1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Der Türkheimer Stolz ist heuer 38 Meter hoch

Brauchtum

29.04.2019

Der Türkheimer Stolz ist heuer 38 Meter hoch

Geschafft! Gruppenbild der Akteure zum Arbeitsabschluss. Der 1. Vorstand des Heimat- und Trachtenvereins Josef Scharpf (3. von rechts) kann auf sein Team stolz sein.
Bild: Sabine Schaa Schilbach

Wenn der Heimat- und Trachtenverein in Türkheim den Maibaum aufstellt, ist auch etwas Abenteuer mit dabei.

Der Star war auf dem Starenkasten in luftiger Höhe gelandet, noch bevor der Kran den Türkheimer Maibaum ganz aufgerichtet hatte: der Vogel musste lange für diesen Moment ausgeharrt haben. Bisher wohl nur Untermieter im Storchennest gleich gegenüber, hatte er den kürzesten Weg und so die besten Chancen auf die Penthouse-Wohnung mit Super-Aussicht in 35 Metern Höhe.

Die Star-Gattin folgte ihm kurz darauf und inspizierte das neue und wohl auch alte Heim. Beide Vögel wohnen hier nicht zum ersten Mal. Sie müssen zusätzlich zu ihrem guten Gedächtnis auch ein Rezept gegen Seekrankheit haben. Denn die Spitze des Türkheimer Maibaums mit dem Starenkasten schwankt schon bei wenig Wind erheblich.

An diesem Vormittag beim Maibaum-Aufstellen hatten es die gut 15 Helfer allerdings mit richtig heftigen Windböen zu tun. Traditionell wird die Aktion vom Türkheimer Heimat- und Trachtenverein organisiert. Die Gemeinde spendiert den Baum, diesmal eine 26 Meter hohe Fichte aus dem Gemeindewald an der Tussenhausener Straße, dazu kommen 14 Meter Baumspitze. Der Türkheimer Maibaum ist also 38 Meter hoch, denn zwei Meter werden für die obere Überlappung gebraucht.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Diese Bauweise aus zwei Stämmen dient der Stabilität dafür, wenn der Baum trocknet. Jetzt wiegt er noch über drei Tonnen, da voll im Saft stehend geschlagen. Das wiederum ist nötig, damit er überhaupt geschält werden kann.

Im vergangenen Jahr feierte der Heimat- und Trachtenverein sein 95-jähriges Bestehen mit einem aufwendigen Maibaum-Fest. Seit 65 Jahren ist der Verein nun für Türkheims Maibaum zuständig. Von 1981 an, nach dem Umzug des Rathauses in das Schlossgebäude, wird er jedes Jahr zum 1. Mai auf dem damals neu gestalteten Schlossplatz aufgestellt. Dort bleibt er bis vor Kirchweih.

Der Baum musste am Tag zuvor geschlagen werden. Im unteren Teil ließ man einen Rinden-Ring stehen, um Rauten und die Jahreszahl einzuschnitzen. Der Transport des Stammes: ein Abenteuer, da zwei Leute auf ihm sitzen müssen, um das überlange Gefährt sicher um die Kurven zu kriegen. Glücklich rückwärts auf dem Schlossplatz angekommen, wurden die zwei Stämme mit Schellen zusammengefügt, auf Metallböcke gelegt und die Nacht über in zwei Schichten „bewacht“.

Die Bild-Tafeln, paarweise links und rechts des Stammes angebracht, zeigen die Embleme der Türkheimer Zünfte. Von Berufen, die es nicht mehr gibt, dann von solchen, die es noch gibt und die sich aber stark verändert haben, und dann von denen, die neu sind. So entsteht ein eindrucksvolles Bild von den Veränderungen im Handwerk in nur wenigen Generationen. Die Leute vom Verein sehen es pragmatisch: sie hängen die Tafeln ihrer eigenen Berufe auf. Den Schuhmacher, den Buchdrucker, den Schlosser, den Schneider: sie alle gibt es in Türkheim nicht mehr.

Das Binden des kleineren und des größeren Kranzes ist Frauenarbeit, und so bekommt das „Damenkränzchen“ eine charmante Note. Die Zunft-Tafeln werden von Zeit zu Zeit renoviert. Ursprünglich vom Heimatdichter Leopold Schuhwerk geschaffen, erfuhren sie vor zehn Jahren eine Neuauflage durch den Maler Markus Wachter.

Und das Maibaum-Stehlen? Andreas Seitz gibt zu, dass das in Türkheim schon zweimal passiert sei. „Aber bevor man Ablöse zahlt, holt man halt einen neuen!“ und, der Wahrheit die Ehre, „wir haben selbst auch schon geklaut!“

Am Mittwoch, 1. Mai, ab 13.30 Uhr lädt der Heimat- und Trachtenverein Türkheim zum „Tanz in den Mai“ ein, mit Musik, Tanzdarbietungen und Bewirtung.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren