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Bad Wörishofen

01.03.2020

Die Rettung von Willi vor den Nazis ist ein Wunder

Willi Fraidling wie ihn Freunde und Familie kannten und mochten: Lebenslustig und immer für einen Spaß zu haben. Es ist ein Wunder, dass er in jungen Jahren die Nazi-Zeit überlebt hat.
Bild: Fraidling

Plus Willi Fraidling ist mit einer Behinderung zur Welt gekommen. Nur dank mutiger Menschen hat er den Nationalsozialismus überlebt. Das ist seine Geschichte.

Über Jahrzehnte hatte sich bleiernes Schweigen über Schwaben gelegt. Lange Zeit wollte niemand über die Verbrechen an Frauen, Männern und Kindern sprechen, die an der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee zwischen 1940 und 1945 begangen worden waren. Erst zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts begann die Aufarbeitung dieser finsteren Zeit. Mahnmale wurden errichtete, die Opfer bekamen Namen und ihre Würde zurück.

Wesentliches zur Aufarbeitung der Rolle der Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus hatte der langjährige ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren , Michael von Cranach , geleistet.

Was in Irsee und Kaufbeuren mit den Menschen geschah

Was über die mörderischen Praktiken in Irsee und Kaufbeuren bekannt wurde, hat die breite Öffentlichkeit aufgewühlt. Dazu beigetragen hat auch das Buch „Nebel im August“ von Robert Domes , in dem an das Schicksal von Ernst Lossa erinnert wurde, der als 13-Jähriger in Irsee ermordet wurde. 2016 wurde der Stoff verfilmt.

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Ins Visier der Nazis waren nicht nur Juden, Sinti und Roma und Andersdenkende geraten. Verfolgt wurden auch Behinderte. Die Schwächsten in der Gesellschaft, Frauen und Männer mit Behinderungen , bekamen bewusst so wenig zu essen, dass sie an Mangelernährung starben. An einigen wurden medizinische Versuche vorgenommen, die sie nicht überlebt haben. Menschen wurden ermordet, weil ihnen verblendete Nationalsozialisten das Lebensrecht absprachen. Das alles hat sich in Irsee und Kaufbeuren abgespielt.

Viele der Nazi-Opfer waren noch nicht mal erwachsen

Viele der Opfer waren Minderjährige. 1573 Männer, Frauen und Kinder sind zwischen 1940 und 1945 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee dem Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. 780 davon wurden in Irsee getötet.

Es gab seltene Fälle, in denen es gelungen war, Todgeweihte zu retten. Einer von ihnen ist Willi Fraidling. Er war im Dezember 1943 in Bad Wörishofen zur Welt gekommen. Willi litt unter "Mongolismus". Heute heißt die Erkrankung, die auf eine Veränderung des Erbmaterials zurückgeht, Down-Syndrom.

Warum Willi nicht ins Räderwerk der Nazis geraten ist, lässt sich mit Bestimmtheit heute nicht mehr feststellen. Sicher ist nur: Seine Mutter hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass ihr Bub nach Irsee verbracht wurde, was in den letzten Kriegsjahren seinen sicheren Tod bedeutet hätte. Es müssen aber auch viele andere mitgeholfen haben. Denn von der Existenz Willis wussten viele in Bad Wörishofen. Die Eltern betrieben ein Kurheim. Jeder Gast wusste von Willi, aber offenbar hielten alle dicht.

Es ist ein Wunder, dass Willi die Nazi-Zeit überstand

Josefine Würker ist die Schwester von Willi Fraidling. Sie ist 87 Jahre alt und kann sich noch gut an ihren liebenswerten Bruder erinnern. Sie waren sechs Kinder, Willi war der Jüngste. Er gehörte einfach zur Familie dazu, erzählt Josefine Würker. Ihre Mutter wollte, dass Willi daheim aufwächst. Gerade weil ihre Eltern keine Parteigenossen waren, ist das Wunder besonders groß, dass Willi unbeschadet die Nazi-Zeit überstehen konnte.

Bei Kriegsende war Willi gerade einmal eineinhalb Jahre alt. Später ging er in Bad Grönenbach auf eine Schule für behinderte Menschen. Mehr als seinen Namen schreiben konnte er sein Lebtag lang nicht. Und nur wenige verstanden ihn, wenn er sprach.

Willi hatte andere Qualitäten. Über viele Jahre hat er seine Mutter rührend in der Gartenstadt gepflegt, wo sie gemeinsam lebten. „Willi war immer da“, erzählt Josefine Würker. Er ist einkaufen gegangen, hat die Wäsche gewaschen, gebügelt, die Wäsche akribisch zusammengefaltet und sich einfach um seine betagte Mutter gekümmert. „Als ich das gesehen habe, sind mir die Tränen gekommen“, erzählt Josefine.

In jungen Jahren hat er im Gästehaus in Bad Wörishofen mitgeholfen. Er hat immer genau zugesehen, was die anderen machen und das dann nachgemacht. Wenn jemand Tische aufgedeckt hat, eilte auch Willi dazu und verteilte Teller und Besteck. „Er wollte immer alles richtig machen“, erinnert sich seine Schwester.

Willi wäre ein guter Hotelier geworden, glaubt seine Schwester

Er wäre ein guter Hotelier geworden, ist sich Josefine sicher, wenn er als Gesunder auf die Welt gekommen wäre. Willi war gerne mit Menschen zusammen. Anderen hat er immer die Tür aufgehalten, war ausgesprochen höflich.

Die letzten Jahre seines Lebens lebte Willi bei einer Nichte von Josefine Würker in deren Familie mit ihren drei Kindern in Neugablonz. Dort hat er sich bestens aufgenommen gefühlt, erinnert sich die 87-Jährige. Bei einem Spaziergang ist Willi 2003 mit gerade mal 60 Jahren überraschend gestorben. Seine letzte Ruhestätte liegt in Bad Wörishofen.

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