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Erster Weltkrieg

24.11.2017

Die Pflicht, immer wieder die Pflicht

Karl Ibscher, Domänenverwalter der Fugger aus Kirchheim, hat 1917 die Front in Frankreich besucht und dann seine Erinnerungen aufgeschrieben.
Bild: Stoll

Ein außergewöhnliches Dokument aus dem Jahr 1917 aus dem Raum Mindelheim zeigt, wie die Heeresleitung im Ersten Weltkrieg versucht hat, die Front zu halten

Der Erste Weltkrieg tobte bereits drei Jahre. Der vermeintliche Spaziergang der deutschen Armee nach Frankreich, wie von Kaiser Wilhelm II. erhofft, endete im Fiasko. Die Armeen hatten sich in Nordfrankreich in einen mörderischen Stellungskrieg verbissen. Es war ein bis dahin beispielloses Töten und Leiden.

Aus dieser Zeit vor 100 Jahren stammt ein einzigartiges Dokument mit Bezug zum Raum Mindelheim. Der damalige Verwalter der Fuggerschen Güter Kirchheim, Karl Ibscher, war ins Kriegsgebiet in die französischen Vogesen gereist und hatte darüber den rund 50-seitigen Bericht „Meine Frontreise“ verfasst.

Die Euphorie der ersten Kriegswochen war längst einer Ernüchterung gewichen. Die Menschen daheim litten Not. Die vielen Verwundeten, die in ihre Heimat kamen, waren auch kein gutes Zeugnis der Kriegspropaganda, die von einer glänzenden militärischen Lage schwadronierte.

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Ibscher wollte es genauer wissen und bat um Erlaubnis, die Front besuchen zu dürfen. Am 20. September 1917 bekam er grünes Licht. Die Heeresleitung erhoffte sich von dem angesehenen Ibscher, er werde in der Heimat „falschen Auffassungen, welche in der Heimat über Zustände im Felde verbreitet sind“, entgegentreten.

Die Reise sprach sich rasch im Raum Mindelheim herum, und so wurde Ibscher geradezu überhäuft mit Grußaufträgen an die Soldaten. Beamte, Männer, Frauen, Kinder zählten zu seinen Auftraggebern. Und er fügt mit einem Augenzwinkern an: „Wären Haus und Hof samt ihren treuen Tieren, Wald, Weise und Feld, Berg und Tal, Weiher und Bach, der Kirchturm und nicht zuletzt die verwaiste Wirtshausbank des Wortes fähig, auch sie hätten mit Heimatgrüßen nicht gegeizt und zurückgehalten“.

Am 9. November durfte Karl Ibscher in Richtung Straßburg aufbrechen. Mit der Bahn ging es über Memmingen, Ulm, Stuttgart, Karlsruhe, Rastatt, Appenweier nach Straßburg. Ab Karlsruhe war er der einzige Zivilist. Alle anderen trugen Militäruniformen.

In Straßburg bekam Ibscher einen Vorgeschmack auf den Krieg. Aus Furcht vor Fliegerangriffen mussten alle Häuser nachts verdunkelt werden. Ibscher schreibt von „ägyptischer Finsternis“, in die die lebensfrohe Stadt gehüllt sei.

Bei Schirmeck traf er auf erste Kriegsspuren. „Häuserruinen starrten zum düsteren Herbsthimmel empor“. Vom nahen Landsturmbataillon wurde er fürsorglich aufgenommen. Sämtliche Stellungen der Division durfte er kennenlernen. Ibscher hatte gute Eindrücke gewonnen. Er schreibt von soldatischer Gesinnung an der Spitze der Division.

Weiter in Richtung Vogesen traf der Kriegsreisende immer mehr Spuren der Zerstörung. Zerschossene Häuser, Gräber, reger militärischer Verkehr. Er schreibt von Grauen, Schutthaufen an Schutthaufen, Ruine an Ruine. Diese Zeugnisse „erzählen von den Schrecken des Krieges und von grenzenloser Seelennot der einstmals glücklichen Bewohner“.

Wo genau Ibscher an der Front war, durfte er nicht preisgeben. Ohne Licht wurde er nachts im Wagen ins Kriegsgebiet gefahren. Im Unterstand durfte Ibscher Kriegsluft atmen, wie er schrieb. Für ihn war ein Traum Wirklichkeit geworden. Als Helfer zur Seite hatte Ibscher einen gewissen Josef Bauer aus Immelstetten.

Der Kommandeur mahnte die „Notwendigkeit des gemeinsamen stahlharten Willens bis zum starken deutschen Siege auszuharren“ an zwischen Front und Heimat. Ibscher blieb nichts schuldig. Er versicherte, die Heimat sei „vom festesten Vertrauen zum Heere und seiner Führung durchdrungen“. Für so viel Zuspruch gab es ein Hurra, zu dem ein vorzüglich zubereiteter Rehrücken aus Markt Wald gereicht wurde. Zubereitet hat ihn übrigens ein Metzgermeister Abt aus Mindelheim, wie Ibscher vermerkt.

Am 12. November besuchte Ibscher einen Lazarettunterstand. Es waren „ziemlich zahlreiche Patienten“, die er antraf. Alle seien gut versorgt gewesen. Überhaupt ist viel von „Pflicht zur unbedingten Fahnentreue“ Ende 1917 die Rede, als sich die Niederlage längst angedeutet hat. Ibscher beruhigte auch die Soldaten, dass daheim alles im Großen und Ganzen gut stehe, trotz „Nörgler und Kopfhänger“.

Ibscher beschreibt die seelische Last der Soldaten, die den „elenden Stellungskrieg“ ertragen mussten. Immer wieder hat er böse Worte gegen die Politiker zu hören bekommen. Er schrieb von „parlamentarischen Wirrnissen“. Kammlacher, Derndorfer in urschwäbischer Mundart hat er angetroffen.

Dass er in den Krieg geraten war, merkte Ibscher spätestens am Weihnachtsabend, als eine Granate in seinem Unterstand eingeschlagen war. Der Kommandeur des Landsturmbataillons kam dabei ums Leben.

Und er erzählt, welches Leid auch die Deutschen angerichtet haben. Ein stattlicher Bauernhof lag in Trümmern, der Mann und seine zwei Kinder waren getötet worden. Die Frau und Mutter verlor den Verstand.

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