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AfD

06.02.2016

„Die Karre steckt im Mist“

Die Partei macht sich zum Anwalt besorgter Bürger und keilt gegen Fremde und Journalisten

Kein Sitzplatz ist mehr zu haben. Einige müssen stehen. Sie bleiben trotzdem. Gut 200 Leute sind nach Kammlach geströmt. Die AfD, die „Alternative für Deutschland“, hatte ins Gasthaus Schwanen geladen. Ihr Thema formuliert sie ohne Fragezeichen: „Merkels Asylpolitik – eine Gefahr für Deutschland“.

Auf einem Tisch liegt Lektüre bereit. Udo Ulfkotte ist mit „Gekaufte Journalisten“ vertreten. Darin behauptet der Autor, viele Reporter seien ferngesteuert und würden von Politikern, Vereinen und Stiftungen aus dem In- und Ausland gelenkt. Die Empörung von Medienvertretern hat den Verkaufserfolg des Buches eher befördert.

Daneben liegt ein weiteres Verschwörungswerk aus dem Verlag Kopp. Es stammt von Kelly M. Greenhill und trägt den Titel „Massenmigration als Waffe“. Das sind die Kronzeugen der AfD.

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An den dicht bestuhlten Tischen sitzen vor allem junge Männer. Auch ein paar Frauen sind dabei. Sie eint die Sorge um ihre Heimat, um ihre Kinder, um ihre Zukunft. Sie fürchten eine schleichende Islamisierung Deutschlands durch den anhaltenden Flüchtlingszuzug vor allem aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Nordafrika.

Diese diffuse Angst führt sie zur AfD, die von den einen als gerade noch demokratische Partei am rechten Rand eingestuft wird und von den anderen ihrer Tabubrüche wegen als rechtspopulistisch. Für die Besucher des Abends ist sie die Partei, die ihren Anliegen Stimme gibt.

Erst ein paar Tage zuvor hatte Parteichefin Frauke Petry in einem Interview erklärt, deutsche Polizeibeamte sollten auf Flüchtlinge schießen dürfen, sollten diese versuchen, illegal ins Land zu gelangen. Diese Entgleisung hatte bundesweit Wellen geschlagen. In Kammlach spielt sie keine Rolle.

Der Abend beginnt überraschend charmant. Ein älterer Herr begrüßt. Flugkapitän sei er gewesen, deshalb sei er es gewöhnt vor Leuten zu sprechen, plaudert er munter drauflos. Udo Jülich heißt er. Er gehört dem Vorstand der AfD Memmingen-Unterallgäu an. Jülich stellt seine Mitstreiter vor. Das sind Marc Seiter, Gottfried Schwank, Reinhold Wechsel und Vorsitzender Theodor Oelrich. Letzterer war an dem Abend wegen Krankheit verhindert.

Jülich sagt, „die Karre steckt im Mist“. Und sie müsse nun mit einem Traktor herausgezogen werden.

Dem Referenten des Abends, Wolfgang Reitinger, empfiehlt er, „das Mikrofon zu küssen“. Denn nur so könne man ihn auch verstehen. Die Besucher wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht.

Reitinger gibt sich ziemlich reserviert, als er hört, „die Presse“ sei da. Über sich gibt er nichts preis. Im Netz wird er als AfD-Pressebeauftragter für Memmingen-Unterallgäu gelistet. Fotografieren lassen will sich Reitinger nicht. Er sagt, er habe Sorge, ins Visier von AfD-Gegnern zu geraten.

Der Wirt in Kammlach hat bereits einen Schaden zu beklagen. Am Tag vor der Veranstaltung war ein Farbbeutel auf die Gaststätte geworfen worden. Auf die Straße war der Text „AfD geht über Leichen“ gesprüht.

Reitinger knöpft sich erst einmal die Journalisten vor. Die AfD mache nicht Stimmung gegen den Rechtsstaat, „gegen uns wird Stimmung gemacht“. Gegen Islamisten traue sich keiner eine Karikatur zu bringen. Nur bei der AfD seien Journalisten mutig.

Reitingers Thema sind die Flüchtlinge, die er als Gefahr für die einheimische Bevölkerung darstellt. In Köln seien die „Früchte der laschen Grenzkontrollen“ geerntet worden. Eine „Treibjagd auf deutsche Frauen“ sei veranstaltet worden, behauptet er. Immer wieder spricht Reitinger von Vergewaltigungen durch Flüchtlinge. Belastbare Zahlen bleibt er schuldig.

Die Integrationsfähigkeit der Asylbewerber bezweifelt der Redner. 22 Prozent hätten keinen Schulabschluss. Drei von vier seien in Dänemark zehn Jahre nach Ankunft immer noch dauerhaft arbeitslos. Zum Beleg wird Verschwörungsautor Ulfkotte angeführt. Und er behauptet, die Landratsämter bezahlten, wenn Flüchtlinge in Läden des Diebstahls überführt werden. Wiederholt ist das bereits als Unsinn dementiert worden. Der AfD-Mann sagt dazu nur, er habe das nicht nachgeprüft. Beifall bekommt er trotzdem.

Die Deutschen seien nicht mehr Herr im eigenen Land. Bis 2020 könnten dank Familiennachzug 16 Millionen Muslime im Land leben. Reitinger nennt das „Umvolkung“. Ein verwestlichter, milder Islam sei eine Illusion.

Konsequente Rückbesinnung auf den Nationalstaat fordert die AfD. Die Grenzen müssten gesichert werden. Alles andere sei Europaträumerei. Politisch verantwortlich sei Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Einladung vom September 2015 an alle Welt, nach Deutschland zu kommen.

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