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Warum Mindelheim einen so guten Draht zum Umland hat

25.06.2016

Die Herren im diplomatischen Dienst

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Das hübsch gelegene Dorf Mindelau gehört seit 40 Jahren zur Stadt Mindelheim. 
Bild: Tobias Hartmann

Seit 40 Jahren fühlen sich die Bewohner der eingemeindeten Dörfer gut aufgehoben. Das hat viel mit den Ortssprechern zu tun

Es waren unruhige Zeiten damals in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Staatsregierung hatte die Gebietsreform auf den Weg gebracht. Sie sollte das Aus für viele kleinere Gemeinden bedeuten. Rund um Mindelheim traf es 1976 Unterauerbach, Mindelau und Westernach. Nassenbeuren kam zwei Jahre später hinzu. Sie wurden zu Ortsteilen der Kreisstadt. Heute, 40 Jahre später, trauert kaum noch einer den alten Zeiten nach.

Das hat viel mit einem Amt zu tun, das hohes Ansehen genießt. Gemeint sind die Ortssprecher, von denen es insgesamt sieben gibt. Diese Herren - Sprecherinnen gab es bisher noch nicht - vertreten ihren Ortsteil im Stadtrat, aber auch gegenüber der Verwaltung. Und sie sind vor Ort erster Ansprechpartner - wie in früheren Zeiten der Bürgermeister. Zur Zeit sind das Andreas Schedel für Westernach, Georg Ritter für Heimenegg, Andreas Bader für Unterauerbach, Erwin Bufler für Gernstall und Unggenried und Christian Träger für Mindelau. Zusätzlich vertreten die Stadträte Manfred Salger (Oberauerbach) und Wolfgang Streitel (Nassenbeuren) als Sprecher die Anliegen ihrer Mitbewohner. Max Dolp war 30 Jahre Ortssprecher von Westernach. Die Begeisterung, Teil von Mindelheim zu werden, hielt sich anfangs in Grenzen. „In der Bevölkerung gab es große Angst, dass wir nur noch das fünfte Rad am Wagen sind“, erinnert sich Dolp. Vor allem die Älteren fürchteten, dass die Stadt sich nicht um Anliegen der Westernacher kümmern werde. Hier die Städter, dort die Dorfbewohner - das konnte aus Sicht der älteren Westernacher nicht gut gehen. Viele hätten es lieber gesehen, wenn ihr Ort zu Kammlach gekommen wäre.

Nicht alle zog es gleich nach Mindelheim

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Eine Großgemeinde Kammlach mit Stetten, Westernach und Auerbach hatte tatsächlich lange Zeit gute Chancen. Die Ober- und Unterkammlacher allerdings waren sich in der Zeit nicht einig, sagt Dolp. Und so wurde Westernach doch Teil von Mindelheim.

Auch in Mindelau war der Weg anfangs nicht in Richtung Mindelheim gepflastert. Franz Nuscheler aus Katzenhirn war 18 Jahre lang Ortssprecher. Die einen, erinnert sich der 72-Jährige, wollten nach Dirlewang. Dort haben sie schon Fußball gespielt oder Musik gemacht. Ein paar wollten nach Apfeltrach. Letztlich machte Mindelheim wie in Westernach das Rennen, weil die Mindelauer dort einkaufen, zum Arzt gehen und viele ihren Arbeitsplatz hatten. In Mindelau wurde sogar eine geheime Wahl abgehalten, die klar zugunsten der Kreisstadt ausging.

Wie aber wird man Ortssprecher? Das entscheiden die Bürger auf einer Versammlung. Da können auch mal 30, 40 Leute den Ausschlag geben. Und was ist seine Aufgabe? Er ist Anwalt seines Ortes und der Menschen und hat Rederecht im Stadtrat. Wenn die Verwaltung etwas hinausschickt, erzählt Max Dolp, dann hätten die Verwaltungsleute nicht immer eine Ahnung, wie es so läuft in einem Dorf. Der Ortssprecher bügelt dann schon mal Missverständnisse wieder gerade.

Beim Frohndienst wurde auch gestritten

„Zum Bürgermeister und zur Verwaltung hatten wir immer einen guten Draht“, versichert Dolp. Das bestätigt auch Nuscheler. Noch nie habe der Eingemeindungsvertrag herausgekramt werden müssen, in dem die Rechte der Westernacher oder Mindelauer festgehalten sind. Dass man sich nicht immer einig ist, gehört dazu. „Früher beim Frondienst wurde auch gestritten“, scherzt Dolp. Im Großen und Ganzen sei Westernach aber Mindelheimer Stadtteil gut gefahren. Immerhin ist in dieser Zeit ein stattliches Vereinsheim gebaut worden. In den vergangenen Jahren sind auch Kanäle und Straßen erneuert worden.

Auch Franz Nuscheler ist voll des Lobes für die Zusammenarbeit. „Mein Vorurteil über Verwaltungsleute habe ich schnell korrigiert“, sagt er. Kämmerer Herbert Hehl habe ihn immer fair behandelt. Aber auch die Stadt hat mit den Ortssprechern einen wichtigen Helfer vor Ort. Vor allem wenn Grundstücke etwa für eine Straße benötigt werden, kann der Sprecher leichter die Türen öffnen als dies einer Stadtverwaltung möglich wäre.

Ohne Diplomatie und Fingerspitzengefühl geht das nicht. Nuscheler sagt, er habe viel der Katholischen Landvolkbewegung zu verdanken gehabt, wo man Argumentieren lernt. Zu einer wahren Meisterschaft hat es dabei der spätere Ortssprecher Hubert Klaus geschafft, wie Nuscheler mit großem Respekt sagt. Dass Mindelau heute ein so schmuckes Bürgerhaus hat, sei das Verdienst dieses Sprechers.

Der Kontakt unter allen aktuellen und früheren Sprechern der sieben Ortsteile sei hervorragend. Und er wird auch gut gepflegt. Georg Ritter und Max Dolp organisieren jedes Jahr im Juli ein gemütliches Treffen. Das findet draußen in einer Jungviehhütte statt, verrät Nuscheler. Schon in wenigen Wochen ist es wieder so weit.

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