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Bad Wörishofen

06.07.2019

Ein Bad Wörishofer, der Raumfahrtgeschichte schreibt

Klaus-Dietrich Flade (hier links im Bild) ist einer von nur zehn Deutschen, die bislang im Weltall waren. Bei der Mission Mir 92, für die er ausgewählt wurde, schrieb der Bad Wörishofer Raumfahrtgeschichte.
Bild: DLR/Puschkarev

Plus Der Astronaut Klaus-Dietrich Flade aus Bad Wörishofen spricht über Neil Armstrong, seine eigene große Mission - und die teuerste Praline der Welt.

Was sich Neil Armstrong wohl beim Start der Rakete gedacht hat, die ihn und seine Crew vor 50 Jahren zum Mond brachte? Man kann ihn nicht mehr fragen. Armstrong starb 2012 und galt zeitlebens als schweigsamster Nasa-Astronaut. Wer dagegen Klaus-Dietrich Flade aus Bad Wörishofen fragt, erhält eine Antwort auf die Frage, wie sich so ein Raketenstart eigentlich anfühlt – allerdings eine überraschende. „Es war enttäuschend“, sagt er über den Moment, als unter ihm rund 24 Millionen PS mit einem gewaltigen Feuerstoß ihre Arbeit aufnahmen.

„Wenn man im Starfighter Gas gab, wurde man wenigstens in den Sitz gedrückt“, sagt der ehemalige Bundeswehr-Pilot. Dann grinst Flade und ergänzt: „Den gewaltigen Boost der Rakete spürt man erst einige Sekunden später.“

Die Raumstation Mir gibt es zwischenzeitlich nicht mehr.
Bild: DLR/Puschkarev

Überkommt einen dann nicht doch ein bisschen Angst? Nein, sagt Flade. „Die einzige Angst ist, dass man gar nicht fliegt, etwa weil die Zündung im letzten Moment wegen eines Problems abgebrochen wurde.“

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Bei Flades Start am 17. März 1992 ging aber alles glatt. In genau 526 Sekunden beförderte ihn die Sojus von Russland aus 240 Kilometer hoch in eine erste Umlaufbahn um die Erde. Von dort aus mussten die Raumfahrer dann auf 60 Meter genau an die Mir in 350 bis 400 Kilometern Höhe navigieren. Dort schrieb der Wörishofer dann Raumfahrtgeschichte: Flade war der erste deutsche Kosmonaut auf der russischen Station.

Klaus-Dietrich Flade ist einer von zehn Deutschen, die bislang im Weltall waren

Bis heute waren erst zehn Deutsche überhaupt im All. Und wer glaubt, dass erst Weltraum-Star Alexander Gerst die Maus aus der Sendung mit der Maus ins All entführte, irrt. Auch das war Flade, der damit damals eine gewisse Tradition begründete.

Und noch etwas hatte der verheiratete Vater zweier Kinder bei seiner geschichtsträchtigen Mission dabei: die damals vermutlich teuersten Pralinen der Welt – von Schwermer aus Bad Wörishofen, zwei Stück pro Passagier. Umgerechnet rund 15.000 Euro habe das traditionelle Gastessen auf der Mir gekostet, sagt der 66-Jährige. Als Hauptgang gab es Rheinischen Sauerbraten, alles unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen und möglichst keimfrei auf der Erde zubereitet und dann ins All verfrachtet. Die Pralinen hat Flade damals aber nicht selbst ausgewählt.

Die „Maus“ im Weltraum: Klaus-Dietrich Flade begründete mit dem schwerelosen Stofftier damals eine gewisse Tradition.
Bild: DLR/Puschkarev

Nach seinem Umzug nach Bad Wörishofen trifft man ihn allerdings gerne mal im Café Schwermer – wenn er nicht gerade als Mitglied eines der elitärsten Clubs der Erde in der Welt unterwegs ist. Im ASE (Association of Space Explorers) versammeln sich die Astronauten bei jährlichen Treffen. Heuer ist es im Oktober soweit, natürlich in Houston, Texas. „Da freue ich mich tierisch drauf“, sagt Flade. In Housten wurde erst vor wenigen Tagen der Kontrollraum der Mond-Mission als Museum für Besucher geöffnet.

Klaus-Dietrich Flade hat bei einem Treffen den Astronauten Neil Armstrong kennengelernt

Bei den Treffen des Astronauten-Clubs hat Flade einst auch Neil Armstrong kennengelernt, der als erster Mensch den Mond betrat. Als „sehr angenehm“ beschreibt er den berühmtesten Raumfahrer der Welt. „Extravagant“ dagegen sei Buzz Aldrin, zwischenzeitlich 89 Jahre alt, der damals als Zweiter die Mondoberfläche betrat. Die Raumfahrer tauschen bei den Treffen auch viel Persönliches aus, schließlich gibt es nicht viele Menschen auf der Welt, mit denen man gemachte Erfahrungen teilen kann.

Er selbst wäre gerne länger als die sechs Tage auf der Mir geblieben, am liebsten sechs Monate, sagt Flade. Insgesamt dauerte der Aufenthalt im All acht Tage. Geschlafen habe er in dieser Zeit insgesamt weniger als 24 Stunden. „Es gibt so viel Interessantes und es ist so viel Euphorie dabei, man wird nicht müde“, berichtet er. Insgesamt 14 materialwissenschaftliche und biomedizinische Experimente beinhaltete Flades Mission. Dabei war er auch selbst Forschungsobjekt, wie er sagt.

Klaus-Dietrich Flade mit seinem Vater Hans-Ulrich (links).
Bild: Flade

Eindrücklich war für ihn der Perspektivwechsel. „Der Ausblick ist schon gigantisch“, sagt er und lächelt. Das bleibt mitunter nicht ohne Folgen. „Viele Astronauten sind nach ihren Flügen sehr gläubig geworden“, berichtet Flade. „Vor allem aus dem Kreis der Mond-Astronauten.“ Der Blick auf die Erde schärft auch das Verantwortungsgefühl, wie es scheint. Wenn der Club der Astronauten zusammenkommt, geht es immer auch sehr öffentlichkeitswirksam um ein Thema, das die Weltgemeinschaft beschäftigen sollte. Zuletzt war dies in Saudi-Arabien die Wassergewinnung aus der Wüste, wie Flade berichtet.

Der Astronaut Flade war Kampfpilot bei der Bundeswehr

Dass der gebürtige Büdesheimer einmal Teil dieses Clubs sein wird, war allerdings keineswegs vorgezeichnet. „Mit Raumfahrt hatte ich eigentlich nicht viel am Hut“, sagt er. Dass er am Tag der Mondlandung am 20. Juli 1969 mit seiner Vespa von Bonn nach Memmingen gefahren ist, hatte auch eher mit dem Besuch eines ehemaligen Nachbarn zu tun, als mit dem Ereignis selbst. In Memmingen ging er zur Schule, sein Vater war dort von 1966 bis 1969 Kommodore des Jagdbombergeschwaders 34. „Ich habe die Mondlandung dann alleine geguckt“, sagt Flade. Auch da sprang der Funke nicht über. „Ich wollte damals Musiker werden; ein Traum übrigens, den sich nun mein Sohn erfüllt hat.“

Irgendwann landete Flade dann als Kampfpilot bei der Bundeswehr – und glänzte dort mit überragendem fliegerischen Talent. Nach einem „schwierigen Manöver“ (Flade) über dem Lechfeld musste er beim Vorgesetzten antreten. „Ich dachte, es gibt Ärger; aber dann hat er nur gefragt: Herr Flade, wollen Sie Astronaut werden? Ich habe Ja gesagt und er: wegtreten.“ So einfach geht das also manchmal – aber nur zu Beginn. Denn bewerben musste Flade sich dann schon selbst.

„Ich habe reingeschrieben, dass ich der Raumfahrt helfen kann“, sagt der Luft- und Raumfahrtingenieur und grinst. Gut 20 Varianten habe er dazu aber verfasst, bevor er die Bewerbung einreichte. Unter tausenden Bewerbern kamen 2000 in die engere Auswahl, am Ende blieben 13 übrig, darunter Flade.

Flade war der erste deutsche Kosmonaut auf einer russischen Station

Die Idee zur Mir-Mission entstand nach Darstellung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt „bei dem Treffen zwischen dem damaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow und dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl Mitte Juli 1990 im Kaukasus“. Flade erinnert an das das berühmte Foto, bei dem Gorbatschow und Kohl auf Baumstämmen hocken und über Weltpolitik sprechen. Bis zuletzt war aber nicht klar, ob Flade wirklich fliegen darf. Gerne erinnert er sich deshalb an ein Gespräch mit der Frau des russischen Weltraumhelden Juri Gagarin.

Nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr wurde Klaus-Dietrich Flade Testpilot bei Airbus. Er lebte und arbeitete unter anderem in Toulouse, Frankreich, bevor er nach Bad Wörishofen zog.
Bild: Marcus Barnstorf

„Sie hat mir gesagt, dass ich bestimmt fliegen werde, weil ich Pilot war, genauso wie ihr Mann.“ So kam es dann auch. „Dass ich ins Sternenstädtchen bei Moskau, dem Heiligtum der Russen, kommen durfte und dort voll akzeptiert war“, beeindruckt Flade bis heute. Der Kalte Krieg war ja gerade erst zu Ende gegangen. Auch Flade hat an der berühmten Allee der Kosmonauten ein Bäumchen gepflanzt. Er hat auch ein Autogramm an der Zimmertür hinterlassen – ebenfalls ein wichtiges Ritual vor dem Abflug ins All.

Wieder zurück auf der Erde, hat der Wörishofer sich ebenfalls in die Annalen des Sternenstädtchens eingebrannt. Statt sich tragen zu lassen, wie vorgesehen, ging Flade zu Fuß – zu einem bereitstehenden Helikopter, den er selbst nach Hause flog.

Ein wenig erinnert das an die Zeit der Apollo-Missionen. Die Euphorie und die Aufbruchsstimmung von damals sind den meisten, die das Ereignis miterlebt haben, sicher noch gut in Erinnerung. Riesige Erwartungen waren mit der Mondlandung verbunden, der Weltraum schien offen. Und rückblickend? „Dass man noch nicht zum Mars geflogen ist, wundert mich sehr“, sagt Flade. „China wird uns in kurzer Zeit überholen“, glaubt er. „Aber wir sollten unbedingt weitermachen.“

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