Die Wahrheit liegt auf dem Platz

10.01.2018

Fußball vereint

CHJ_1453.jpg
3 Bilder
Fußball verbindet, besonders wenn ein Tor für die eigene Mannschaft fällt: Mindelkicker in Mindelheim.
Bild: Christoph Jäckle

1000 Tage Mindelkicker: Wie der TSV Mindelheim Flüchtlinge über den Sport erreicht

„Mindelkicker“ steht auf den Trikots und „Football unites“. Fußball vereint. Vor 1000 Tagen im Frühjahr 2015 begann diese besondere Erfolgsgeschichte, die der Berliner taz im Herbst 2016 sogar einen vierseitigen Bericht wert war. Junge Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Nigeria, Gambia oder von wo auch immer sie stammen, treffen sich Woche für Woche zum Fußballspielen in Mindelheim. Aus Fremden wurden Freunde.

„Die spielten Nationalmannschaft“

Dabei war von entspanntem Fußballspielen anfangs wenig zu spüren. Auf der einen Seite standen die Syrer, auf der anderen die Afghanen. „Die spielten Nationalmannschaft“, erzählt der Trainer schmunzelnd. Und das mit vollem Körpereinsatz. Beim nächsten Mal mischte Trainer Tarik Yurtseven die Teams durch, und siehe da: Plötzlich war erkennbar, dass es um Fußball geht und nicht um Nahkampf.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Begonnen hatte diese Geschichte vor drei Jahren in Türkheim. Ein paar befreundete Fußballer waren mit Asylbewerbern aus Afrika ins Gespräch gekommen. Schnell war klar: Fußball interessiert alle, Fußball verbindet. Ein gemeinsamer Kick wurde ausgemacht. Und weil alle das richtig gut fanden, klopfte die Gruppe um Felix Jäckle bei der Caritas an, die die Mindelheimer Flüchtlingsunterkunft betreut. „Sinn macht so etwas nur, wenn es dauerhaft geschieht“, sagt Jäckle, der heute für den Bayerischen Fußballverband arbeitet, damals aber noch in der Pressestelle des FC Augsburg aktiv war. Und so fragten sie im Asylbewerberheim, wer denn Lust auf Fußball hätte und regelmäßig zum Training kommen würde.

25 kamen sofort, und auch später fiel die Zahl der Sportler nie unter 18, erzählt der Trainer stolz. Tarik Yurtseven stammt aus der Türkei und lebt erst seit 13 Jahren mit seiner Familie in Mindelheim. 33 Jahre hat der knapp 50-Jährige erfahren, was das Leben in einer Großstadt wie Berlin bedeutet. Da war es wichtig, in der richtigen Clique zu sein. Ohne Gruppe wäre man schutzlos ausgeliefert.

Gäste in Deutschland

Vielleicht ist es gerade auch diese Erfahrung, die es Yurtseven leicht macht, einen Draht zu den jungen Leuten zu finden. „Ich möchte, dass sie von der Straße wegkommen“, sagt er. Da ist er auch sehr streng. Den Flüchtlingen sagt er, „ihr müsst euren Teil zum Verständnis beitragen. Ihr seid Gast in Deutschland!“. Es geht um gegenseitigen Respekt. Und es geht um Struktur im Alltag.

Dass es wichtig ist für die jungen Flüchtlinge, dass ihr Alltag einen klaren Ablauf bekommt, davon ist Felix Jäckle überzeugt. Die Flüchtlinge wissen oft nicht, was aus ihren Familien geworden ist. Viele sind allein hier. „Das ist eine riesen psychologische Belastung“, sagt Jäckle.

Um so wichtiger ist deshalb das wöchentliche Fußballtraining. Im Sommer wird im Freien beim Maristenkolleg gespielt, im Winter in der kleinen Turnhalle an der Brennerstraße. Die Trikots sind oft gespendet worden. Für die Fußballschuhe haben der TSV, Schuhhaus Nertinger, die Bürgerstiftung Mindelheim und die Flüchtlinge selbst zusammengelegt.

Die Mindelheimer halfen

Felix Jäckle zeigt sich von dieser Hilfsbereitschaft der Mindelheimer noch heute sehr begeistert. T-shirts und Jacken wurden gespendet, das Maristenkolleg mit Sportlehrer Hermann Landherr zeigte sich sehr aufgeschlossen.

Auch der FCA zeigte sich großzügig und lud die Kicker mal zu einem Bundesligaspiel ein. Es war das Match gegen die Frankfurter Eintracht, deren Mannschaft ja berühmt ist, weil ihre Spieler aus acht verschiedenen Ländern stammen. Bei den Mindelkickern ist das kaum anders.

Das viele Training blieb übrigens nicht ohne Folgen. So mancher Verein in der Gegend hat bereits Spieler in ihren Reihen, die als Asylbewerber gekommen sind. Yurtseven nennt Kirchdorf, Mindelheim Tussenhausen, Unterrieden und Türkyemspor. Und wenn mal der TSV Mindelheim Hilfe braucht, machen auch die Mindelkicker mit. Beim Weihnachtsmarkt in Mindelheim haben Flüchtlinge beim Aufbau einer Bude des TSV Mindelheim mit angepackt. Bei Altpapiersammlungen helfen sie ebenso. Und als der FCA mal in Mindelheim ein Freundschaftsspiel ausgerichtet hat, haben auch die Flüchtlinge mitgeholfen. Felix Jäckle findet das ganz wichtig. So mancher, der eigentlich der Flüchtlingspolitik sehr kritisch gegenübersteht, hat ihm schon gesagt: Die tun auch was für uns. Das kommt gut an. Man lerne sich so besser kennen - Fußball sei Dank!

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Katze1.tif
Bad Wörishofen

Mit einer Schrotflinte auf Kater "Flitzi" geschossen

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden