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Vortrag in Mindelheim

02.11.2015

Erben und Vererben ist nicht leicht

Notarin Marion Strümpell und Steuerberater Jürgen Vogt referierten im Forum über Erben, Vererben, Erbschaftssteuer und alles, was dazugehört, und trafen auf zahlreiche interessierte Zuhörer.
Bild: Ulla Gutmann

Notarin und Steuerberater klären zahlreiche Interessierte über Regeln, Fallstricke und mehr auf

Der Saal im Forum war voll: Alle Sitzplätze belegt, zusätzliche Stühle bereitgestellt und doch mussten zahlreiche Interessierte stehen. An dem Abend mit Notarin Marion Strümpell und Steuerberater Jürgen Vogt ging es ums Erben und Vererben. Gerade jetzt werde besonders viel vererbt, erklärte Alfred Brugger, Vorsitzender der Mindelheimer Bürgerstiftung, die mit der Wohnungsgenossenschaft den Abend organisiert hat.

Die Mindelheimer Notarin Marion Strümpell erklärte, dass sich das Erbrecht seit dem 17. August an der Europäischen Verordnung orientiert. Das europäische Erbrecht sehe vor, dass für Erbschaften das Recht des Landes gilt, in dem der Verstorbene seinen „gewöhnlichen Aufenthalt“ hatte. Auf die Staatsbürgerschaft kommt es nicht an. „Wohnt ein deutsches Ehepaar die meiste Zeit in seiner Ferienwohnung auf Mallorca, so gilt ohne notariell formuliertes Testament das spanische Erbrecht beim Tod eines der Deutschen“, so Strümpell. Gleiches beim Tod eines Facharbeiters, der meist in China beschäftigt ist, oder eines Seniors, der wegen niedrigerer Pflegekosten im Ausland lebt. In einem notariell formulierten Testament dürfe man festlegen, dass die Verteilung nach deutschem Recht erfolgen soll.

Aber auch das deutsche Steuerrecht hat seine Tücken. Vermögen geht automatisch auf die Erben über, das heißt aber auch die Schulden. Die Verteilung seines Vermögens kann man selbstbestimmt durch die „Testierfreiheit“ regeln. Trotzdem gilt aber immer der Anspruch auf den Pflichtteil für den Ehepartner, die Kinder und – wenn keine Kinder da sind – für noch lebende Eltern. Der Pflichtteil ist ein reiner Geldanspruch und seine Entziehung ist sehr schwierig durchzusetzen. Möglich ist es aber, bestimmte Vermögenswerte vorab zu übertragen.

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Ein handschriftliches Testament kann verschwinden

Ein handschriftlich verfasstes Testament mit Datum und Unterschrift ist rechtsgültig. Gibt es aber Fragen oder Unklarheiten, kann man den Verfasser nicht mehr befragen. Oft komme es zu Streitigkeiten. Zudem kann ein Dokument verloren gehen, nicht gefunden oder beseitigt werden. Der Notar kennt die rechtlichen Regelungen und kann individuell beraten. Das Testament ist bei ihm sicher hinterlegt. Das kostet Geld, aber ohne Testament wird ein Erbschein notwendig, dessen Kosten sich nach dem tatsächlichen Erbwert richten. „Beim Notar, der den Erbwert nicht nachprüft, kann geschummelt werden“, so Strümpell. Auch beschleunigt ein professionell verfasstes Testament die Freigabe des Erbes.

Bei der Frage zum „Berliner Testament“ – ein gemeinsames Testament von Ehe- oder Lebenspartnern – antwortete Strümpell, dass dies gefährlich sein kann, weil man dem Partner die Möglichkeit zu einem weiteren anderslautenden Testament nehme.

Nach der Pause, die viele Besucher für persönliche Fragen nutzten, sprach Steuerberater Jürgen Vogt über Erbschaftssteuer, Steuerklassen und Freibeträge. „Nach der Grunderwerbssteuer ist die Erbschaftssteuer der größte Posten bei den Einnahmen der Bundesländer“, sagte er. So lohne es sich auf jeden Fall, sich zu informieren, weil hier wirklich gespart werden könne. Zuerst ging er darauf ein, wie ein Vermögen bewertet wird. Bei Unternehmen gebe es Verschonungsregeln. Auch Photovoltaikanlagen fallen darunter, sie sind von der Erbschaftssteuer befreit, werden also nicht aufs Vermögen angerechnet.

Bei Freibeträgen gibt es viele Regeln

Freibeträge richten sich nach dem Verwandtschaftsgrad. Schenkungen der vergangenen zehn Jahre werden dabei steuerrechtlich erfasst. Es gibt diverse weitere Freibeträge. Ein Wohnhaus etwa, in dem man mindestens zehn Jahre gelebt hat, ist steuerfrei, wenn man es als Ehepartner erbt. Für Kinder ist eine Wohnfläche bis 200 Quadratmeter steuerfrei nach zehn Jahren Wohnen; für die Enkelkinder nur, wenn auch ihre Eltern dort gelebt haben.

Zuletzt sprach Vogt über Gestaltungsmöglichkeiten. Eine sinnvolle Vermögensaufteilung unter Ehepartnern könne Freibeträge mehrfach sichern. Zum richtigen Zeitpunkt schenken, sodass im Todesfall die Schenkung mehr als zehn Jahre zurückliegt oder auch nicht nur die Kinder, sondern auch die Enkel im Testament berücksichtigen, stückelt das Vermögen. Rechtzeitiges Verschenken des Wohnhauses mit Nießbrauchsanspruch – man darf bis zum Lebensende mietfrei darin wohnen –, kann letztendlich viel Steuer sparen.

Viele Punkte wurden an dem Abend nur am Rande gestreift. Etwa zehn bis 20 Prozent der Deutschen hinterlassen ein Testament. Wer bei dem Vortrag war, wird sich sicher überlegen, ob er nicht doch ein solches anfertigen lässt.

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