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Historie

28.02.2012

Ein stolzes Stück Wirtschaftsgeschichte

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An einem winterlichen Tag im Februar 1927 – also vor 85 Jahren – wurde der Ziegeleikamin in Pfaffenhausen gesprengt.
Bild: Archiv Hölzle

Pfaffenhausen hatte lange eine eigene Ziegelei. Vor 85 Jahren kam mit der Sprengung des Kamins das Aus

Pfaffenhausen Pfaffenhausen hat eine Ziegeleigeschichte, die laut Heimatforscher Julius Sesar bis auf das Jahr 1502 zurückgeht. Sie endete vor 85 Jahren mit der Sprengung des Ziegeleikamins im Februar 1927. Doch die Produkte des verschwundenen Ziegelstadels haben in mehreren großen Gebäuden Pfaffenhausens heute noch festen Bestand.

Dabei künden die Spuren der Ziegeleigeschichte in Pfaffenhausen von Raubbau und Aufbau zugleich. Der Betrieb einer leistungsfähigen eigenen Ziegelei sorgte nämlich einerseits dafür, dass der einst weitläufige Wald zwischen dem heutigen Gemeindewald und dem Fuchsberg bei Schöneberg abgeholzt wurde. Andererseits ermöglichte das Ziegelwerk die kostengünstige Entstehung von „Jahrhundertbauten“ wie dem Zehentstadel, der Pfarrkirche, dem Priesterseminar oder dem Rathaus. Diese Gebäude aus dem 18. Jahrhundert prägen bis heute das Ortsbild.

Obwohl Pfaffenhausen dem Hochstift Augsburg unterstand, war der Ziegelstadel stets Eigentum der Gemeinde. Der Betrieb musste jedoch vom bischöflichen Landesherrn genehmigt werden. Anfänglich war nur „ein Brand pro Jahr“ erlaubt. Das Brennholz holte man aus dem nahen Gemeindewald, der Lehm wurde vom Eichberg am westlichen Ortsrand abgetragen. Als später dann mehrere „Brände“ pro Jahr genehmigt wurden, stieg der Holzverbrauch in Pfaffenhausen enorm an.

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Die Gemeinde erhielt Ziegel zum Selbstkostenpreis

Betrieben wurde der Ziegelstadel von einem Ziegler, der in einer Art Pachtverhältnis zur Marktgemeinde stand. Er musste dem Markt Ziegelsteine und Dachplatten zum Selbstkostenpreis abgeben. Auch die bischöfliche Herrschaft, vertreten durch das Pflegamt, hatte der Ziegler zum Vorzugspreis zu beliefern. Während zum Beispiel um das Jahr 1800 herum in anderen Orten 1000 Ziegel etwa 24 Gulden kosteten, musste der Markt Pfaffenhausen laut Sesar dafür nur rund elf Gulden bezahlen.

Diesen günstigen Lieferbedingungen verdankt Pfaffenhausen unter anderem auch die Erbauung seines Zehentstadels („Kastenhaus“) im Jahr 1739. Eine riesige Menge von Ziegelsteinen wurde hierfür ortsnah und günstig produziert. Dafür brauchte man sehr viel Brennholz zur „Luftbrennerei“. Dieses wurde nach Sesar „mit Gespannen der kurbayerischen Untertanen aus Salgen, Bronnen und Unterrieden herbeigefahren“. Bereits 80 Jahre später wurde die Ziegelei dann sogar noch zur Retterin des Kastenhauses. Als das Rentamt nach der Säkularisation im Jahr 1804 den Zehentstadel zum Abbruch verkaufen wollte (wie im Übrigen auch das Schloss), misslang dies. Es fand sich kein Käufer, weil das Abbrechen viel teurer gekommen wäre als der Bezug neuer Ziegel aus der Gemeindeziegelei.

Nach der Säkularisation im 19. Jahrhundert wurde es ruhig um den Ziegelstadel. Zwar gab es seit 1862 einen neuen Stadel, doch schon 1884 verkaufte die Gemeinde wegen zu geringer Rendite die gesamte Anlage zum Abbruch an einen Privatmann. Dieser führte den Betrieb jedoch noch ein paar Jahrzehnte weiter. Um das Jahr 1900 herum waren dort vor allem Italiener tätig. Sie galten als „fleißige, anspruchslose Arbeiter und liebe Menschen“.

Das endgültige Aus für den einst so gefragten Ziegelstadel kam in den 1920er Jahren. Der damalige Ziegeleibesitzer Josef Notz begann mit dem Rückbau. Als letzte Aktion wurde im Februar 1927 der Kamin gesprengt. Mit dieser Sprengung vor 85 Jahren war ein stolzes Stück Wirtschaftsgeschichte in Pfaffenhausen ausgelöscht. Das Gelände ist inzwischen bebaut und nichts außer den Abbauspuren im Gelände und einer „Ziegeleistraße“ erinnert mehr an die jahrhundertelange Ziegeleigeschichte. Diese verbirgt sich allerdings noch in einigen Bauten und in manch dickem Gemäuer aus dem 18. Jahrhundert.

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