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Memmingen

19.05.2020

Die wundersame Rettung von Papageien-Dame Laura

Das Geschäft von Josef Eisele in der Maximilianstraße wurde am 20. April 1945 schwer beschädigt. Am Abgrund, wo ein ganzer Teil des Hauses fehlt, stand der Käfig von Papagei Laura. An der Stelle des Kaufhauses Eisele befindet sich heute Mode Reischmann.

Plus Ein grüner Ara überlebt im Kaufhaus Eisele in Memmingen am Kriegsende einen Bombeneinschlag. Er schenkt der Familie Grambihler Freude in einer schweren Zeit.

Es ist der 20. April 1945. Der Tag, an dem Memmingen seinen schlimmsten Bombenangriff verkraften muss. Albert Grambihler eilt mit seiner Mutter und einem Leiterwagen in die Maximilianstraße. Nachbarn haben erzählt, dass die Häuser dort schwer getroffen wurden. Grambihler und seine Mutter wollen schauen, ob sie irgendwo helfen können. Beim Anblick der Straße stockt ihnen der Atem: „An der Kreuzung zur Salzstraße war ein Bombenkrater, der war bestimmt 20 Meter tief. Es war unglaublich“, erzählt Grambihler, der damals sechs Jahre alt war. Schutt, Asche und Trümmer bedecken den Boden. Doch dann machen sie eine besondere Entdeckung.

Der Bub und seine Mutter trauen kaum ihren Augen: Aus dem völlig demolierten Kaufhaus Eisele, von dem eine ganze Ecke fehlt, lassen die Feuerwehrmänner einen Vogelkäfig hinab. Darin sitzt Laura, ein grüner Ara. Seine Farbenpracht kommt aber erst später zum Vorschein, denn der ganze Papagei ist mit einer dicken Staubschicht überzogen. Der große, viereckige Käfig ist völlig verbogen, Schutt liegt darin.

Der Käfig stand genau am Abgrund

Lauras Käfig stand genau am Abgrund, „dort, wo nichts mehr übrig war vom Haus“, erinnert sich Grambihler. Wie der Papagei überhaupt die Druckwelle der Detonation ausgehalten hat, ist ihm bis heute ein Rätsel. „Es war wirklich ein Wunder.“ Ein wenig mitgenommen war Laura aber schon: Keinen Mucks habe der Vogel von sich gegeben, sagt der 81-Jährige. „Der war zwei Tage lang stumm.“

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Die Grambihlers nahmen Laura schließlich mit zu sich nach Hause. Sie kannten die Familie Eisele, denen der Vogel gehörte, gut. Grambihlers Mutter war für Auguste „Gusti“ Eisele als Zugehfrau tätig.

Albert Grambihler

Ein Jahr lang hat der Vogel dann bei den Grambihlers gewohnt. Solange, bis die Familie Eisele sich von ihren schweren Verletzungen erholt hatte. Und dabei war es überhaupt ein großes Glück, dass ihnen nichts Schlimmeres passiert ist: Albert Grambihler sagt, eine Frau namens Resi, die im Kaufhaus Eisele angestellt war, wollte einige Zeit später etwas im Keller des Ladens abstauben, von dem sie dachte, es sei ein Schrank. „Es war ein 500 Kilogramm schwerer Blindgänger.“ Die Bombe war durchs Dach des Kaufhauses geschlagen und bis in den Keller durchgebrochen, wo die Eiseles und ihr Personal Schutz gesucht hatten. „Wenn die Bombe explodiert wäre, hätte es keine Überlebenden mehr gegeben.“

Laura war in ganz Memmingen bekannt

In Memmingen war Laura schon bekannt. Sie hatte ihren festen Platz in Eiseles Laden. „Das war für die Kunden eine Belustigung, manche gingen überhaupt nur wegen des Papageis dorthin. Wer hat denn damals schon so ein exotisches Tier gehabt?“, erzählt Grambihler. Sogar sprechen konnte der Vogel. Laut Grambihler sagte er immer: „Laura brav! So brav!“ Und gesungen habe er gern – genauso wie seine Besitzerin Auguste Eisele, die Opernsängerin war.

Gefressen hat der Papagei Kerne von Sonnenblumen, die bei den Grambihlers im Garten wuchsen. „Und meine Mutter hat Laura immer in Kaffee eingebrocktes Weißbrot zu fressen gegeben“, erinnert sich Grambihler und lacht. „Das hat ihr geschmeckt.“

Jeden Abend durfte der Papagei seinen Käfig verlassen. „Dann ist er immer zu meinem Vater auf die Schulter geflogen und hat an seinem Ohr geknabbert.“

Der Memminger Papagei konnte auch zubeißen

Aber Laura war nicht immer so zärtlich: „Mit ihrem gebogenen Schnabel konnte sie ganz schön zubeißen“, sagt Grambihler. Vor allem die Katzen im Haus waren ein beliebtes Angriffsziel des Vogels. Auch Grambihlers Finger wurde manchmal in Mitleidenschaft gezogen. „Aber ich hab’ ihn auch gerne geärgert“, gibt er zu. Bis heute kann sich der 81-Jährige noch gut an Laura erinnern. „Sie war ein toller Vogel.“

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