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Künstlerporträt

16.04.2018

„Es ist irre, ja, und die Zeit ist irre“

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2 Bilder
Die großen, hellen Räuem des alten Milchwerks in Kammlach nutzt Alexandra Vogt als Atelier und Ausstellungsfläche.
Bild: Vogt

Warum die Kammlacher Malerin Alexandra Vogt die Menschen für eine Katastrophe für die Erde hält und wie sie das in ihren Werken ausdrückt

Die in Kammlach lebende Malerin Alexandra Vogt stellt bis Jahresende Bilder in der Genossenschaftsbank Mindelheim aus. MZ-Redakteur Johann Stoll sprach mit der international anerkannten Künstlerin.

Frau Vogt, Sie leben in einem leer stehenden Industriegebäude in Kammlach, das viele als Schandfleck ansehen und am liebsten dem Erdboden gleichmachen würden. Was fasziniert Sie an diesem alten Milchwerk?

Vogt:

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Der Lichteinfall in die kathedralhaften Hallen verleiht dem Haus Strahlkraft und Charakter. Glasbausteine, Edelstahlgeländer, abgerundete Kacheln und mosaikhafte Fliesen, runde Türstöcke, große formschöne Metallfensterelemente lassen es als eine faszinierende, coole Location erscheinen. Ein Minimum an künstlerischem Gespür reicht aus, um sich dafür zu begeistern.

Von außen erscheint es eher unscheinbar und leider mittlerweile unschön, weil die Fassade längst Zuwendung benötigt. Ich empfinde es als erhebend, durch die kalten gekachelten Hallen zu meinem Atelier und Büro die vielen Treppen hoch zu gehen. Sobald ich mal längere Zeit weg muss und in einem zentralbeheizten Haus oder in einem Hotel bin, vermisse ich diesen geliebten Unort. Das Gebäude ist auch eine Festung der Einsamkeit und eine Insel mitten im Dorf.

Ich habe das Haus 2003 gekauft und vor dem Abriss oder einer Sanierungskatastrophe bewahrt. Es wäre ein Verlust, wenn man es in die reine Funktionalität zwingen und somit in die Bedeutungslosigkeit verabschieden würde. Es muss in seinem Wesen und seinem unverwechselbaren Charme erhalten bleiben. Die Welt braucht solche Orte.

In Ihren Installationen spielen auch Pferde eine Rolle. Was hat es damit auf sich?

Vogt:

In dieser ersten Serie geht es um einen bestimmten Typus Mädchen, den „Pferdemädchen“, und ihr Widerstand gegen die Initiation in die Realitäten des Erwachsenseins, das sich in einer großen Freiheitssehnsucht ausdrückt. Diese wird in der Phantasie vom freien Leben mit dem vitalen Pferd ausgelebt und bewegt sich irgendwo zwischen Traum und Albtraum. Ziel der Pferdeanalogien ist eine Archäologie der Sehnsüchte und der damit verbundenen Konflikte, die meine Biografie ebenso wie die Biografie all der Frauen geprägt haben, die einmal Pferdenärrinnen gewesen sind.

Themen wie Tierethik, Tierrechte, die nun hochaktuell sind, habe ich in meinen Pferdefotos bereits vor 20 Jahren angedeutet. Es geht um das Zerlieben und Zernutzen der Schwächsten in unserer Gemeinschaft und das schizophrene Verhältnis zwischen Mensch und Tier in unserem Kulturkreis.

Ihre Werke sind nicht leicht zu verdauen. Sie malen archaische Gesichter und inszenieren die Bilder zu Fotogeschichten, die auf mich wirken, als wäre die menschliche Existenz hilflos einer höheren Macht ausgeliefert. Was sind das für Abgründe, die Sie hier zeigen?

Vogt:

Meine Figuren wirken eher verloren, aber trotzdem stark. Nicht zerbrochen an der Welt wie sie sich zeigt, sondern bei sich. Die Bilder haben ihren Ursprung in meinem Ursprung. Ich bin ja in Mussenhausen geboren und in Apfeltrach aufgewachsen.

Sie scheinen ein Faible fürs Absurde zu haben. Ein Bild ist mir in Erinnerung geblieben. Im Hintergrund erscheint der Kirchturm von Unterkammlach. Im Vordergrund saugen Sie mit einem alten Staubsauger eine Wiese vom Schnee frei. Sind wir so irre, dass wir das Absurde unseres Verhaltens gar nicht mehr merken?

Vogt:

In der Region haben Sie sich als Künstlerin in den vergangenen Jahren eher rar gemacht. Gibt es dafür Gründe?

Vogt: Ich war ja noch nie eine Lokalmatadorin und mochte die Menschen, die hier leben auch nicht irgendwie nerven. Meine Entwicklungsprozesse und meine Ansichten in Form von Bildern gebe ich preis, wenn man mich fragt – so wie jetzt in der Genossenschaftsbank. Da ich ja auch eine Art „Heimatpflegerin“ bin, sprich: die Faschingsumzüge in der Region künstlerisch dokumentiere, den Einsiedler und Freund Heinrich über Jahre hinweg fotografisch begleitet und gefilmt habe, bin ich meist froh wenn ich in Ruhe arbeiten kann. Das mediale Interesse an meinem Werkeln und Wirken hier im Abseits ist groß, der BR und andere TV Sender haben sich öfters schon bei mir gemeldet, nachdem meine Publikation im Hatje Cantz Verlag erschienen ist oder ich Ausstellungsbeteiligungen in Berlin oder im Ausland hatte. Ich habe mich dann aber doch lieber bedeckt gehalten um in Ruhe arbeiten zu können.

2015 hatte ich aber eine Einzelausstellung in der MEWO Kunsthalle in Memmingen und 2017 war ich mit meinem Pferd Hasso ein Teil des Projektes „Zeit maschine Freiheit Time Ponyg“, gefördert im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit dem Stadtmuseum Memmingen. Vom 13. Mai bis 8. Juli 2018 sind meine Fotografien des religiös motivierten Kosmos des Einsiedlers Heinrich im Stadtmuseum Memmingen im Rahmen der Ausstellung „Die Gedanken sind frei – Glaubensfreiheit in Memmingen“ zu sehen.

In der Genobank in Mindelheim stellen Sie bis Jahresende Werke aus dem Milchwerk aus. Was dürfen die Besucher hier erwarten?

Vogt:

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Vogt:

Das Etablieren des Ex-Milchwerks St. Mang als semiöffentliches Gebäudes mit soziokultureller Nutzung. Ein kleines Molkereimuseum, ein Erinnerungskaffee, und die Öffnung zur Teilnahme am Pferde- und Kunstatelier. Das Schaffen von Arbeitsplätzen – dies alles im Rahmen der Strukturförderung, Dorfer- neuerung und LandKULTUR: Förderung innovativer Projekte. Die Gemeinde Kammlach sollte da mit im Boot sein.

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