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Unterallgäu

04.06.2016

Diese Wildsau hilft Jägern und Landwirten

Vor heißen Tagen legt sich „Lady D“ eine Suhle an. Das ist eine der Verhaltensweisen, die Wieland Schuhmeir bei „seinem“ Wildschwein beobachtet hat. Seine Experimente sollen nun auch Landwirten helfen und dazu führen, dass weniger Wildfleisch verstrahlt ist.
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Vor heißen Tagen legt sich „Lady D“ eine Suhle an. Das ist eine der Verhaltensweisen, die Wieland Schuhmeir bei „seinem“ Wildschwein beobachtet hat. Seine Experimente sollen nun auch Landwirten helfen und dazu führen, dass weniger Wildfleisch verstrahlt ist.

Jäger Wieland Schuhmeir setzt auf spezielle Äsungsflächen für Wildschweine. Wie sich das positiv auf Landwirtschaft und Jagd auswirken kann.

Wenn am Ende alle zufrieden sind, ist das auch ein bisschen das Verdienst von Wildschwein „Lady D“. Ihr „Herrchen“ Wieland Schuhmeir hat sich in Zusammenarbeit mit einem Wildbiologen eine Art Konzept überlegt, das allen Seiten dienen soll: Jägern, Landwirten – und am Ende sogar den Wildschweinen. Denn die stellen immer häufiger ein Problem dar, weil sie die Felder und Wiesen der Landwirte auf der Suche nach Nahrung „umpflügen“. Und je tiefer die Tiere dabei graben, umso radioaktiver ist der Boden – und umso eher ist ihr Fleisch verstrahlt und muss in der Tierkörperverwertung entsorgt werden.

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Seit eineinhalb Jahren lebt die inzwischen 80 Kilogramm schwere „Lady“ auf dem Grundstück von Wieland Schuhmeir und seiner Lebensgefährtin Gabriella Beck im Wald nahe Unteregg. Der Jäger fand das Jungtier, als dessen Mutter nahe Augsburg überfahren worden war. Schuhmeir behielt Lady, um sie zum Fährtenschwein auszubilden. Außerdem macht er „Experimente“ mit ihr.

Was schlimm klingt, ist für Lady eher eine Freude. Sie bekommt verschiedene Pflanzen serviert: Sauerampfer, Klee und Brennnessel, zum Beispiel. Was frisst Lady am liebsten? Schuhmeir zog schnell eine erste Schlussfolgerung: „Schwarzwild ist ein Feinschmecker“, sagt er und lacht. Das zweite Ergebnis seiner „Forschung“: Brennnesseln gehen immer. Für die lässt Lady alles stehen und liegen.

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Die Erkenntnisse nutzt der Jäger nun für die rund 600 Hektar, um die er sich kümmert. Er hat Wildäsungsflächen angelegt, auf denen zum Beispiel Brennessel, Klee oder Luzerne angebaut werden. Das Prinzip: „Lieber gebe ich den Tieren Flächen, wo sie Futter bekommen, dann gehen sie nicht dorthin, wo sie nicht hinsollen“, sagt Schuhmeir, also zum Beispiel in den Mais. Schwarzwild nehme zu 90 Prozent pflanzliche Nahrung auf. Schäden verursachen die Tiere nur, wenn sie zu wenig ausgewogene Nahrung finden, glaubt Schuhmeir. Deshalb seien Felder mit Brennnesseln und Co. auch so wichtig. Solche Wildäcker schlägt auch ein Ratgeber des Landkreises zum Thema Schwarzwild vor. Im Grunde, das weiß auch Schuhmeir, erzählt er nicht viel Neues. Aber: „Man macht sich zu wenig Gedanken“, findet er.

Den Tieren bedeuten Ruhe und Fressen sehr viel, erklärt der Jäger, das sehe er auch immer an seiner Lady. Deshalb würde er die Wildschweine in den Kernbereichen, in denen sie sich aufhalten, auch nicht bejagen. Erst, wenn sie Felder betreten, wird geschossen. Die Folge: Die Schweine bleiben im Wald, wo sie ungestört sind. „Die sind ja nicht bescheuert“, sagt Schuhmeir. „Und da sind wir an dem Punkt: Genau da, im Wald, wollen wir sie ja haben.“ Lieber mehrere kleine Äsungsflächen als wenige größere sollten angelegt werden, damit die Tiere auch bei Störungen – beispielsweise durch Waldarbeiten – ausweichen können.

Ein weiterer Vorteil: Weil die Tiere das Grün fressen können und nicht tief im Erdboden nach Futter suchen müssen, seien sie nicht so stark strahlenbelastet. Während im Unterallgäu auch 30 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl noch mehr als die Hälfte aller Wildschweine aufgrund der hohen Radioaktivität entsorgt werden muss, liegt die Quote bei Wieland Schuhmeir seinen eigenen Worten zufolge bei 30, „eher 20 Prozent“ Ausschuss.

Den Vorwurf, dass seine Methode dazu führt, dass es immer mehr Wildschweine gibt, weist Schuhmeir von sich. Die Zuwachsraten in unserer Region seien laut Schuhmeir auch nicht dem Maisanbau geschuldet, wie oft vermutet werde, sondern der seiner Meinung nach falschen Bejagung. „Eine klassische Ansitzjagd kann zu keiner Bestandsreduktion führen“, sagt er. Bewusst oder unbewusst würden manches Mal die Leitbachen – also die Anführerinnen – erlegt. Doch gerade die Leitbache verhindere, dass ein Keiler andere Schweine in der Gruppe decke. Wird die Leitbache erschossen, deckt der Keiler mehrere sogenannte „Überlaufbachen“ – und bei rund sechs Frischlingen pro Tier gibt es dadurch mehr Nachwuchs als im anderen Fall. Schuhmeir kann verstehen, dass der Druck mancher Landwirte auf die Jäger wächst. „Aber wenn ich diese Rottenstruktur kaputt mache, hab’ ich das Schwarzwildproblem selbst gemacht“, sagt er.

Wichtiger sei es, die Tiere im Wald in Ruhe zu lassen und jeden Tag zu kontrollieren, wo es Schäden gibt. Ruft ihn einer „seiner“ Landwirte an, dass er Schweine im Mais gesichtet habe, greift Schuhmeir auf eine Handvoll erfahrener Jäger zurück und ist binnen kürzester Zeit dort, wie er erklärt. Dann wird „von hinten nach vorne“ geschossen – also möglichst von der rangniedrigsten Bache bis hin zur Leitbache, die als Letztes dran ist.

Der Bestand lasse sich am ehesten durch Drückjagden kontrollieren, glaubt Schuhmeir. „Dazu muss aber klar sein, dass Sauen da sind und wie viele.“ Erneut punktet hier sein Konzept: „Sein“ Schwarzwild hält sich immer an bestimmten Orten auf und ist auch besser zu bejagen als herumziehende Rotten. „Wir haben die Schweine konstant im Revier und null Schaden“, bilanziert Schuhmeir. „Umso weniger mir die rausgehen, umso weniger Arbeit habe ich“, freut sich der Jäger – und mit ihm die Landwirte.

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