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Prozess in Memmingen

18.04.2015

Ein Fehler mit tödlichen Folgen - 28-Jähriger vor Gericht

Auch der Rettungsdienst konnte dem 25-jährigen Unterallgäuer nicht mehr helfen. Er starb, nachdem sein Seat mit dem Geländewagen eines 29-Jährigen zusammengeprallt war.
Bild: Florian Ankner

Ein junger Mann hat einen schweren Unfall verschuldet, bei dem ein Mann ums Leben kam. Es ist ein Fall, bei dem es am Ende nur Opfer gibt. Und doch muss ein Urteil gefällt werden.

Es gibt Fälle vor Gericht, in denen schnell klar ist, wer der Täter ist und welche Strafe er verdient hat. Und es gibt Fälle, bei denen selbst Richter sagen müssen: „Das ist mit strafrechtlichen Mitteln nicht zu lösen.“ So hat es Nicolai Braun nun am Memminger Amtsgericht formuliert. Er hatte sein Urteil zu fällen über eine Straftat, bei der es am Ende eigentlich nur Opfer gab.

Dezember 2013: Opfer stirbt noch am Unfallort

Es ist der Morgen des 16. Dezembers 2013: Auf der A 96 fährt ein Kleintransporter bei Erkheim auf ein Auto auf, acht Menschen werden verletzt, drei davon schwer. Die Autobahn wird gesperrt, die Polizei leitet den Verkehr über Kammlach um.

Ein 28-Jähriger, der die Umleitung in Richtung Stetten fährt, überholt mit seinem Geländewagen einen langsamer fahrenden Transporter – und prallt mit einem entgegenkommenden Seat Ibiza zusammen. Dessen 25-jähriger Fahrer ist gerade auf dem Weg zur Arbeit. Er stirbt noch an der Unfallstelle. Der 28-jährige Unfallverursacher wird mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

An Unfalldetails kann sich der Angeklagte nicht erinnern

Knapp eineinhalb Jahre später musste sich der Zeitsoldat aus dem Landkreis Biberach vor Gericht verantworten. Mit leiser Stimme erklärte er, wie er den Unfall erlebt hat. Der Transporter sei das erste Auto gewesen, das er überholt habe. Er wollte wieder einscheren, schaute, ob genügend Platz vorhanden war, „und dann krachte es schon“. „Ich versuche seit eineinhalb Jahren, mich an Details zu erinnern“, sagte der heute 29-Jährige sichtlich betroffen.

Er habe sich nach dem Zusammenstoß aus seinem Auto befreit, die Unfallstelle abgesichert und Erste Hilfe geleistet. Als der Rettungsdienst eintraf, habe er sich an die Böschung gesetzt. „Irgendwann kamen Polizisten und stellten Fragen.“ Er sei seit dem Unfall in psychotherapeutischer Behandlung. Sein Arbeitgeber, die Bundeswehr, hat ihm den Dienst an der Waffe verboten; er wird nicht befördert und nach einer Verurteilung droht ihm ein Disziplinarverfahren. Sein Traum vom Leben als Berufssoldat rückt damit in weite Ferne.

Dass er einen Menschen „fahrlässig getötet“ hatte, war unstrittig. Richter Nicolai Braun hatte nun zu klären, ob der Überholvorgang eine vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs war, wie ursprünglich im Strafbefehl vermerkt. Gegen diesen hatten der Angeklagte und sein Verteidiger Oliver Bartholomäus Einspruch erhoben.

Urteil: 150 Tagessätze zu je 55 Euro

Nach den Aussagen von zwei Polizisten, zwei Augenzeugen und einem Unfallgutachter war klar: Der Angeklagte, der an dem Tag eine gute Sicht auf die lang gezogene Kurve zwischen Kammlach und Stetten hatte, hatte den Überholvorgang noch nicht komplett abgeschlossen, denn der Unfall war auf der Fahrbahnseite des verunglückten 25-Jährigen passiert.

Beide Autos waren nicht schneller als erlaubt unterwegs, doch der Zusammenstoß sei für das Opfer „unvermeidbar“ gewesen, erklärte der Gutachter. Der Geländewagen habe beim Zusammenstoß „wie ein kleiner Lkw“ gewirkt: Der Seat Ibiza des getöteten Unterallgäuers war massiv zerstört, beim Geländewagen war zumindest die Fahrgastzelle weitgehend intakt.

In seinen letzten Worten entschuldigte sich der Angeklagte erneut mit erstickter Stimme bei den Angehörigen des getöteten 25-Jährigen, die als Zuschauer – nicht als Nebenkläger – die Verhandlung verfolgt hatten. „Es tut mir furchtbar leid.“

Richter Nicolai Braun hatte dennoch ein Urteil zu fällen. Er verurteilte den Soldaten zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 55 Euro und einem Monat Fahrverbot. Er sprach von einem „ganz normalen Überholvorgang mit tragischem Ausgang“, dessen Folgen auch nicht mit Geld rückgängig zu machen seien. Eine Straßenverkehrsgefährdung – ob vorsätzlich wie im Strafbefehl oder fahrlässig wie im Plädoyer der Staatsanwältin – habe die Verhandlung jedoch nicht ergeben.

Der Richter spricht von „Augenblicksversagen“

Der Angeklagte hatte nicht, wie die Aktenlage zunächst vermuten ließ, mehrere Autos in einer Kolonne überholt und war gleich auf der linken Spur geblieben, um noch weiter überholen zu können. „Für einen grob verkehrswidrigen Vorgang, der auf rücksichtslosem Verhalten beruht, gibt es keine Hinweise“, so Richter Braun.

Für den 29-jährigen Angeklagten sprachen sein von Reue getragenes Geständnis, die beruflichen Folgen des Unfalls, dass er nicht vorbestraft ist und dass es sich bei den Geschehnissen um ein Augenblicksversagen handelte, so Braun. Gegen ihn sprach, dass er Zeit gehabt hätte, wieder nach rechts vor den Transporter, den er überholt hatte, einzuscheren.

Warum er das nicht getan hat, weiß keiner – auch der Angeklagte nicht. „Der Unfall ist aus Sicht des Streckenverlaufs gar nicht erklärbar“, hatte sein Verteidiger im Plädoyer gesagt. „Es war ein Fehler innerhalb von einer Sekunde, der jedem von uns passieren könnte.“

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