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Bad Wörishofen

21.04.2019

Ein Mann und seine Lebensretterin

„Da habe ich nur noch funktioniert“Eine im besten Wortsinn herzliche Umarmung: Karl-Heinz Saraßa weiß, dass er ohne seine Lebensretterin Anja Filser wohl nicht mehr seinen 80. Geburtstag hätte feiern können. Sie hatte nach einem Herzanfall Erste Hilfe geleistet. „Ich fühle große Dankbarkeit“
Bild: Alf Geiger

Plus Ohne lange zu überlegen leistete Anja Filser Erste Hilfe und rettete damit Karl-Heinz Saraßa das Leben. Für den 80-Jährigen ist die Frau sein Schutzengel.

Und plötzlich sackte er zusammen, sank leblos in seinen Sessel und regte sich nicht mehr. Gerade hatte er noch gelacht, sich mit seiner Frau Roswitha unterhalten, dann war er weg. Karl-Heinz Saraßa, der am vergangenen Dienstag seinen 80. Geburtstag feierte, wird ganz still, wenn er an diesen Moment denkt. Er selbst weiß nicht mehr viel davon. Er weiß nur: Ohne das entschlossene Eingreifen von Anja Filser wäre er wohl nicht mehr am Leben und könnte heute mit seiner Familie anstoßen.

Es war kurz vor 17 Uhr an diesem trüben Januar-Dienstag. Ein scheinbar ganz normaler Tag für Roswitha und Karl-Heinz Saraßa, die sich vor einigen Jahren entschlossen hatten, aus dem Bergischen Land nahe Köln wegzuziehen und ihren Lebensabend in Bad Wörishofen zu verbringen, wo ihr Sohn schon mit seiner Familie lebte. Sie redeten, lachten. Und dann konnte Karl-Heinz Saraßa sein Glas nicht mehr halten, sein Arm fiel schlaff herab.

Seine Frau schrie um Hilfe - und wurde vom Handwerker gehört, der in der Bad Wörishofer Nebenwohnung zusammenpackte

Seine Ehefrau Roswitha war geschockt, schrie lauthals um Hilfe, griff dann zum Telefonhörer und rief bei ihrem Hausarzt an. Attila, ein Arbeiter, der nebenan als Handwerker tätig war, hatte schon seine Werkzeuge eingepackt und wollte gerade losfahren, als er die Hilferufe aus dem Nachbarhaus hörte. Sofort rannte er los, da kam ihm auch schon Roswitha Saraßa entgegen, völlig aufgelöst. Der Arbeiter schätzte die Situation blitzschnell und richtig ein: Hier ging es um Leben und Tod, um Sekunden.

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Er rannte zurück auf die Straße in den Ulmenweg. Dort stieg in diesem Moment Anja Filser aus dem Auto, die als Beraterin bei der gemeinnützigen Ambulanten Krankenpflege Bad Wörishofen der Caritas und Diakonie arbeitet. Es war Zufall, dass sie überhaupt hier war. Ein Termin hatte sich verschoben. Die gelernte Krankenschwester zögerte keine Sekunde, rannte ebenfalls in die Wohnung des Ehepaares und sah Karl-Heinz Saraßa, der leblos im Sessel saß.

„Da habe ich nur noch funktioniert“, schildert die 33-jährige Bad Wörishoferin diese Momente, die ihr auch heute noch unwirklich vorkommen. Als examinierte Krankenschwester sind ihr Lebensrettende Sofortmaßnahmen – landläufig auch Erste-Hilfe genannt – natürlich vertraut, aber da sie selbst schon seit Jahren in der Beratung tätig ist, sind solche Einsätze auch für sie längst nichts Alltägliches.

Die 33-Jährige begann sofort mit der Herz-Druck-Massage und beatmete den Wahl-Bad Wörishofer

Gemeinsam legten sie den leblosen Karl-Heinz Saraßa auf den Fußboden und dann begann die 33-Jährige mit einer Herz-Druck-Massage, so wie sie es schon oft in Fortbildungskursen geübt hatte. Dazu gehört dann auch eine Mund-zu-Mund-Beatmung. Es vergingen einige bange Minuten, einmal schien Karl-Heinz Saraßa wieder zu sich zu kommen – dann versank er wieder in die Bewusstlosigkeit.

Wenige Minuten später kam der Notarzt und setzte die lebensrettenden Maßnahmen fort. Noch in der Wohnung wurde der Rentner reanimiert, dabei kam auch ein Defibrillator zum Einsatz. Auf der Fahrt ins Mindelheimer Krankenhaus kämpften die Ärzte weiter um das Leben von Karl-Heinz Saraßa. Es dauerte mehrere Tage, ehe er außer Lebensgefahr war und auch danach war lange nicht sicher, ob er wieder ganz gesund werden kann.

Wie sich herausgestellt hatte, hatte sein vorgeschädigtes Herz einfach aufgehört zu schlagen, ein Herzflimmern zwischen den Kammern war wohl die Ursache für die lebensbedrohliche Situation. Heute trägt Karl-Heinz Saraßa einen Mini-Defibrillator unter der Haut, der sofort mit einem elektrischen Impuls dafür sorgt, dass sein Herz wieder „anspringt“, sollte es erneut ins Stottern kommen.

Auch Anja Filser wurde erst nach und nach bewusst, dass sie da einem Mann das Leben gerettet hatte

Während der Rentner im Krankenhaus mit dem Tod rang, wurde auch seiner Retterin Anja Filser erst nach und nach bewusst, was da passiert war. Und das war beileibe keine einfache Situation, sagt sie heute. Immer wieder beschäftigten sie Zweifel, ob sie denn wirklich auch alles richtig gemacht habe bei ihren Erste-Hilfe-Maßnahmen. Was wäre denn, wenn der Mann nicht mehr aus dem Koma aufwacht? Wenn er schwere gesundheitliche Schäden davon getragen hatte, vielleicht sogar ein Pflegefall wäre. Oder am Ende doch noch den Kampf gegen den Tod verliert?

Als sich Anja und Karl-Heinz Saraßa in diesen Tagen nach längerer Pause wieder treffen, fallen sie sich ganz selbstverständlich um den Hals. Beide sind glücklich, dass ihre erste Begegnung im Leben am Ende doch noch ein gutes Ende gefunden hatte. Karl-Heinz Saraßa ist so topfit, wie man nach so einer schweren Herzattacke nur sein kann. Und Anja Filser strahlt mit ihm um die Wette.

Ein glückliches Bild, das eine fast greifbare Vertrautheit ausstrahlt. Zwischen den beiden, die eine außergewöhnlich kritische und lebensbedrohliche Situation zusammengeführt hat, ist eine Verbindung entstanden, die weit mehr ist als eine oberflächliche Bekanntschaft. „Sie ist mein Schutzengel“, sagt Karl-Heinz Saraßa, der aber gleich hinzufügt: „Ich hatte an diesem Tag ganz viele Schutzengel: den Arbeiter Attila, meine Frau Roswitha, das Rettungsteam vom BRK und die vielen Ärzte und Helfer in den Kliniken, die mir beim Gesundwerden geholfen haben. Ich fühle große Dankbarkeit“. Und seinen Humor hat er ebenfalls nicht verloren: „Wer wird in meinem Alter schon von so einer hübschen jungen Frau geküsst“, sagt Karl-Heinz Saraßa und bedauert es da mit einem schelmischen Augenzwinkern, dass er die Mund-zu-Mund-Beatmung gar nicht bewusst mitbekommen hatte ...

Inzwischen gibt es einen Defibrillator in der Bad Wörishofer Einrichtung

Auch Marc Engstle von der gemeinnützigen Ambulanten Krankenpflege strahlt: Er ist nicht nur stolz auf das professionelle Eingreifen seiner Kollegin Anja Filser. Er hat auch erkannt, dass ein Defibrillator in seinem Haus fehlt. Dank der Björn-Steiger-Stiftung und der hauseigenen Stiftung der Ambulanten Krankenpflege Bad Wörishofen konnte jetzt ein Gerät angeschafft werden, das nicht nur für die Patienten im Haus, sondern auch bei Notfällen in der Nachbarschaft genutzt werden kann. Natürlich hoffen alle, dass dies nie der Fall sein muss. Doch wenn es einmal ernst wird – wie bei Karl-Heinz Saraßa – dann steht der Defibrillator zur Verfügung.

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