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08.12.2008

Der letzte Mann der U-715

Oberrieden Im Kinofilm von Wolfgang Petersens "Das Boot" wird das Schicksal einer U-Boot-Besatzung im 2. Weltkrieg trefflich dargestellt. Emanuel Menzel aus Oberrieden hat als 17-jähriger Junge genau das mit aller Grausamkeit erlebt und mit viel Glück und Willen überlebt.

Obwohl dieses Erlebnis fast 65 Jahre zurückliegt, sind sie dem rüstigen Oberriedener noch in bester Erinnerung:

Aus Abenteuerlust, so erzählt er der MZ, habe er sich nach einer abgeschlossenen Metzgerlehre freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Er wollte zu den Gebirgsjägern. Bei der Musterung wurde er aber von einem Fregattenkapitän gefragt, ob er nicht Koch auf einem U-Boot werden möchte.

Ohne lange zu überlegen, so Menzel, sagte er zu und wurde am 1. Juni 1942 zur Marine eingezogen.

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Nach einer Infanterieausbildung, die jeder Soldat machen musste, wurde seine Kompanie "irrtümlich" nach Russland, südlich von Minsk verlegt. Die komplette Kompanie wurde sofort nach Ankunft an die Front geschickt.

Als aus dem Abenteuer bitterster Ernst wurde

Da er noch jung und unverheiratet war, wurde er einem Spähtrupp zugeteilt. Hier erlebte er erstmals, dass alles kein Abenteuer ist, sondern ein grausamer Krieg mit vielen Toten und Schwerverletzten.

Nach acht Tagen an der Front wurde der Irrtum schließlich erkannt und die Marinesoldaten wurden zur U-Bootschule auf das Schulschiff "Robert Ley" nach Pillau abkommandiert.

Hier begann Ende September 1942 die U-Bootausbildung von Menzel, in der jeder Soldat auf seine U-Boot-Tauglichkeit geprüft wurde. Auch wurde "Smutje" Emanuel Menzel mit seiner Kombüse bekannt gemacht und musste einen Kochkurs belegen.

Menzel: "Ich hatte eine Elektroherdplatte von 50 mal 25 Zentimetern in meiner ca. zwei Quadratmeter großen Kombüse und zusätzlich noch einen Wasserkessel mit etwa 100 Liter Volumen, der aber im Maschinenraum stand. Damit musste ich für 52 Mann Besatzung das Essen zubereiten - und das als 17-Jähriger."

Zu essen gab es Kartoffeln, Nudeln, Hartwurst, Gulasch, Hühnerfrikassee und Eintopf, Obst und Gemüse (das hing aus Platzgründen im WC). "Sogar gebacken hab ich," sagt Menzel.

Am 17. März 1943 war die Indienststellung der U-715. Unter dem Kommandanten, Kapitänleutnant Helmut Röttger, lief das 67,1 Meter lange und 6,2 Meter breite Boot vom Typ VII C zur ersten von drei Feindfahrten aus. (Das U-Boot in Wolfgang Petersens Film "Das Boot" ist ein Boot dieses Typs).

Menzel: "Die erste Fahrt führte uns ins Nördliche Eismeer (Lofotische Inselgruppe). Im Inneren des Bootes war es bitterkalt. Ich war froh, dass ich mich in meine Kombüse zurückziehen konnte. Da war es noch halbwegs erträglich. Der nächste Befehl schickte uns für 14 Tage ins Mittelmeer. Danach ging es wieder Richtung Norden, zu der letzten und schicksalhaften Fahrt der U-715, die mit Versenkung des Bootes und dem Tod von 36 der 52 Besatzungsmitglieder endete."

Das U-Boot wurde am Vormittag des 13. Juni 1944 nordöstlich der Färöerinseln bei einer Schnorchelfahrt von einem kanadischen Flugboot geortet. Der Kommandant ließ die U-715 in Periskoptiefe (bis zu 14 Meter unter der Wasseroberfläche möglich) fahren.

Dabei wurde bei ruhiger See das schäumende Fahrwasser des Schnorchelkopfes von der Besatzung des feindlichen Flugbootes entdeckt. Mit vier Unterwasserbomben wurde das deutsche U-Boot "tödlich" am Bug getroffen. Das schwer beschädigte Boot begann mit dem Bug voraus zu sinken. Dabei konnten sich alle, bis auf sechs Mann (darunter war Emanuel Menzel) in die offene See retten. Wie durch ein Wunder tauchte die schon im Atlantik verschwundene U-715 wieder auf. Hierbei konnten sich noch zwei Mann, die sich im Inneren des Bootes befanden, ins Freie retten.

Das nochmals wiederkehrende kanadische Flugboot wurde von der bis zuletzt feuernden Flak überrascht und so getroffen, dass es notwassern musste.

Sekunden später ist die U-715, wie viele andere deutsche U-Boote, endgültig "abgesoffen".

Vier Mann der jungen Besatzung schafften es nicht mehr und fanden in der U-715 ihr letztes Grab.

Emanuel Menzel schildert den Untergang des Bootes und sein Überleben als letzter Zeitzeuge: "Der feindliche Angriff aus der Luft kam völlig überraschend. Die Unterwasserbomben hatten am Bug die Torpedo-Luken aufgerissen. Wir haben sofort die vorderen Schotten geschlossen und sind aufgetaucht. Das Boot war zu ein Drittel mit Seewasser vollgelaufen und damit verloren.

Diesen Augenblick nutzten 46 Männern zum Ausstieg in die kalte See. Nach Sekunden ging die U-715 wieder unter Wasser, drehte sich um 180 Grad und stand damit auf dem Kopf. Ich war zu dem Zeitpunkt im Maschinenraum im hinteren Teil des Bootes und glaubte, dass ich keine zweite Chance bekommen werde und damit mein Schicksal besiegelt ist.

In dem Moment dreht sich das Boot wie durch ein Wunder nochmals an die Meeresoberfläche. Der leitende Ingenieur, der im Turm stand, schrie: Alle Mann raus! Auf dem Weg zum rettenden Ausguck stieß ich im Unteroffiziersraum auf eine Tasche mit einem Einmannschlauchboot, die ich instinktiv an mich nahm.

Das laute Rufen des Kameraden und eben diese Tasche retteten mein Leben."

Und weiter: "Als wir, die letzten der verbliebenen U-Bootmänner, auf dem Sprung in das Meer waren, kam das feindliche Flugboot nochmals auf uns zu. Ein Mann ergriff die Flak an der Spitze des Kommandoturms und feuerte auf das nahende Flugzeug, das nach Treffern an einem der Motoren abdrehte und verschwand. Mit dem letzten Feuern aus dem Geschütz versank unsere U 715 dann endgültig auf den Grund der Nordsee."

"Jetzt erwartete uns die Ungewissheit im eisigen Meer. Mein Glück war das Einmannschlauchboot, das ich aber erst aufblies, als ich die ersten Anzeichen einer Unterkühlung spürte. Mit einem Kameraden, den ich aus den etwa 16 Grad kalten Fluten mit ins Einmannschlauchboot genommen hatte, wurden wir vom Rest der Mannschaft abgetrieben."

Dem Großteil der Mannschaft gelang die Rettung über zwei von Engländern abgeworfenen Schlauchbooten, die dann von einem norwegischen Küstenboot unter englischer Flagge übernommen wurden. Menzel: "Auf deren Bitte hin, die noch zwei abgetriebenen Schiffbrüchigen nicht aufzugeben, haben sie die Suche nach uns fortgesetzt. Als letzte Überlebende wurden wir nach 18 Stunden aus der Nordsee gefischt."

Von den 48 Männern der Besatzung, die sich von der U-715 noch retten konnten, überlebten nur 16 Mann das Unglück. "Viele der jungen U-Boot-Fahrer verloren in der kalten See die Nerven und drehten durch. 31 von ihnen starben an Unterkühlung. Der Kapitän der U-715, Kapitänleutnant Helmut Röttger, erschoss sich noch auf See. Er gab sich die Schuld am Tod seiner jungen Kameraden. Unser U-Boot hatte die zweifelhafte Ehre, als erstes Boot überhaupt während des Schnorchelvorgangs auf Schnorcheltiefe versenkt zu werden", so Emanuel Menzel. "Ich habe viel Glück gehabt" sagt er heute über den Tag am 13. Juni 1944, "aber das alleine reicht nicht. Man muss ruhig und gefasst sein, darf nicht durchdrehen und nicht zuletzt braucht man einen sehr großen Überlebenswillen." Die Überlebenden kamen in verschiedene Gefangenenlager in den USA (zwei Jahre) und in England. Ende 1946 kam Menzel, weiterhin in Gefangenschaft, nach Uelzen/ Niedersachsen in ein Kohlbergwerk.

Durch Zufall die Schwester getroffen

Von hier ist der aus Oberschlesien stammende 21-Jährige dann "abgehauen" und begab sich auf eine Odyssee durch Deutschland. In Berchtesgaden traf er durch puren Zufall seine Schwester, die wiederum den Aufenthaltsort der nach Schwaben geflüchteten Eltern kannte. So landete Emanuel Menzel Anfang 1947 in Oberrieden.

Zu all dem Erlebten ist ihm ein von einem englischen Offizier zugetragener Satz noch in bester Erinnerung: "Wenn du willst, kannst du weiter unter englischer Flagge zur See fahren. Du wirst danach von einer neu aufgestellten Deutschen Wehrmacht übernommen". Obwohl es hieß, kein Deutscher soll jemals wieder ein Gewehr in die Hand bekommen, wusste er offenbar damals schon, dass Deutschland wieder eine Armee, sprich Bundeswehr bekommt. Mit den Worten: "Nein danke, ich bin bedient" lehnte Emanuel Menzel das Angebot dankend ab.

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