Newsticker

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann schließt erneute Grenzkontrollen nicht aus
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Die verstoßenen Kriegskinder

Schicksale

10.04.2015

Die verstoßenen Kriegskinder

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges und in den Monaten nach Kriegsende gab es zwischen der Bevölkerung und den Besatzungssoldaten immer wieder Konflikte. Es wurden auch zahlreiche Fälle bekannt, in denen Frauen von Soldaten vergewaltigt wurden. Unser Bild entstand 1945 in Berlin.
Bild: dpa

Als Bub war er der „Russki“. Später gestand ihm seine Mutter, dass sein leiblicher Vater Offizier der sowjetischen Armee war. Eine Spurensuche 70 Jahre nach Kriegsende

Vor 70 Jahren ging der schlimmste Krieg der Menschheitsgeschichte seinem Ende entgegen. Bis zu 80 Millionen Menschen starben direkt oder indirekt an den Folgen des Zweiten Weltkrieges. Das Leid war mit Ende der Kämpfe nicht für alle beendet. Dies ist die Geschichte eines Kriegskindes aus dem Allgäu, dessen Vater ein sowjetischer Offizier war.

Kriegskinder gab es im Westen wie im Osten. Die betroffenen Frauen haben aus Scham oft geschwiegen. Erst in den vergangenen Jahren schreiben sich buchstäblich immer mehr Menschen ihren Kummer von der Seele. „Russenkinder in Deutschland“ ist ein Band überschrieben, in dem 13 Schicksale beschrieben sind. Ein zweiter Band steht kurz vor dem Druck. Betroffene hatten sich im März 2014 getroffen und ihre Lebensgeschichten aufgeschrieben.

Deutsche Frauen waren täglich Freiwild für russische Soldaten

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Josef S. (Name auf Wunsch geändert) kam 1946 auf einem kleinen Dorf im heutigen Unterallgäu zur Welt. Seine Mutter war im Februar 1945 mit ihrem elfjährigen Sohn aus dem Osten geflohen. Die Front war immer nähergerückt, die deutschen Zivilisten fürchteten schlimmste Rache.

Gemeinsam kamen sie als Flüchtlinge nach Uwaly, rund 20 Kilometer von Prag entfernt. Tschechen internierten sie. Die Mutter von Josef S. wird auf einem Gut als Arbeitskraft eingesetzt. Was sie dort erlebt haben, fasst Josef S. mit einem nüchternen Satz zusammen: „Die deutschen Frauen waren täglich Freiwild für die russischen Soldaten“. Sie hatten kein Recht und mussten Übergriffe ertragen. Von tschechischer Seite habe es damals lediglich geheißen, die deutschen Soldaten hätten es zuvor genauso gemacht.

In dieser Zeit ist Josef S. gezeugt worden – ein russischer Offizier soll seine Mutter vergewaltigt haben. Schwanger schlugen sich seine Mutter und der inzwischen zwölfjährige Halbbruder nach Bayern durch. Ihr Mann war aus dem Krieg noch nicht zurückgekehrt. Sie wurden als Flüchtlinge einem Dorf im Schwäbischen zugeteilt. Dort kam Josef S. zur Welt.

Josef wuchs zunächst unbekümmert auf. Natur und Tiere - alles war vorhanden. Dass seine Herkunft ein dunkles Geheimnis umgab, davon bekam er im Alter von acht Jahren eine erste Ahnung. Eine Flüchtlingsfrau pflegte ihn genüsslich „Russki“ zu nennen.

Josef konnte das nicht einordnen. Er war aber tief getroffen. Jedes Mal, wenn er das Wort hörte, lief er weinend zu seiner Mutter, einer fleißigen und frommen Frau. Sie besuchte regelmäßig die Gottesdienste und genoss dadurch in der Dorfbevölkerung Anerkennung.

Dem Buben verheimlichte sie die Wahrheit. Fremden gegenüber sagte sie aber schon mal, Josef sei ein „Opfer des Krieges“. Dann kam die Nachricht, dass sein Vater aus dem Krieg zurückkehren werde. „Ich war sehr aufgeregt, meinen Papa kennenzulernen“, erinnert sich der 68-Jährige. Es sollte eine bittere Enttäuschung werden. Zwischen seinem vermeintlichen Vater und ihm stand eine unsichtbare Wand.

Schon als Kind wurde er misstrauisch von seiner Umgebung beäugt. Vor allem die erwachsenen Männer seien es gewesen, die den Buben feindselig behandelten, erzählt Josef S. Viele von ihnen waren an der Ostfront, und nun vermuteten sie ein Kind des Feindes in ihren Reihen.

Josef wurde oft zum Sündenbock für alles gestempelt, was im Dorf schief lief. Ständig wurde er gehänselt, und auch die älteren Schüler beteiligten sich eifrig an der Treibjagd. Mobbing würde man heute wohl dazu sagen. Selbst der Dorfpfarrer machte mit. Als Josef ihn fragte, ob er nicht Ministrant werden könne, lehnte er mit Hinweis auf sein Aussehen ab.

Josef fragte immer wieder bei seiner Mutter nach der Wahrheit. Einmal schnappte er den Zeitpunkt des letzten Heimaturlaubs seines „Vaters“ auf. Dass ein Kind neun Monate im Mutterleib verbringt, war ihm klar. Also begann er zu rechnen und stellte fest, dass sein „Papa“ niemals sein leiblicher Vater gewesen sein konnte.

1958 gestand ihm seine Mutter, wer sein Vater ist. Er stammt aus der autonomen Provinz Tschuwaschien, die 600 Kilometer östlich von Moskau liegt. Für Josef wurde es nicht besser. Sein Stiefvater hielt ihm wiederholt vor, er lebe nur von seinem Geld. Sein Selbstbewusstsein sackte in den Keller. Josef hatte ständig angst, bloßgestellt zu werden. Aufs Gymnasium durfte er nicht, obwohl er zu den besten Schülern in der Klasse gehörte. Die meisten seelischen Verwundungen nahm er stillschweigend hin um sich dann im stillen Kämmerlein auszuweinen.

Er lebte wegen seiner Herkunft in ständiger Angst. Erst als er seine Lehre gut gemeistert hatte und er im Beruf Fuß fasste, wurde es besser.

Eines Tages gab ihm seine Mutter ein Foto und das Soldbuch seines Vaters. Sie hatte es dem Offizier aus der Tasche entwendet. Josef S. versteckte das Dokument, was er heute bedauert. So verstrich wertvolle Zeit. Eine Spurensuche nach seinem Vater sei heute viel schwieriger.

Mit seinen Eltern hat er seinen Frieden geschlossen

Mit seiner Mutter und seinem leiblichen Vater hat Josef inzwischen seinen Frieden geschlossen. In all den Jahren wurde ihm bewusst, was seine Mutter durchmachen musste. Auf dem Sterbebett „habe ich aber noch ein Danke sagen dürfen“. Das habe ihn sehr erleichtert.

Das Bild seines Vaters hängt seit einiger Zeit über dem Esstisch zuhause. Mit der Veröffentlichung seiner Geschichte will er anderen in ähnlicher Lage helfen. „Reden, aufarbeiten, das hilft“, betont er.

durchmachen müssen? Die MZ vermittelt bei Interesse gerne den Kontakt zu Josef S. Bitte Stichwort „Russenkinder“ angeben und an die Lokalredaktion mailen unter redaktion@mindelheimer-zeitung.de Bitte geben Sie Ihren vollständigen Namen an.

www.childrenbornofwar.org und www.russenkinder.de

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren