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Gedenkfeier I

29.04.2015

Erinnern und niemals vergessen

Terry Swartzberg
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Terry Swartzberg

Türkheim erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers. Am Mahnmal trafen sich auch Zeitzeugen

„Wir dürfen auf keinen Fall vergessen“. Darin waren sich bei einer Gedenkfeier anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Türkheim am 27. April 1945 alle Redner einig. Vor dem Mahnmal an der KZ-Gedenkstätte hatten sich etwa 200 Bürger mit zahlreichen Ehrengästen versammelt, um ein Zeichen gegen eben das Vergessen zu setzten und der vielen Gefangenen zu gedenken, die vor 70 Jahren im Dachauer KZ-Außenlager VI unweit des Ortsteils „Bahnhof“ von den Nationalsozialisten zu schwerer Arbeit gezwungen, schikaniert, gefoltert und ermordet wurden.

Mit durchaus gemischten Gefühlen waren auch zwei Überlebende zurück an den Ort des Schreckens gekommen. Die 84-jährige Marie Lipstadt reiste aus Brüssel an, der 94 Jahre alte Albert Ronijn aus Dondrecht in den Niederlanden. Bürgermeister Sebastian Seemüller begrüßte die beiden Zeitzeugen mit herzlichen Worten und sprach von „einem Tag, der zur Geschichte des Wertachmarktes, Deutschlands, ja der ganzen Welt gehört“. Seemüller erinnerte auch an Victor Frankl, einen weltweit anerkannten Neurologen und Psychologen, der im KZ Türkheim interniert war, überlebt hat und gleich nach der Befreiung den Türkheimern und allen Deutschen die Hand zur Versöhnung reichte.

Zur Versöhnung riefen denn auch Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen auf. Während die Türkheimer Geistlichen Bernhard Hesse und Claus Förster der NS-Opfer im Gebet gedachten, trugen Mittelschüler eindrucksvoll verfasste Fürbitten vor. Terry Swartzberg von der liberalen jüdischen Gemeinde München stimmte mit dem „Kaddisch-Gebet“ als Dank für das Geschenk des Lebens diesen Lobpreis Gottes an. „Wir Juden fühlen uns hier zu Hause und ich bin mir sicher, dass nie wieder so viel Unheil von deutschem Boden ausgeht“, gab er sich überzeugt. Um so eindringlicher sein Appell. „Eine menschenverachtende Ideologie darf bei uns nie wieder Fuß fassen.“

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Zu Wort meldete sich auch Askin Gun‘gör von der Islamischen Union Türkheim.“ Dass in Deutschland so viele unterschiedliche Glaubensgruppen friedlich miteinander leben ist beeindruckend und ich weiß das sehr zu schätzen“, betonte er. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ sangen von den Musikern des Orchestervereins begleitet die Teilnehmer an der Gedenkfeier und lauschten danach aufmerksam Altbürgermeister Silverius Bihler, der in einem geschichtlichen Abriss die schrecklichen Verhältnisse im KZ Türkheim schilderte.

Demnach wurde das Gefangenenlager im Oktober 1944 einige hundert Meter nördlich der Bahnlinie und abseits des Ortes in einem Waldstück in einer Nacht- und Nebelaktion errichtet. Für die Bauarbeiten wurden vor allem russische Gefangene, örtliche Handwerker und auch Schüler des Mindelheimer Maristenkollegs zwangsverpflichtet. Zeitweise waren im KZ Türkheim in 30 Erdhütten etwa 1500 meist jüdische Häftlinge untergebracht. Eine Epidemie, Typhus und Fleckfieber rafften etwa 300 bis 500 von ihnen dahin. Als amerikanische Soldaten das Lager am 27. April 1945 befreiten, trafen sie noch 500 Gefangene an.

An die Gräuel der Nazi-Zeit erinnert im Wertachmarkt, im Ortsteil Bahnhof, ein Mahnmal, das anno 1950 errichtet wurde. Bei seinem Anblick kamen auch der Zeitzeugin Marie Lipstadt, die der Hölle von Auschwitz entkam und mit 17 Jahren mit ihrer Mutter in einem Viehwaggon nach Türkheim transportiert wurde, viele Erinnerungen hoch. „Mich hat es besonders berührt, dass viele Türkheimer Familien, Gefangenen aus dem KZ zur Flucht verholfen haben“, erzählt sie und weiß noch, dass „viele Leute uns Brot über den Zaun geworfen haben, damit wir nicht verhungert sind“. Und was ihr noch angenehm aufgefallen ist, verrät sie mit einem Schmunzeln: „Die Türkheimer haben nie Heil Hitler, sondern immer nur „Grüß Gott“ gesagt.

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