1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Der abenteuerliche Kirchturm von Kirchheim

Kirchheim

18.09.2019

Der abenteuerliche Kirchturm von Kirchheim

Weithin sichtbar bestimmt der Kirchturm die „Skyline“ von Kirchheim.
5 Bilder
Weithin sichtbar bestimmt der Kirchturm die „Skyline“ von Kirchheim.
Bild: Melanie Lippl

Plus Warum Auswärtige in Kirchheim häufig Probleme haben, die Uhrzeit am Kirchturm Peter und Paul zu entziffern und welche Besonderheiten dieser noch birgt.

„Freiwillig geht man hier nicht rauf“, sagt Rosemarie Engstle auf dem Weg zum Kirchturm von Sankt Peter und Paul. Die Mesnerin des Kirchheimer Gotteshauses ist selbst schon lange Zeit nicht mehr hier gewesen, hier, auf dem Weg, der links vom Altar nach oben führt – aber warum auch? Die Turmuhr geht über Funk, das Geläut lässt sich ebenfalls bequem von unten steuern. Und auch wenn vor einiger Zeit Geländer entlang der teils steilen Treppen innerhalb des Turmes angebracht werden mussten: Ein bisschen abenteuerlich ist der Weg nach oben immer noch.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Die Aussicht vom Kirchheimer Kirchturm ist herausragend

58 Meter hoch ist der Turm laut der „Geschichte des Marktes Kirchheim und seiner Ortsteile“, einem Buch, das Ernst Striebel und sein Sohn Helmut verfasst haben. Von ihnen stammen die historischen Informationen über den Glockenturm in diesem Artikel. Hoch steht das Bauwerk über dem Mindeltal und wirkt wegen Kirchheims Lage auf der Anhöhe noch höher. Schon von Weitem ist das Wahrzeichen erkennbar. Auch andersherum ist die Sicht herausragend: Bei gutem Wetter soll man von ihm aus bis zur Alpenkette, dem Ulmer Münster, zum Kloster Roggenburg und in die Stauden schauen können.

MZ-Türmeserie: Glockenschlag im Kirchheimer Kirchturm St. Peter und Paul
Video: Melanie Lippl

Inzwischen ist der Ausblick in alle Richtungen allerdings durch engmaschige Netze getrübt: Sie sollen die Dohlen davon abhalten, sich im Turm einzunisten. Für sie wurden eigens Nistplätze außerhalb der Gitter geschaffen, die sie auch eifrig nutzen. Die Vögel und ihre Hinterlassenschaften können so dem Inneren des mehr als 500 Jahre alten Turm nichts mehr anhaben.

Der abenteuerliche Kirchturm von Kirchheim

Der untere, quadratische Teil des Kirchheimer Kirchturms mit seinen acht Geschossen wurde Ende des 15. Jahrhunderts gebaut, schreiben die beiden Heimatforscher Striebel – damals schloss wohl noch ein Satteldach den Turm ab. Die Fundamente des Turms und der alten Burg waren miteinander verbunden. Überall in den Wänden des Turms befinden sich – inzwischen von außen her zugemauerte – Löcher. Dass es sich dabei um Schießscharten handelt, ist laut Ernst Striebel jun. durchaus denkbar, da der Turm im Mittelalter wohl auch als Bergfried der Burganlage diente.

Stunden- und Minutenzeiger befinden sich in Kirchheim auf unterschiedlichen Ziffernblättern

1580 ließ Hans Fugger beim Bau des Schlosses den Turm um den achteckigen oberen Teil erhöhen – nun mit einer Schweifhaube und einem Turmknopf mit Kreuz am oberen Ende, wie Helmut und Ernst Striebel in ihrem Buch schreiben. Daniel Hauser deckte die Haube mit Kupfer; am Kreuz saßen drei vergoldete Kugeln, von denen eine eines Tages fehlte: So nahm man das Kreuz ab. Fast 100 Jahre lang schloss der Knopf den Turm ab. 1850 kam dann durch Bischof von Ziegler das heutige Kreuz mit den feuervergoldeten Kugeln auf den Turm. Es ist 3,80 Meter hoch und fast 100 Kilogramm schwer.

Es gibt noch eine Besonderheit am Kirchheimer Kirchturm: die Uhr. Sie wurde 1879 vom Krumbacher Uhrmacher Hiller gefertigt und macht es gerade Auswärtigen gar nicht so leicht, die Zeit zu entziffern: Der Stunden- und der Minutenzeiger befinden sich auf jeweils unterschiedlichen Zifferblättern. Das hat auch Vorteile, wie Mesnerin Rosemarie Engstle scherzhaft erklärt: „Dann können zwei Leute gleichzeitig auf die Uhr schauen.“

Jede Viertelstunde wird es laut im Glockenstuhl oben im Turm. Fünf Glocken sind hier auf engstem Raum untergebracht, die beiden ältesten seit rund 400 Jahren. Die große Glocke, auch Markusglocke genannt, ist ein Prachtguss des berühmten Wolfgang Neidhart II. aus Augsburg von 1605, über einen Meter hoch und fast eineinhalb Meter im Durchmesser. Sie zeigt neben dem Evangelisten Markus mit Löwe und Buch auch die Wappen des Stifters Markus Fugger und seiner beiden Frauen Anna Maria Gräfin von Hohenzollern und Maria Salome Freiin von Königsegg. Die Feierabendglocke wurde ebenfalls von Neidhart II 1619 gefertigt und in Kirchheim verbaut.

Zwei Männer haben sich auf der Kirchheimer Glocke verewigt

Bis Ende der 1870er Jahre waren noch vier weitere Glocken im Turm untergebracht: Das Schlagglöcklein, ganz oben und nach außen hin sichtbar, schlug alle Viertelstunden. Es kam später auf das Türmchen der Englisch-Gruß-Kapelle anstelle einer Glocke, die dort zersprungen war. Zudem die Gebetläutglocke (Angelusglocke), die Mittagglocke sowie das Kindsglöcklein, das bei Beerdigungen kleiner Kinder geläutet wurde. Diese drei Glocken wurden in zwei Glocken umgegossen, die wiederum dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen.

MZ-Türmeserie: Der Glockenstuhl des Kirchturms in Kirchheim
Video: Melanie Lippl

Für sie kamen 1920 wieder zwei Glocken auf den Turm, eine gestiftet von Fürst Carl Ernst Fugger und seiner Frau Elisabeth, die andere von der Pfarrkirchenstiftung. Letztere trägt die Inschrift: „Kriegerglocke nennt man mich, mahnen wollen meine Töne, daß die Heimat ewiglich, denkt der todten Heldensöhne.“ Lange erklang das „mahnende“ Geläut jedoch nicht: Die beiden 1920 angebrachten Glocken wurden im Zweiten Weltkrieg eingezogen – als Ersatz kam eine Glocke von der Englisch-Gruß-Kapelle auf den Kirchturm, bis letztlich im Jahr 1961 drei neue Glocken in einer feierlichen Weihe ihren Platz im Turm erhielten: die Kriegergedächtnisglocke, die Totenglocke sowie die Marienglocke.

Als normaler Kirchenbesucher kommt man nicht hoch auf den Glockenturm – denn er ist nicht öffentlich zugänglich. Doch glaubt man einer Aufschrift auf der Rückseite der Markusglocke, dann waren am 18. Dezember 1986 einmal zwei Männer (oder Jungen?) hier, die sich namentlich mit Kreide verewigt haben. Sie waren allerdings nicht die Einzigen, die den Turm schon einmal erklommen haben – und auch das ist eine Besonderheit: Im September 1928 soll der Spenglergeselle Franz Graf die Dachrinne repariert haben. Er fiel dabei in Höhe der Schallöcher vom Turm – und das, ohne den geringsten Schaden zu nehmen, wie Ernst und Helmut Striebel schreiben.

Türme prägen nicht nur das Bild der Mindelheimer Altstadt, sondern sind auch in anderen Orten des Unterallgäus markante Wahrzeichen. Wir haben uns auf Spurensuche begeben. Wie sieht es in diesen Türmen aus? Wie werden sie genutzt, welche Geheimnisse können sie uns verraten? Weitere Teile unserer Türme-Serie finden Sie hier:

Hier warteten Mindelheimer auf ihren Henker

Die „Schlössle-Herren“ von Stockheim

Baufritz-Turm bei Erkheim: Was für ein Holzkopf!

Einlasstor: Das Schlupfloch für die Nachtschwärmer

Ein kleines Abenteuer mit großen Überraschungen

Der Kirchturm von Köngetried: ein schiefer Sonderling

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren