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Türkheim

30.08.2019

Erinnerungen an die Befreiung aus dem KZ Türkheim

Viktor E. Frankl (2. von rechts) als 74-Jähriger mit seiner Frau Elly (links) vor dem KZ-Mahnmal in Türkheim im Dezember 1979, also vor genau 40 Jahren. Seitdem sind die Bäume gewachsen, inzwischen liegt die Gedenkstätte in der Nähe des Türkheimer Bahnhofs ganz im Wald.
Bild: Ausstellungskatalog „Freiheit - Wozu?“ der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bad Wörishofen

Wie Viktor E. Frankl 1945 seine Befreiung aus dem KZ Türkheim erlebte. Für Kurzentschlossene: Am Freitag Vortrag von Kurseelsorger Dr. Herbert Specht.

„Trotzdem Ja zum Leben sagen“ ist der Titel einer jetzt veröffentlichten Erzählung von Dr. Johannes Wilkes, Arzt und Autor aus Erlangen. Diese Geschichte spielt hier in Türkheim während der letzten Tage im ehemaligen KZ-Außenlager Kaufering VI, bevor das Lager am 27. April 1945 von den Amerikanern, genauer: von Soldaten aus Texas, befreit wurde.

Der weltbekannte Arzt war in mehreren Lagern, darunter in Türkheim, eingesperrt

„Trotzdem Ja zum Leben sagen“ ist auch der Titel des Erinnerungsbuches von Viktor E. Frankl selbst, seines bekanntesten Werks, in dem er über seine Zeit, seine Erlebnisse und Erfahrungen in mehreren Lagern, darunter auch Türkheim, berichtet.

Dieses Buch ist weltweit übersetzt worden. Die „Library of Congress“ in den USA hat ihm den Titel eines der zehn bedeutendsten Werke für Amerika („one of the 10 most influential books in America“) gegeben, und es wurde ein Bestseller: neun Millionen Mal verkauft. Zum ersten Mal gab es für das Ausland eine authentische Sicht auf das schwer vorstellbare Geschehen im fernen Deutschland während des zweiten Weltkriegs.

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Viktor E. Frankl bediente sich einer wissenschaftlichen Herangehensweise. Es gelang ihm, pauschale Verurteilungen zu vermeiden. Er sah es als seine Aufgabe, allen Betroffenen gerecht zu werden, als „Zeitzeuge seiner selbst“.

Der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl wurde 1905 in Wien geboren. Nach dem Medizinstudium dort begann er sich seinem Lebensthema zu widmen, der „Sinnfrage im Leben der Menschen“. Das Manuskript seiner ersten Facharbeit zu diesem Thema wurde von den Nazis vernichtet. Aus der Erinnerung versuchte er während seiner Gefangenschaft in insgesamt vier Lagern in Deutschland diese Arbeit nicht verloren gehen zu lassen.

Im Türkheimer KZ musste Viktor Frankl in der Krankenbaracke tätig sein

Im Türkheimer Lager musste Viktor Frankl als Arzt in der Krankenbaracke tätig sein. Er erkrankte selbst schwer, als eine Fleckfieber-Epidemie ausbrach. Dem Leid und Elend konnte er nur mit den wenigen, begrenzten Mitteln gegenübertreten, die ihm im Lager zur Verfügung standen. Er war zudem konfrontiert mit dem Tod seiner ersten Frau, und von Verwandten, die alle als Gefangene in Lagern umgebracht worden waren. Für die Zuversicht und den Mut, in einer solchen Situation nicht aufzugeben, musste er täglich neue Kraft aufbringen.

Nach seiner Befreiung versorgte Viktor E. Frankl noch zwei Monate lang kranke ehemalige Gefangene in einem Spital in Bad Wörishofen, ehe er im August 1945 nach Wien zurückkehren konnte. Dort entwickelte er seine eigene Schule, die „Logotherapie und Existenzanalyse“. Ausbildungs- und Therapieinstitute für diese „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ gibt es heutzutage in vielen Ländern.

Viktor E. Frankl reiste viel, um seine Behandlungsmethoden bekannt zu machen. Er hatte an der Uni in Wien einen Lehrstuhl für Neurologie und Psychiatrie inne, erhielt Ehrungen und Auszeichnungen in der ganzen Welt. Er heiratete ein zweites Mal.

Nach seinem Tod 1997 in Wien erhielt er die dortige Ehrenbürgerschaft, und die Stadt widmete ihm ein eigenes Museum: 2015 wurde das Viktor-Frankl-Museum eröffnet.

Zwei Jahre vor seinem Tod, 1995, wurde eine angedachte Ehrenbürgerschaft Viktor Frankls für Türkheim vom Gemeinderat abgelehnt. Kritiker hielten dies für unverständlich: Immerhin habe Viktor Frankl den Namen von Türkheim in seinem Erinnerungsbuch in der ganzen Welt bekannt gemacht und immer eine Kollektivschuld der Deutschen abgelehnt und die persönliche Verantwortung betont.

Eine kleine Straße, die an der Gedenkstätte in Türkheim-Bahnhof vorbeiführt, wurde nach ihm benannt: Dr.-Viktor-Frankl-Weg.

„Ich habe mich gefragt: was hättest du selber gemacht, als Arzt und gleichzeitig Gefangener? Hätte ich mich vom Hass zerfressen lassen? Woher hätte ich die Kraft für positive Gedanken in schwieriger Lage genommen?“ sagt der Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Erlangen, Dr. Johannes Wilkes, gefragt nach dem Anlass für seine Geschichte über Viktor E. Frankl.

„Mit der Befreiung im Jahr 1945 hatte für Viktor Frankl ein neues Leben begonnen. So wie im April die Natur neu erwacht. Er war damals kilometerweit durch die blühenden Fluren von Türkheim gewandert, als jetzt freier Mensch.“

Die Geschichte über Viktor E. Frankl ist in der Anthologie „Jahreszeiten zwischen Lech und Ammersee“ zu finden, erschienen im Liccaratur Verlag Landsberg.

Am Freitag, 30. August, lädt Kurseelsorger Dr. Herbert Specht zu einem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Türkheim unter dem Titel „Auf den Spuren Viktor Frankls“ ein. Treffpunkt für Kurzentschlossene um 14.35 Uhr am Bahnhof Türkheim.


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