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Mindelheim

29.03.2015

Dieser Mann lebt seit 30 Jahren als Eremit abgeschieden in einem Wald

Heinrich Maucher hat bei Baumgärtle ein Leben in Abgeschiedenheit gewählt. Gläubige bringen dem frommen Mann Blumen vorbei und erhoffen sich Kraft durch seine Gebete.
Bild: Johann Stoll

Eremit Heinrich Maucher lebt im Wald bei Baumgärtle seit 30 Jahren ein frommes Leben in völliger Bescheidenheit. Seine Uhr tickt anders. Viele Menschen fasziniert das.

Er besitzt keinen Fernseher, kein Radio, kein Telefon und auch keinen Kühlschrank. Braucht er alles nicht. Heinrich Maucher lebt mitten im Wald nach seiner eigenen Uhr. Wenn die Sonne aufgeht, steht auch er auf. Wird es dunkel, endet für ihn der Tag. Eine Uhr besitzt er zwar, aber wirklich draufschauen tut er selten.

Dass in der Nacht auf Sonntag die Uhr auf Sommerzeit vorgestellt wird, nimmt Maucher zur Kenntnis, mehr nicht. Er weiß, wie sehr das Leben vieler Menschen heutzutage durchgetaktet ist. Zeitdruck und Stress überall.

Sein Rat: einfach bescheiden leben und arbeiten, aber nicht ständig nach immer mehr streben. Die Menschen machten sich selbst zum Sklaven all der Dinge, die sie eigentlich nicht brauchen. Nicht einmal einen Stromanschluss hat seine Holzhütte, die sich der heute 73-Jährige vor 30 Jahren in ein Waldstück bei Baumgärtle gezimmert hat, das ihm gehört. Schuhe trägt er nicht. Maucher lebt für sich, zurückgezogen von der Welt. 1941 ist er als Bauernsohn in Baumgärtle zur Welt gekommen.

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Maucher suchte schon früh ein Leben in Bescheidenheit

Seine Eltern hatten nicht viel zum Leben. Naturverbunden waren sie und gottesfürchtig. 1981 und 1983 sind Mutter und Vater gestorben. Heinrich war von Kindesbeinen an eng mit der katholischen Kirche verbunden. Ministrant war er lange Zeit. 1984 war die Zeit dann für ihn gekommen. Eine innere Stimme sagte ihm, er solle den Weg gehen, den er dann eingeschlagen hat. Gott habe ihn zu einem gottgefälligen Leben in Abgeschiedenheit berufen.

Das allein hätte wohl nicht gereicht, jedenfalls nicht in Deutschland. Einfach eine Hütte in einen Wald bauen, auch wenn der Wald Eigentum ist, ist nicht ohne weiteres erlaubt. Das Landratsamt Unterallgäu hat bei Maucher ein Auge zugedrückt. Altlandrat Hermann Haisch hat den Eremiten besucht und war wohl zu dem Schluss gelangt, dass hier ein frommer Naturfreund keine Gefahr darstellt. Er sollte recht behalten haben.

Sieben bis acht Stunden am Tag wird gebetet

Sieben bis acht Stunden betet der 73-Jährige am Tag, manchmal bis spät in die Nacht. Dazu braucht er kein elektrisches Licht. Die Gebete kommen von innen. Er tut das für andere – dass sie gesund werden, dass sie auf den Weg des Glaubens geführt werden.

Dabei ist Heinrich Maucher ein leutseliger Mensch, der sich viel Zeit für andere nimmt, die des Wegs kommen. Dass im Wald bei Baumgärtle ein tiefgläubiger Einsiedler lebt, wissen viele Pilger, die Maria Baumgärtle besuchen. So mancher schaut bei dem Eremiten vorbei, kommt mit ihm ins Gespräch und hat oft ein ganz besonderes Anliegen an den gläubigen Mann.

Papierblumen bringen manche mit, echte Blumen, Kunststoffblumen. 500 Blumentöpfe hat Maucher schon mit all den Gaben gefüllt.

Andere Besucher wiederum bringen Kreuze und Amulette mit in den Wald, die sie eine Weile bei dem Eremiten lassen in der Hoffnung, seine Gebete könnten die Gegenstände mit einer besonderen Kraft aufladen.

Durch das Waldstück ziehen sich mehrere Pilgerwege. Heinrich Maucher hat dazu sieben kleine Kapellen gebaut.
Bild: Johann Stoll

Eine Ansammlung von rund 30 Holzkreuzen

Andere haben angefangen, Holzkreuze mitzubringen in der Hoffnung, Maucher werde für die Verstorbenen ein besonderes Wort im Himmel einlegen. Bis zu 30 stehen auf einer Art Waldfriedhof auf dem Gelände. Auch Kirchenleute wie der frühere Mindelheimer Stadtpfarrer Bihler kamen schon vorbei.

Es gab Zeiten, erzählt Maucher, da kamen an einem Sonntag schon mal 100 Leute vorbei. Von weltabgewandter Ruhe konnte da kaum noch die Rede sein. Weil er nur eine Minirente zum Leben hat, steckt ihm der eine oder andere auch etwas zum Leben zu. Viel braucht er nicht. Meist ernährt er sich von Honig, Eiern. Selten gibt es Wurst. Maucher ist topfit. Dabei gab es Zeiten, in denen er viel unterwegs war.

Lourdes, Fatima, Rom, Polen – zahlreiche Wallfahrtsstätten hat er besucht. Eine gläubige Wohltäterin, die er vor elf Jahren kennengelernt hat, holt ihn noch heute jeden Sonntag mit dem Auto ab. Gemeinsam fahren sie nach Wigratzbad bei Wangen und besuchen die Heilige Messe, die in lateinischer Sprache gelesen wird.

Mit dem geschenkten Traktor fährt Maucher zum Baumarkt

Sein "Marientor", wie er den Rückzugsort im Wald nennt, hat er in den drei Jahrzehnten mächtig ausgebaut. Rund einen Kilometer lang sind die Pilgerwege, die sich zwischen den Bäumen hindurchziehen. Sieben hölzerne Kapellen hat er gezimmert, Gebetsgrotten, mehrere Meter hohe Glockentürme. Das Baumaterial besorgt er sich im Baumarkt. Da ist Maucher ein Heimwerker wie andere auch, und obendrein ein schwäbischer.

Ein Besucher aus Augsburg war von dem gläubigen Einsiedler so tief berührt, dass er ihm vor zwei Jahren einen kleinen Traktor geschenkt hat. Mit ihm fährt der 73-Jährige auch mal nach Mindelheim, wenn er etwa Dachpappe braucht, die es dort besonders günstig gibt. Sein Gefährt soll der Besucher unbedingt auch noch sehen. Er freut sich über das gute Stück wie ein Autofahrer, der gerade einen nagelneuen BMW in Empfang nehmen konnte. Sogar eine eigene Garage hat er für den Deutz gezimmert.

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