheiner – allerdings anonym – seine Erkenntnisse sowohl an Johannes Kepler als auch an Galileo Galilei, den beiden führenden Astronomen jener Zeit. Nun scheint sich gerade Letzterer beim Empfang der Neuigkeiten nicht besonders wohl gefühlt zu haben, denn schon wenig später erklärt der Italiener, er habe die Sonnenflecken bereits im Herbst 1610 beobachtet, also ein halbes Jahr vor Scheiner.

Anders als der Ingolstädter Professor vermutete Galilei Wolken in der Sonnenatmosphäre als Ursache für die Verdunkelungen. Was dann folgte, waren zum Teil unwissenschaftliche Beschimpfungen und Verleumdungen der übelsten Art, die sicherlich vor allem der Eitelkeit des Pisaners geschuldet waren.

Doch auch die Gegenseite gab sich nicht geschlagen, als es galt Galileis „Dialogo“ in Deutschland zu verbreiten. Offenbar wusste Scheiner mit Hilfe des Jesuitenordens dies zu verhindern. Bei genauerer Betrachtung war der Streit um Erstentdeckung und Ursache der Sonnenflecken aber lediglich ein Alibi. In jener Wendezeit des 16. Jahrhunderts, als das ptolemäische Weltbild mit der Erde als Zentrum zunehmend in die Kritik geriet, war jede Lehrmeinung eine Positionierung.

Nikolaus Kopernikus vollzog den Schnitt, indem er die Sonne in der Mitte anordnete und die Planeten um sie kreisen ließ. Die bewohnte Welt ins unbedeutende Abseits geschoben, war diese These für die Kirche nicht akzeptabel. Bekannt ist der – allerdings nicht bewiesene – Ausspruch Galileis, nachdem er von der Inquisition seine Erkenntnisse widerrufen musste: „Und sie dreht sich doch“.

Christoph Scheiner mag mit fortschreitendem Alter durchaus mit dem kopernikanischen Weltbild sympathisiert haben, als Jesuit und Geistlicher waren ihm aber die Hände gebunden, sodass er alles daran setzte, seine Erkenntnisse mit der bisherigen Lehrmeinung der Kirche in Einklang zu bringen. Hierfür schien Galilei nur Verachtung übrig gehabt zu haben.

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