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Armut

06.03.2018

Die Mindelheimer Tafel nimmt keine neuen Kunden auf

Angefangen hat die Mindelheimer Tafel vor 13 Jahren mit rund 50 Kunden. Inzwischen sind es mehr als doppelt so viele. „ Aber das Warenkontingent wächst ja nicht mit“, sagt Peter Horn, der die Tafel bis Ende 2017 geleitet hat. Seine Nachfolgerin Corinna Steiger kann deshalb derzeit keine neuen Kunden aufnehmen.
Bild: Sandra Baumberger

Bei der Tafel in Mindelheim herrscht momentan Aufnahmestopp. Warum sich die Helfer dazu gezwungen sehen und was sie sich von der Politik wünschen.

Auf den ersten Blick wirken die Regale im Mindelheimer Tafelladen ganz gut gefüllt: In einem Nebenraum gibt es allerhand Obst und Gemüse und hinter der Theke einen großen Korb voller Brote, tütenweise Krapfen, Nudeln, ein paar Packungen Mehl, Marmeladen, Cornflakes, Salatsoßen, etwas Babynahrung und jede Menge mehr. Doch der Eindruck täuscht. Die Waren reichen kaum, um die 104 Erwachsenen und 41 Kinder zu versorgen, die so arm sind, dass sie im Tafelladen für einen symbolischen Betrag von 1,50 Euro pro Erwachsenem einkaufen dürfen.

Aufnahmestopp bei Mindelheimer Tafel

Corinna Steiger sah deshalb keinen anderen Ausweg mehr, als einen Aufnahmestopp zu verhängen. Leicht gefallen ist ihr dieser Schritt nicht. Erst im Januar hat sie die Leitung der Tafel von Peter Horn übernommen, der sich seit ihrer Gründung vor 13 Jahren unermüdlich für das von der Caritas getragene Projekt engagiert hat. Kaum da, wollte sie nicht gleich die Leute abweisen. Zumal die ja nicht grundlos kommen. Die Not ist da. Aber die Lebensmittel, die sind es eben nicht. Und deshalb zog die 58-Jährige dann doch die Notbremse.

Anders als in Essen, wo die Tafel mit dem Ausschluss von Ausländern für Schlagzeilen gesorgt hat, gilt der Aufnahmestopp in Mindelheim für alle Bedürftigen – auch wenn es der eine oder andere Wartende draußen auf dem Flur durchaus richtig fände, wenn nur die Asylbewerber ausgeschlossen würden. "Es ist nicht jeder ausländerfreundlich", sagt Peter Horn. "Da hört man dann schon mal: ,Wir haben unser Leben lang gearbeitet und die kriegen alles umsonst.‘ Und die schweigende Mehrheit übernimmt so was dann. Das ist ganz schlecht für die Stimmung."

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Ausschlaggebend ist die Bedürftigkeit, nicht die Herkunft

Doch Corinna Steiger will solchen Reden nicht nachgeben. "Das Maß, um hier Kunde zu sein, ist nicht die Staatsangehörigkeit, sondern die Bedürftigkeit", sagt sie und fügt hinzu: "Wir sind eine caritative Einrichtung. Niemand hat einen Rechtsanspruch. Caritas heißt Nächstenliebe und der Nächste ist der, der Hilfe braucht."

Etwa 52 Prozent der Tafelkunden in Mindelheim haben einen Migrationshintergrund. Einige sind Spätaussiedler und schon seit Jahren Stammkunden, andere sind Flüchtlinge und erst seit wenigen Monaten hier. Schlechte Erfahrungen haben Peter Horn und Corinna Steiger mit ihnen noch nie gemacht. "Die ausländischen Kunden sind sehr höflich und freundlich. Da hat’s noch nie irgendwelche Probleme gegeben", sagt Peter Horn.

Im Gegenteil: Manche bieten sich zum Beispiel als Dolmetscher an, wenn es einmal Verständigungsprobleme gibt oder jemand das Ausgabesystem nicht versteht: Die Kunden werfen ihr Berechtigungskärtchen in einen Korb, dann werden alle Kärtchen gemischt und zu einem Stapel getürmt. Anschließend wird das unterste Kärtchen gezogen und sein Besitzer darf einkaufen. So kann jeder einmal früh drankommen und eine größere Auswahl haben – und nicht nur der, der donnerstags regelmäßig als erster im Flur sitzt.

Anfangs wurde der Bedarf angezweifelt

Dass einmal so viele Kunden auf die Tafel angewiesen sein würden, hätte Peter Horn bei der Gründung nie gedacht. Damals hatte manch einer sogar bezweifelt, ob es überhaupt einen Bedarf gibt. "Im Unterallgäu gibt’s doch keine Armen", hat Peter Horn mehr als einmal gehört. Wahrscheinlich, weil sie sich damals wie heute größte Mühe geben, nicht aufzufallen. "Das ist eine Frage der Würde", sagt Corinna Steiger. "Viele kommen nicht leichten Herzens hierher." Anfang des Monats, wenn noch Geld da ist und es auch ohne die Tafel geht, sei deshalb meist weniger los als am Monatsende.

Die gelernte Bankkauffrau will die Kunden so gut versorgen, dass ihnen Geld für anderes übrig bleibt, Kleidung für die Kinder zum Beispiel oder auch mal einen Ausflug – "ich habe selbst zwei inzwischen erwachsene Kinder, ich weiß, was da allein in der Schule so anfällt" – oder einen Kinobesuch. Wer arm ist, soll nicht auch noch sozial ausgegrenzt sein, findet sie. Deshalb ist sie natürlich froh um die Tafel, die nebenbei auch dafür sorgt, dass Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht ist, nicht einfach weggeworfen werden.

Die Helfer wünschen sich mehr Unterstützung von der Politik

Doch Corinna Steiger sagt auch: "Aus meiner Sicht sollte es die Tafeln nicht geben müssen. Eigentlich sollte die Grundsicherung so hoch sein, dass die Leute vernünftig davon leben können." Stattdessen wälze die Politik ihre Versäumnisse auf die ehrenamtlichen Helfer ab: "Die meisten Leute werden vom Job-Center direkt zu uns geschickt."

In Mindelheim kümmern sich derzeit 56 Helfer darum, dass die Bedürftigen dann auch etwas bekommen. Viele sind von Anfang an dabei und nicht mehr die Jüngsten. Neben Lebensmitteln sucht Corinna Steiger deshalb auch weitere Helfer: Zwei Stunden dauert ein Einsatz durchschnittlich. "Das muss nicht wöchentlich sein", beteuert sie. "Auch einmal im Monat wäre eine große Hilfe." Dann wäre vielleicht sogar der zweite Ausgabetag möglich, über den sie schon einmal nachgedacht, die Idee dann aber gleich wieder verworfen hat.

Mitarbeit Wer sich bei der Mindelheimer Tafel engagieren will, kann sich am besten mittwochs oder donnerstags ab 14 Uhr unter der Telefonnummer 98261/737830 oder per E-Mail an mindelheimer.tafel@caritas-unterallgaeu.de bei Corinna Steiger melden.

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