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Türkheim

22.11.2019

Flüchtlingsfamilien in Türkheim droht Obdachlosigkeit

Wer eine Wohnung sucht, hat es nicht nur in und rund um Türkheim schwer, etwas Passendes und Bezahlbares zu finden. Nahezu unmöglich ist es inzwischen, Mietwohnungen für Flüchtlinge zu finden. Zwei Familien aus der Unterkunft im Rosenauweg stehen im Februar auf der Straße, wenn sich nicht schnell etwas findet.
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Wer eine Wohnung sucht, hat es nicht nur in und rund um Türkheim schwer, etwas Passendes und Bezahlbares zu finden. Nahezu unmöglich ist es inzwischen, Mietwohnungen für Flüchtlinge zu finden. Zwei Familien aus der Unterkunft im Rosenauweg stehen im Februar auf der Straße, wenn sich nicht schnell etwas findet.

Myriam Erhardt vom Helferkreis verzeichnet eine Entspannung der Situation insgesamt. Doch es ist inzwischen fast unmöglich, Wohnungen zu finden.

Knapp 100 Flüchtlinge werden aktuell von den 20 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern des 2014 gegründeten Helferkreises Türkheim betreut, das sind etwa 20 weniger als noch vor einem Jahr. „Es gab keine Neuzuweisungen durch das Landratsamt mehr“, erklärt Myriam Erhardt, Sprecherin des Helferkreises Türkheim. Damit entspanne sich zwar die Situation nach der Flüchtlingswelle 2015 immer mehr – so richtig Grund zur Freude haben Erhardt und ihre Mitstreiter aber dennoch nicht. Vor allem die immer drängender werdende Suche nach passenden Wohnungen für die Flüchtlinge macht den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern um Myriam Erhardt mehr und mehr zu schaffen.

Schon in wenigen Wochen könnte die Situation der Flüchtlinge in Türkheim weiter eskalieren

Schon in wenigen Wochen könnte die Situation weiter eskalieren: Weil schon im Februar 2020 eine Unterkunft im Rosenauweg geschlossen wird, stehen die zwei jetzt dort wohnenden Familien vor dem Nichts, ihnen droht die Obdachlosigkeit.

Eine Lösung ist derzeit nicht in Sicht, wie Myriam Erhardt bei der Präsentation ihrer jährlichen Zwischenbilanz vor dem Gemeinderat Türkheim klar machte. Denn es sei inzwischen nahezu unmöglich, eine Wohnung für Flüchtlinge zu finden – egal, ob es sich dabei um Familien mit Kindern handelt oder um alleinstehende Personen. Da spiegle sich auch die angespannte Lage insgesamt auf dem Wohnungsmarkt in und rund um Türkheim wider, bedauerte Erhardt.

Und damit nicht genug: Schon im Oktober 2020 wird die Unterkunft in der Schlingener Straße geschlossen, danach folgen Schließungen in der Ettringer Straße und Wörishofer Straße (beide April 2021) und dann im Juni 2021 in der Kirchenstraße. Was weiter passiert, ist derzeit noch offen.

Wohin die jetzt dort wohnenden Flüchtlinge dann umziehen sollen? Auf diese Frage kann auch Myriam Erhardt derzeit keine schlüssige Antwort geben. Natürlich würde zwischen den jeweiligen Unterkünften gewechselt, so sollen etwa die aktuell rund sechs noch in der Schlingener Straße wohnenden Flüchtlinge nach der Schließung in die Kirchenstraße umziehen.

Eine wirkliche Lösung der ohnehin drängenden Probleme sei aber nicht in Sicht und Erhardt lässt auch keine Illusionen aufkommen, dass sich etwas ändern werde. Schließlich sei es sowieso fast unmöglich, überhaupt eine bezahlbare Wohnung in Türkheim oder den benachbarten Orten zu finden.

Wenn dann auch noch der Hinweis auf den Helferkreis oder gar das Wort „Flüchtlinge“ falle, dann sei das Gespräch mit den Wohnungsanbietern meist schnell beendet, weiß Erhardt.

Vom Helferkreis Türkheim wird viel für die Integration der Flüchtlinge getan

Insgesamt zog Erhardt dennoch eine positive Zwischenbilanz, die Arbeit des Helferkreises sei nach wie vor erfolgreich und werde auch nicht weniger: Die Flüchtlinge stammen meist aus Syrien, Afghanistan, Nigeria, Somalia und Eritrea. Die rund 25 Kinder sind laut Erhardt alle gut integriert in Kindergarten und Schule.

Mehrere Jugendliche sind in Ausbildung, zwei studieren in Augsburg. 45 Erwachsene haben eine Arbeitsstelle. Für die Frauen ist die Integration in einen Job naturgemäß schwieriger und mit mehreren Kindern auch kaum möglich. Für sie werden vom Helferkreis Sprach-, Schwimm- und Erste-Hilfe-Kurse organisiert, wo sie auch ihre Kleinen mitbringen können.

Für die Schulkinder gibt es Unterstützung bei den Hausaufgaben. Geplant ist außerdem ein Gesprächsvormittag nur für Frauen in der Unterkunft.

Sprachkurs, Hausaufgaben-Nachhilfe, die Fahrradgarage, Unterstützung der Auszubildenden, Azubi-Schulungen, Bewerbertraining, Unterstützung bei Arbeitssuche und Bewerbungen, Unterstützung in Behördenangelegenheiten – das Hilfsangebot ist breit aufgestellt und deckt nahezu alle Lebensbereiche ab.

Zu einem regelrechten Renner hat sich das Fußballtraining entwickelt, bei dem sich inzwischen regelmäßig bis zu 30 Flüchtlinge treffen und dem Ball nachjagen, freute sich Erhardt.

Betont emotionslos wies sie dann aber auch noch auf die Zahl der Abschiebungen hin: Im vergangenen Jahr wurde einer der vom Helferkreis Türkheim betreuten Flüchtlinge in sein Heimatland abgeschoben, derzeit warten einige weitere Flüchtlinge auf ihre Abschiebung. Und auch wenn sie es offenbar vermeiden wollte, so war doch zu spüren, wie schwer diese Momente dann auch für die Ehrenamtlichen des Helferkreises sind, die zu den von der Abschiebung bedrohten Menschen eben häufig auch eine enge menschliche Bindung aufgebaut haben.

Angesichts der Erfolge bei der Integration der in und um Türkheim betreuten Flüchtlinge blickt Myriam Erhardt aber mit Zuversicht in die Zukunft. Die sinkende Zahl der Flüchtlinge mache es ihr dann auch möglich, im kommenden Jahr ihren Posten als Sprecherin des Helferkreises, für den sie vom Markt Türkheim auch finanziell entschädigt wird, abzugeben. Sie werde aber ehrenamtlich dem Helferkreis Türkheim erhalten bleiben: „Selbstverständlich“, wie es Myriam Erhardt ausdrückte.

Ihr Rat an die Gemeinderäte war dennoch, sich weiter um eine professionelle Betreuung und Anlaufstelle für alle Türkheimer Bürger und auch für Flüchtlinge zu bemühen. Eine zentrale Anlaufstelle sei wichtig, um die Flüchtlinge weiter zu unterstützen und den ehrenamtlichen Helfern Rat und Unterstützung geben zu können.

Bürgermeister Christian Kähler nahm diese Anregung gerne auf und SPD-Gemeinderätin Agnes Sell regte an, bei der Konzeption des Sozialzentrums im sanierten Waaghaus gleich auch an die in Aussicht stehenden Fördermittel für ein „Quartiersmanagement“ zu denken, das dann auch als Anlaufstelle bei Flüchtlingsproblemen dienen könnte.

Und auch wenn es, wie Bürgermeister Kähler sagte, „alle Jahre wieder“ zur Gewohnheit geworden ist, dass Myriam Erhardt dem Türkheimer Gemeinderat ihre Bilanz vorstellt – den ausdrücklichen Dank und großen Respekt für die Arbeit des Helferkreises konnte Myriam Erhardt auch diesmal wieder an ihre Mitstreiter mitnehmen: „Geräuschlos, couragiert und engagiert“ sei das Engagement des Helferkreises – dafür bedankte sich der gesamte Gemeinderat mit lang anhaltendem Applaus.

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