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Zeitgeschichte

24.04.2015

Die Russen von Mindelheim

1945 verschlug es versprengte Truppenteile der Wlassow-Armee nach Schwaben. Sie erwartete ein trauriges Schicksal

Eigentlich war es spätestens im Frühjahr 1945 klar, dass der deutsche Größenwahn ein rasches Ende finden wird. Der Zweite Weltkrieg war zu diesem Zeitpunkt längst verloren. Es ging nur noch um Wochen, bis die alliierten Truppen das ganze Land unter Kontrolle haben werden. Anzeichen, dass der Wahnsinn bald vorüber sein wird, zeigten sich in Mindelheim in der Karwoche.

Versprengte Teile der „Wlassow-Armee“ waren mit ihren Tragtieren über die alte Memminger Straße nach Mindelheim gekommen. Das waren Verbündete der Deutschen Armee, die gegen Stalin gekämpft hatten. Ihr Anblick war traurig.

Für die Mindelheimer war die Ankunft dieser Soldaten ein merkwürdiges Schauspiel. Angestimmt von einem Vorgesetzten stimmten die Russen melodische Wechselgesänge an, wie Dr. Berndt Michael Linker in seinem Buch über die Geschichte Mindelheims im 20. Jahrhundert festgehalten hat. Die Soldaten antworteten ähnlich wie bei einer Litanei im Gottesdienst.

Die Männer waren erbärmlich ausgerüstet. Viele von ihnen trugen völlig zerfetzte Schuhe. Und zu essen hatten sie auch nichts. Sie klopften an die Türen von Bauernhöfen und baten um Nahrungsmittel. Ihre demutsvolle Haltung und ihre ehrfurchtsvollen Verbeugungen hinterließen bleibende Eindrücke.

Immer wieder kamen einzelne Trupps zu Fuß über den Burgberg nach Mindelheim. Im Bauernhof unterhalb der Liebfrauenkapelle versuchten bis zu 15 von ihnen unterzukommen. Sie wollten nur schlafen, etwas zu essen haben und ihre Uniformen trocknen, ehe es tags darauf weiterging.

Mit diesen Russen, die eher auf der Flucht schienen als im Kampfeinsatz, musste man Mitleid haben. Was aus ihnen geworden ist, ist unbekannt. Amerikaner und Briten lieferten sie an die Sowjets aus. Die meisten von ihnen dürften in den Arbeitslagern Stalins für immer verschwunden sein.

In den letzten Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner zogen sich auch deutsche Truppen nach Osten zurück. Immer wieder wurden sie von Tieffliegern attackiert und erlitten schwere Verluste. Auf der Straße nach Buchloe boten sie ein leichtes Angriffsziel.

Am 24. April zum Beispiel starb Edith Schött auf der Straße nach Buchloe bei einem Fliegerangriff. Die Frau wollte nach ihrer Genesung zurück nach München in die Nymphenburgerstraße. Am 25. April kamen drei weitere Menschen ums Leben, darunter auch ein Soldat der Wlassow-Armee.

Berndt Michael Linker: Mindelheim im 20. Jahrhundert, Kunstverlag Josef Fink. 58 Euro. Erhältlich in der MZ-Geschäftsstelle.

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