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100 Jahre

20.11.2017

Die (fast) vergessene Schrift

Wer Briefe und alte Dokumente lesen will, kommt oft um die Sütterlinschrift nicht herum. Dann heißt es pauken, denn nur noch Wenige beherrschen sie.
Bild: Monika Matzner

Menschen wie Carlo von Eckendonk und Alois Epple sorgen dafür, dass Sütterlins Erbe lebendig bleibt

Als Ludwig Sütterlin am 20. November 1917 starb, war nicht absehbar, dass die von ihm entwickelte Schrift für die darauf folgenden Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte sein würde. Dass „Sütterlin“ aber 100 Jahre später nur noch von Wenigen überhaupt gelesen werden kann, hatte damals wohl auch keiner gedacht. Einer dieser „Wissenden“ ist Carlo van Eckendonk. Er bezeichnet Sütterlin gar als „grafische Einstiegsdroge“. Mit Kursen in Bad Wörishofen hat Eckendonk schon versucht, dieses Suchtpotenzial anderen nahe zu bringen. Für Eckendonk selbst waren alte Handschriften wie Sütterlin der Einstieg in eine berufliche Aufgabe, wie der Historiker und Literaturwissenschaftler verrät. Er befasst sich seither mit deutschen Schreibschriften.

Der am 15. Juli 1865 in Lahr/Schwarzwald geborene Grafiker Sütterlin erhielt 1911 vom deutschen Kultusministerium den Auftrag, eine Reformschrift zu entwickeln. 1915 wurde sie an den Schulen in Preußen eingeführt. In seinem Todesjahr 1917 erschien Sütterlins „Neuer Leitfaden für den Schreibunterricht“. Dass sie auch in anderen deutschen Ländern eingeführt wurde, erlebte er nicht mehr. Sütterlin wollte es den Schulkindern leichter machen. Er habe „ganze Generationen von Schülerinnen und Schülern von der archaischen Kurrentschrift erlöst“, sagt Eckendonk.

Leicht gemacht hat es sich Alois Epple aus Türkheim dabei als Kind nicht gerade – doch er hatte einen starken Antrieb: die im Ersten Weltkrieg gesandte Post seines Vaters und Briefe seiner Brüder, die ebenfalls im Krieg waren. Sein Vater sei in den Ardennen gewesen und habe seine Erlebnisse aufgeschrieben – in Sütterlinschrift. Diese „Deutsche Schrift“ brachte sich Alois Epple bereits im Grundschulalter deshalb selbst bei. „Ich saß immer am Sonntagnachmittag über den Aufzeichnungen meines Vaters und transkribierte sie mithilfe meiner Mutter, die Sütterlin ja in der Schule gelernt hatte.“ Dass die Handschrift eines jeden Menschen so individuell und einzigartig ist wie ein Fingerabdruck, zeigt sich im Besonderen in der Auswertung kriminalistischer Arbeit durch die Hilfe von Graphologen. Graphologie ist die Handschrift als Ausdruck des Charakters. Die Menschen schreiben in unterschiedlichster Weise, verschnörkelt, gestochen scharf, links- oder rechtslastig oder auch in geschwungener Form. 1830 fand die spitze Stahlfeder von England aus eine immer größere Verbreitung. Vor allem bei der Einführung der Schulpflicht und das Schreiben als Grundlehrfach und damit auch die Gebrauchsschrift. Perfekt war deshalb die Sütterlinschrift. Das stellte auch Alois Epple fest. Wie wichtig sie für ihn war, zeigte sich später, als er begann, alte Archivalien zu studieren. Diese neue Schrift galt bis „zum Verbot der gebrochenen Schrift durch den Schrifterlass 1941 in den Schulen“. Die Deutsche Normalschrift löste sie ab. Die Lateinische Ausgangsschrift ersetzte sie 1953. Diese ging wiederum auf Sütterlins Lateinische Ausgangsschrift zurück.

Sütterlins großer Verdienst war es, dass er in einer Zeit des Umbruchs in Kunst und Kultur eine neue deutsche Schreibschrift entwickelte, die er auf der Grundlage der historischen Schriftentwicklung schuf. Noch heute sind es alte Briefe und Dokumente, in Sütterlinschrift verfasst, die es zu lesen und zu übersetzen gilt. Für Carlo van Eckendonk ist diese Tätigkeit „… im Grunde auch aus medizinischer Sicht ein Schatz, denn man wird zur Langsamkeit gezwungen.“

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