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Mindelheim

24.12.2020

Die MZ-Weihnachtsgeschichte: Der fremde Weihnachtsgast

Die MZ-Weihnachtsgeschichte handelt von einem Fest mit einem fremden Weihnachtsgast.
Bild: Herrmann (Archiv)

Die Mindelheimerin Karolina Schenk hat ein bewegendes Weihnachtserlebnis aufgeschrieben, das sich mitten in den Kriegsjahren zugetragen hat.

Es muss wohl 1943 oder 1944 gewesen sein – ganz genau weiß ich es nicht mehr. Dafür ist mir aber unser fremder Gast an Weihnachten sehr wohl in Erinnerung geblieben.

Als ich am Heiligen Abend spät nachmittags vom Friedhof kam, saß am Hauptportal unserer Jesuitenkirche auf der Steinstufe ein hagerer alter Mann. Es hatte geschneit und es war klirrend kalt. Die wenigen Leute auf der Straße, in dicke Mäntel und Pelze gehüllt, eilten raschen Schrittes heimwärts. Auch ich beeilte mich heimzukommen in die warme Stube, ohne auf den Alten besonders zu achten. Mir schien, als warte er auf jemanden bestimmten, der ihn mit nach Hause nehmen sollte.

Die Mindelheimerin Karolina Schenk erkannte den Fremden

Wie an jedem Tag brachte Vater nach getaner Stallarbeit die Milch in die Molkerei und hatte bei seiner Rückkehr einen Fremden dabei. Mutter schaute erst etwas verdutzt – wir Kinder natürlich auch. Als wir aber hinter ihrem Rücken brummten, dass wir nun wohl die knappe Ration auch noch teilen sollten, stauchte sie uns energisch zurecht. Vater erzählte, dass der Mann halb eingenickt vor der Kirche gesessen sei. Auf dem Rückweg habe er ihn angestoßen: „Hallo, gehst du nicht nach Hause – heute am Heiligen Abend?“ – „Ich habe den Zug versäumt und heute geht keiner mehr“, habe ihm der Mann erklärt. Ich erkannte ihn wieder und dachte bei mir, dass er doch leicht hätte weiterkommen können, nachdem er ja schon am Nachmittag dort gesessen hatte.

Als wir unterm kerzenerleuchteten Christbaum Weihnachtslieder sangen, rollten dem Mann unaufhörlich Tränen übers Gesicht. Auch unsere Stimmung war gedrückt, eilten doch die Gedanken weit fort zu den Angehörigen und Freunden, die an der Front in Russland waren – wie sollte da Freude aufkommen. Für die Erwachsenen konnte das Christkind keine großen Gaben verteilen. Nur der kleinen Tochter meiner Schwester brachte es einen Holzpuppenwagen. Der alte Schreiner in der Nachbarschaft hatte ihn gutmütigerweise nach der Arbeit gezimmert. Dazu bekam sie die wenigen Süßigkeiten von der Kartenzuteilung und aus aufgetrennter Wolle neu gestrickte Handschuhe und Söckchen. Wenigstens ein Teller voll Plätzchen stand für jeden auf dem Tisch – auch für den fremden Gast.

Der fremde Gast schüttete sein Herz aus

Als die Mutter das Essen auftrug, kramte der Fremde aus seinem Rucksack ein Stück Wurst und Brot heraus – er wollte keinesfalls als Bettler gelten. Mein Vater forderte ihn auf, seinen Proviant wieder zu verstauen und sich jetzt mit uns an den Tisch zu setzen. Die Stunden bis zur Mette verbrachten wir mit Gesprächen und Erinnerungen, tranken heißen, aus unserem Most gebrauten Punsch und verkosteten Mutters Hutzelbrot. Mein Onkel und mein Vater schmauchten ihre kurzen Pfeifen und stopften sie mit dem Tabak, der ihnen als Weihnachtssonderration auf der Raucherkarte zustand. Allmählich löste sich auch die Zunge unseres Gastes. Es war nicht unsere Art, jemanden über seine Verhältnisse, über das Woher und Wohin auszufragen. Als er aber erfuhr, dass der Krieg auch uns schon schmerzliche Wunden zugefügt und die Kleine zur Kriegswaise gemacht hatte, schüttete er sein Herz freiwillig aus und erleichterte damit ein bisschen sein Gemüt.

Das Bild zeigt den Heimathof von Karolina Schenk an der Memminger Straße 5 in Mindelheim vor dem Bau der Straße.
Bild: Edith Schenk

Er erzählte von seinem früheren Hof, den er seinem Sohn übergeben hatte, und von seiner Schwiegertochter, zu der weder er noch seine Frau einen Zugang gefunden hatten. Sie führte das Regiment auf dem Hof – die beiden Alten halfen, wo sie gebraucht wurden, zogen sich sonst aber in ihr Austragsstübchen zurück. Der Sohn litt unter der Kühle und der Kluft – doch um des Friedens willen gab er seiner herrschsüchtigen Gattin stets nach. Seine Eltern verstanden ihn wohl, aber es tat ihnen weh. Besonders der Mutter setzte dies sehr zu und bald starb sie. Der Vater kam sich in seinem Stübchen sehr verlassen vor und wäre dankbar gewesen, wenn er jetzt hätte wenigstens sein Mittagsmahl mit den Jungen und dem Gesinde einnehmen können. Aber nein – lieblos stellte ihm die Bäuerin sein Essen auf den Tisch seiner kleinen Stube.

Als der junge Bauer im Krieg fiel, brach für seinen Vater die Welt zusammen

Während der ersten Kriegsjahre galt der junge Bauer wegen seines großen Hofes lange als unabkömmlich. Doch als die letzten Reserven mobilisiert wurden, musste auch er einrücken. Noch im gleichen Jahr fiel er. Für den Vater brach die Welt zusammen. Den letzten Halt suchte er beim kleinen Enkel, für den er unter allen Umständen den Hof zu erhalten suchte. So packte er an des Sohnes Stelle im Sommer zu wie früher. Seine Dienste waren nicht erwünscht. Die Schwiegertochter sah ihn nur ungern auf dem Hof, zum Haus hatte er ohnehin längst den Zutritt verloren. Auch die Zuneigung des kleinen Enkelbuben zum Opa suchte sie auf jede Weise zu unterbinden.

Ihm graute vor der Einsamkeit im Winter. Deshalb bot er sich im ganzen Schwabenland zum Holzhacken an und fuhr nur zum Wochenende heim. Doch an Weihnachten allein in seinem Stübchen, allein mit seinen trüben Gedanken – nein – das schien ihm zu viel. Lieber wollte er die Feiertage am Straßenrand oder in einer Scheune verbringen. So dachte er – doch das Schicksal machte ihn an diesem Weihnachtsabend zu unserem Gast ...

Die Geschichte stammt aus dem Buch „Mein Mindelheim“ von Edith Schenk, die die Aufzeichnungen ihrer Mutter veröffentlicht hat. Es kann unter der Telefonnummer 08261/991310 in der MZ-Geschäftsstelle bestellt werden.

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