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Historisch

05.12.2012

Ein Stück Stadtgeschichte wurde abgerissen

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Im Rückgebäude des Hotel Luitpold befand sich von 1912 bis 1932 das Kinematographen-Theater. Im ersten Kino Bad Wörishofens waren kleinere Explosionen nie ausgeschlossen

Bad Wörishofen Vor einigen Tagen wurde ein unscheinbares Rückgebäude hinter dem Hotel Luitpold abgebrochen, das über Jahrzehnte im Erdgeschoss als Garage und Lager, in den oberen Etagen als Unterkunft für die Hotelangestellten diente. Im Mai 2011 hatte es dort auch gebrannt. Die wenigsten Wörishofer dürften aber wissen, dass nach 100 Jahren mit dem Abriss des Hauses auch ein Kapitel Kinogeschichte endete.

Warnung vor sittlichem Verfall

„Als am 12. Juni 1912, abends präzis 8 1/4 Uhr, unter den Klängen der hiesigen Kurkapelle das Kinematographen-Theater im Rückgebäude des Hotel Luitpold eröffnete, lagen die ersten Vorführungen lebender Bilder im aufstrebenden Kurort Wörishofen bereits 15 Jahre zurück“, das hat Stadtrat Michael Scharpf recherchiert. Dennoch stand man dem Medium noch äußerst skeptisch gegenüber. Insbesondere die Kirche und die „bessere Gesellschaft“ lehnten die meist von Schaustellern betriebenen Wanderkinos ab und warnten vor sittlichem Verfall. So wundert es nicht, dass der erste Versuch, Ende 1910 ein sogenanntes Ladenkino im Kneipphaus zu etablieren, nach nur rund einem Jahr scheiterte. Die gebrauchten und störanfälligen Gerätschaften bildeten ein halbes Jahr später die bescheidene Grundlage der Luitpold-Lichtspiele, deren schlichte Räumlichkeiten vorher eine Buchdruckerei beherbergten.

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Einer Zeitungsmeldung kann man entnehmen, dass wohl nicht alles rund lief. Dennoch: „Seit der Eröffnung ist täglich an Verbesserungen gearbeitet worden und lässt es sich der Besitzer angelegen sein, dem Badepublikum und den hiesigen Einwohnern den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen“, so der Zeitungsbericht wörtlich. Die Zeitung wünschte „recht zahlreichen Besuch“.

Dieser Wunsch scheint zunächst nicht in Erfüllung gegangen zu sein, da im Sommer 1912 die Eintrittspreise gesenkt werden mussten. Ein Platz dritter Klasse kostete nur noch 25 Pfennig, ein bequemer Klappsitz 1. Klasse 60 Pfennig, mit Reservierung 90 Pfennig. Insgesamt wurden 156 Sitzplätze dicht an dicht vorgehalten, im Laufe der Jahre musste auf 140 verringert werden. Trotz vieler Anstrengungen – man verwies in der Werbung auf das beheizte Lokal, die doppelte Ventilation und dass der Saal ausgiebig mit Perolin desinfiziert werde – fiel das Resumee der Presse am Jahresende vernichtend aus: „Mögen die Weihnachtsfeiertage der Direktion des hiesigen Kinos teilweise Entschädigung bieten für den ziemlichen pekuniären Ausfall, den die Gleichgültigkeit weitester Kreise diesem Unternehmen gegenüber gerade in letzter Zeit entstehen ließ.“

Nach schwierigen Jahren und geringer Besucherfrequenz stellten die Lichtspiele im Sommer 1915 kriegsbedingt den Betrieb ein. Nach dem Abenteuerfilm „Der Patentschnappschloßkoffer“ blieb die Leinwand bis 1919 dunkel.

Wiederholt wechselten die Pächter

Als der Spielbetrieb wieder aufgenommen wurde, schienen sich Mitte der 20er Jahre zwar die Besucherzahlen zu stabilisieren, aber das Unternehmen selbst geriet in unruhiges Fahrwasser. Wiederholt wechselten die Pächter, der Filmvorführer bestand seine Eignungsprüfung nicht, Sicherheitsauflagen wurden nicht eingehalten oder nur schleppend umgesetzt, sodass behördlicherseits die Schließung angedroht werden musste. So kam es immer wieder einmal vor, dass durch Unachtsamkeiten oder technische Störungen das hochgefährliche Nitro-Filmmaterial schlagartig explodierte.

1924 meldete der Pianist des Stummfilmkinos bei der Gemeinde, „dass oft ungestempelte Billets zur Ausgabe gelangten und damit aufgrund der entgangenen Lustbarkeitssteuer der Armenkasse die Einnahme vorsätzlich entzogen wurde.“ Auf Grund der Enge im Kinosaal sei es geradezu lebensgefährlich, dorthin zu gehen. „Auf alle Fälle muss den Leuten von diesem Kino das Handwerk gelegt werden.“

Das erledigte sich bald von selbst. Am 6. Oktober 1927 schlug in Amerika die Geburtsstunde des Tonfilms. Die Umrüstung der Luitpold-Lichtspiele auf Lichtton im Frühjahr 1932 kam viel zu spät. Zu lange hatte man dem Publikum ältere Stummfilme aus den 20er Jahren vorgesetzt. Die überalterten Räumlichkeiten und die rückständige Ausstattung des Kinosaales taten ihr übriges. Die örtliche Presse brachte zur Abschiedsvorstellung am 31. Oktober 1932 dennoch einen vielsagenden Nachruf: „Der Besitzer hat sich in den letzten Jahren wirklich angestrengt, aus dem früheren Chaos ein modernes, soweit es wenigstens die Räume zuließen, Lichtspieltheater zu schaffen. Ja er hat keine Kosten gescheut, obwohl der Besuch an und für sich sowie die Unterstützung eines solchen Betriebes oft sehr zu wünschen übrig ließ. Es ist nur zu hoffen und zu wünschen, dass in Bälde ein schönes und modernes Lichtspieltheater entstehen wird.“ Der Wunsch ging in Erfüllung, wie die Lokalzeitung am 25. Februar 1933 vermeldete: „Wörishofen bekommt ein modernes Lichtspielhaus, geplant im Garten des Café Trautwein.“ Aber das ist eine andere Geschichte – eine Erfolgsgeschichte. (ara,mz)

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