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Kirche

19.07.2019

Ein leuchtendes Jubiläum und eine Volksheilige mit Bart

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4 Bilder
Idyllischer geht es kaum: Die Kümmerniskapelle bei Obergammenried hat eine sehr ungewöhnliche Geschichte – und einen beeindruckenden Standort. Seit 250 Jahren gibt es das kleine Gotteshaus als Steinbau, davor stand dort eine Kapelle aus Holz.
Bild: Tobias Hartmann

Die Kümmerniskapelle in Obergammenried hat eine ungewöhnliche Geschichte – und eine ebenfalls nicht alltägliche Patronin, eine Frau mit Bart.

Die Kapelle ist klein – doch sie hat eine große und vor allem ungewöhnliche Geschichte. Es geht um Rettung aus Todesgefahr – und eine nicht alltägliche Volksheilige. Zum 250. Geburtstag der Kümmerniskapelle in Obergammenried wird diese Geschichte wieder in den Blickpunkt rücken. Sie geht bis auf den Dreißigjährigen Krieg zurück. In ihrer jetzigen Form wurde das kleine Gotteshaus aber erst im Jahr 1769 errichtet. Das Jubiläum feiern die Gläubigen am Samstag, 20. Juli, dem Patroziniumstag der Kümmernis, ab 19 Uhr mit einem Fest an der Kapelle.

Die jetzige Kapelle in Obergammenried wurde zunächst im barocken Stil erbaut. Im Jahre 1886 erneuerten sie Josef Sieber und seine Ehefrau Franziska. Sebastian Kneipp persönlich weihte sie noch im selben Jahre ein. Nach dem Ersten Weltkrieg ließen die Obergammenrieder Bürger Ludwig Böck, Augustin Sieber und Joseph Osterrieder im Gedenken an ihre Heimkehr aus den Kriegswirren eine weitere Restaurierung durchführen.

1990/91 sanierte die Kirchenstiftung von St. Justina unter Monsignore Otto Baumgärtner und Kirchenpfleger Konrad Rauch die Kapelle erneut grundlegend. Dazu wurden noch acht kleine Figuren aus der Nazarenenzeit erworben und die Außenanlagen neu gestaltet.

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Danach ging die Kapelle aus dem Besitz von Ludwig und Franziska Böck in den der Kirchenstiftung von St. Justina über. Im Deckengemälde von Josef Gutschwager wird auf den ganz frühen Ursprung der Kapelle hingewiesen: „Anno 1645 überfielen feindliche Söldner Obergammenried. Der Bauer Lenz wurde an den Schweif eines davonjagenden Rosses gebunden. In seiner Not erflehte er die Fürbitte der Hl. Kümmernis. Gott zu Lob und Preis erbaute er für seine wunderbare Rettung diese Kapelle“. Zuerst stand dort ein Holzbau, der 1769 von Martin Singer durch einen Steinbau ersetzt wurde.

So geht die Legende

Die Kümmernis gehört zweifellos zu den weniger bekannten Figuren der Kirchengeschichte, deren eigenwillige Legende stellt jedoch schon etwas Besonderes dar. Sie soll im 2. Jahrhundert n. Chr. als junge, schöne Königstochter gelebt und ihr Leben Christus verschrieben haben. Dies gefiel ihrem heidnischen Vater jedoch gar nicht, denn er wollte sie an einen Königssohn verheiraten. Als sie sich weigerte, ließ er sie zuerst einsperren, um sie gefügig zu machen. Sie aber bat dort Jesus, sie so zu verunstalten, dass sie kein Mann mehr begehren würde. Am Tag darauf war ihr ein langer Bart gewachsen, worauf den Vater der Zorn packte und er sie ans Kreuz schlagen ließ. Sie solle so sterben wie Jesus selbst. Ein armer Spielmann habe ihr zum Trost bei ihrem Leiden auf einer Geige etwas vorgespielt. Zum Dank habe sie ihm vom Kreuz herab einen ihrer goldenen Schuhe geschenkt. Bilder dieser Legende finden sich in der Kapelle. Die Kümmernis wird auch oft als „Wilgefortis“, starke Frau, bezeichnet und mit Bart dargestellt. Aus dem Heiligenverzeichnis der katholischen Kirche wurde sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gestrichen. Heute wird die Kapelle ebenso wie die von St. Rasso in Untergammenried ehrenamtlich von Elisabeth Hampp betreut. Sie gab auch den Anstoß zu dem Fest und traf mit allen Obergammenriedern die Vorbereitungen dazu. Pfarrer Andreas Hartmann hält den Festgottesdienst, der vom Kirchenchor von St. Justina umrahmt wird. Bei schönem Wetter findet er im Freien, bei schlechtem im Stadel der Familie Sontheimer daneben statt. Danach ist geselliges Beisammensein, zu dem die Besucher ihren eigenen Picknickkorb mitbringen können, für Getränke ist gesorgt. Die Glocken der Kapelle werden übrigens noch per Hand von Mesner Sebastian Auer geläutet und mit Elfriede Miller nimmt die Tochter von Ludwig und Franziska Böck, den früheren Besitzern, ebenfalls am Fest teil.

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