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Mindelheim

16.05.2020

Eine Mindelheimerin erlebte im Krieg eine Kindheit in ständiger Angst

Plus Eine fast 90-jährige Mindelheimerin erinnert sich an die Zeit des Nationalsozialismus. Jeder habe gewusst, was Dachau bedeutet.

Mit ihrem Namen möchte sie nicht mehr in der Zeitung stehen. Sie will sich heute, hochbetagt, keiner Debatte mehr über Schuld und Verantwortung im Dritten Reich aussetzen. Aber wie sie die Wochen und Monate am Ende des Zweiten Weltkriegs in Mindelheim erlebt hat, das zu erzählen, dafür nimmt sie sich gerne Zeit. Die Ereignisse haben sich fest in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Aus ihrer Kindheit ist der Mindelheimerin vor allem ein Gefühl in Erinnerung geblieben: Angst. Allgegenwärtige Angst. „Wir haben gehört, was denen passiert, die gegen das Regime sind“. Daheim im Elternhaus wurde offen über Politik gesprochen. „Und es war nicht positiv über das Dritte Reich“.

Die Angst vor Verhaftung war allgegenwärtig

Als Kind saß sie immer mit im Wohnzimmer, wenn politisiert wurde. Allen im Raum war klar: Wenn davon auch nur das Geringste nach außen dringt, droht Haft. Das Wort Dachau war allen bekannt, vor allem was es bedeutet. Einmal war auch von verbotenen Büchern die Rede, die von den Nazis öffentlich verbrannt worden waren. Die Tochter des Hauses machte sich später im Bücherschrank des Vaters heimlich auf die Suche nach solchen Büchern.

1945 war die Zeit der marschierenden Soldaten und der Waffen auf öffentlichen Plätzen (unsere Bilder sind aus Pfaffenhausen) endlich vorbei. Die Militärregierung im Landkreis leitete ein S. J. Mangimelli und die Lebensmittel waren rationiert.

Dass die Gefahr nicht eingebildet war, zeigte ein Vorfall kurz vor Ende des Krieges. Von einem Bauern hatte die Familie einen Liter Rahm bekommen als Dankeschön für eine große Hilfe. Davon hat auch eine Frau Wind bekommen und dies dann den Behörden gemeldet. Dass die Geschichte glimpflich ausging, hatte die Familie einem zu verdanken, der ein Auge zudrückte.

Der damalige Bürgermeister wurde von den Nazis eingesetzt

Dem damaligen Bürgermeister Hermann Kellner, der von den Nazis eingesetzt worden war, hält die fast 90-Jährige zugute, dass er sich einfach abgesetzt hat, ohne Teile der Stadt zu zerstören. Nach dem Krieg habe er sich nie mehr unter Leute getraut. Schlimm seien jene Gefolgsleute der Nazis in Mindelheim gewesen, die etwas werden wollten.

Zum Beispiel sei bis heute nicht geklärt, wer letztlich die jüdische Familie Liebschütz verraten hat auf ihrem Weg von Warmisried nach Mindelheim. Die Mindelheimerin hat da nur so eine Vermutung. Es dürfte jemand gewesen sein, der ein Auge auf den Besitz der Familie geworfen hat. Fanny und Jakob Liebschütz wurden 1942 in Piaski ermordet. Werner Liebschütz gelang die Flucht in die Schweiz.

Sie erlebt den Einmarsch der US-Armee vom Fenster aus

Als amerikanische Einheiten sich am 26. April 1945 von Westernach kommend Mindelheim näherten, hat der Sattler Weber eine weiße Fahne gehisst. Sie hat das vom Fenster ihres Wohnhauses aus mit eigenen Augen gesehen. Weil immer noch SS-Einheiten in der Umgebung unterwegs waren, war das höchst riskant. Das hätten alle gewusst. Der Gendarmeriewachtmeister Engelbert Satzger wurde noch in den letzten Kriegstagen Opfer eines SS-Standgerichts bei Hausen (Lesen Sie hier: Vor 75 Jahren: Der Irrsinn der letzten Kriegstage).

Erinnern kann sie sich auch an ein Flugblatt der US-Armee. Darin wurden alle Soldaten aufgefordert, ihre Hoheitsabzeichen abzutrennen und sich zu ergeben.

1945 war die Zeit der marschierenden Soldaten und der Waffen auf öffentlichen Plätzen (unsere Bilder sind aus Pfaffenhausen) endlich vorbei. Die Militärregierung im Landkreis leitete ein S. J. Mangimelli und die Lebensmittel waren rationiert.

Wer wie viel Schuld auf sich geladen hat, sei nicht immer klar zu beurteilen. Die Mindelheimerin weiß zum Beispiel davon zu berichten, dass NSDAP-Kreisleiter Ludwig Schug zwei Halbjüdinnen gedeckt habe, die so die Nazizeit überleben konnten. Diese Mädchen durften nicht in die Schule, wurden aber privat unterrichtet. Das sei mit Wissen Schugs geschehen. Sie hat aber auch brave Kirchgänger in Erinnerung behalten, die nach der Messe wieder glühende Nationalsozialisten waren. Von anderen weiß sie, dass sie nie zur Rechenschaft gezogen wurden und schon bald wieder Schlüsselstellungen eingenommen haben.

Nach der Kapitulation herrschte erst einmal Ausgangssperre

Direkt nach dem Zusammenbruch und der Kapitulation galten in Mindelheim, Memmingen und Umgebung die Anweisungen der amerikanischen Militärregierung. Eine der ersten Verfügungen war übrigens eine nächtliche Ausgangssperre von 19 bis 6 Uhr. Weil einige der Amerikaner deutsch lernen wollten, ging es einigen Mindelheimern schon kurz nach Kriegsende vergleichsweise gut. Kaffee und Bonbons seien die Zahlmittel gewesen.

1945 war die Zeit der marschierenden Soldaten und der Waffen auf öffentlichen Plätzen (unsere Bilder sind aus Pfaffenhausen) endlich vorbei. Die Militärregierung im Landkreis leitete ein S. J. Mangimelli und die Lebensmittel waren rationiert.

All das ist 75 Jahre her. Alles ferne Geschichte, die mit der heutigen Zeit nichts mehr zu tun hat? Die fast 90-Jährige hat zu viel in ihrem Leben gehört und gesehen. Sie schnappt heute immer wieder Sätze gegen andere Menschen auf, die wie selbstverständlich ausgesprochen werden, und das stört sie. Und dann sagt sie noch den Satz: „Wenn man ein bisschen kratzt, kommt bei manchen die braune Farbe durch“.

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