Brauchtum

27.07.2018

Gegen das Vergessen

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2 Bilder
Diese drei jungen Siebnacher waren die ersten aus dem Dorf, die im Jahr 1961 zur gerade gegründeten Bundeswehr eingezogen wurden. Auch mit dabei: Erich Schmid U(Mitte).

Die Reservistenkameradschaft Siebnach hat jetzt eine Gedenktafel, auf der die Soldaten des Dorfes zu sehen sind. Das ist lustig, weil sich manche der Abgebildeten etwas verändert haben. Es macht aber auch nachdenklich

Erich Schmid ist stolz – und das darf er auch sein, wenn er auf die neue Ehrentafel blickt, die jetzt den Eingangsbereich des Vereinsheimes im ehemaligen Gasthaus Kreuz“ ziert. Immerhin handelt es sich hierbei um ein sehr seltenes – wenn nicht sogar einmaliges Stück, das an die ehemaligen Soldaten des Dorfes erinnert. „So etwas gibt es sonst nirgends“, sagt Erich Schmid (78) und lacht, als sein Blick auf ein Foto von ihm selbst fällt. Damals, 1961, wurde er mit seinen Freunden Franz März und Helmut Stengelmeier zum ersten Jahrgang der neu gegründeten Bundeswehr eingezogen. „Damals war Franz Josef Strauß noch Verteidigungsminister“, sagt Erich Schmid und kann es selbst kaum fassen, wohin die Zeit nur so schnell gegangen ist.

Mehrere Gedenktafeln hängen hier im Gang des Vereinsheimes: Zwei erinnern an die Kriegsteilnehmer und gefallenen Soldaten des Dorfes aus den beiden Weltkriegen. Nach dem verheerenden Krieg hatte dann auch lange Zeit erst einmal keiner einen Gedanken an eine Gedenktafel für Soldaten. Erst als die ersten Wehrpflichtigen ihren Wehrdienst abgeleistet und als Reservisten wieder ins Dorf zurückgekehrt waren, wurde wieder an eine Gedenktafel für die Reservisten aus Siebnach gedacht.

Das klappte in den frühen 1960er-Jahren zunächst einmal auch ganz gut, erinnert sich Erich Schmid, der in dieser Zeit dann den Vorsitz der Reservisten- und Veteranenkameradschaft Siebnach übernahm und drei Jahrzehnte innehatte. Heute ist er Ehrenvorsitzender und da liegt ihm die Erinnerung an seine Kameraden natürlich immer noch nahe.

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Anfangs hatte noch jeder Soldat schnell ein Foto zur Hand und war auch stolz darauf: Schmuck hergerichtet und – natürlich - in Uniform Damals war es dann auch leicht, die Gedenktafel in Schuss und auf dem aktuellen Stand zu halten.

Der Verein hatte noch beim „Mohrenwirt“ sein Zuhause, und alles hatte seinen Platz. Doch dann wurde die Stammwirtschaft geschlossen und die Gedenktafel landete auf dem Dachboden. Dort schlummerte sie auch noch, als das „Kreuz“ von der Gemeinde gekauft und zum Vereinsheim umfunktioniert wurde.

Und dann, irgendwann, fiel die Erinnerungstafel wieder in die Hände von Erich Schmid. Was lag da näher, als es wieder zu versuchen und die Erinnerung an die Soldaten und Reservisten des Dorfes auf diese Weise wach zu halten. Gesagt – getan? „Von wegen“ sagt Erich Schmid. Denn die jüngeren Jahrgänge hatten entweder kein Foto mehr von sich mit Uniform. Oder sie hatten es irgendwohin verlegt. Und so richtig stolz auf ihre Zeit als Soldat waren offenbar auch nicht mehr alle ...

So schnell wollte der Ehrenvorsitzende aber nicht aufgeben: Er drängte die jüngeren Kameraden, noch einmal ganz genau zuhause zu suchen.

Das half in einigen Fällen, doch viele ehemalige Siebnacher Soldaten hatten wirklich kein Foto mehr, das sie in Uniform zeigte. Also mussten neue Fotos gemacht werden, die Uniformen dafür wurden extra ausgeliehen, die Fotos so versiegelt, dass sie lange halten – eine zeitraubende Filigranarbeit, die Erich Schmid dann gerne seinem Sohn Robert überließ. Der ist zwar selber gar kein Mitglied der Reservistenkameradschaft, aber dem Bitten seines Papas konnte er ja kaum widerstehen ...

Und dann war da ja auch noch die hölzerne Gedenktafel, an der der „Zahn der Zeit“ auch seine Spuren deutlich hinterlassen hatte. Ein bruchsicheres Glas musste her und ein neues Bild und der Schriftzug war auch verblasst. Also wurde Kirchenmaler Raymond Schuhwerk beauftragt – und mit dem Ergebnis sind die Siebnacher Reservisten und allen voran natürlich Ehrenvorsitzender Erich Schmid hoch zufrieden.

Es gehe dabei nicht nur um die Erinnerung an die meist schöne, wenn auch oft entbehrungsreiche Zeit als Soldat oder Wehrpflichtiger, betont Erich Schmid. Es gehe ihm auch um die Erinnerung an die Kameradschaft und die vielen, langjährigen Freundschaften, die aus der zeit bei der Bundeswehr entstanden seien. Nicht zufällig prangt der Schriftzug „Sie dienten für Frieden und Freiheit“ über den Fotos. Und auch der Platz, an dem die neue Gedenktafel hängt, ist alles andere als Zufall: Direkt neben der neuen Tafel hängen die Fotos und Gedenktafeln der Soldaten aus den beiden Weltkriegen und dadurch soll auch die Erinnerung an die Opfer der beiden verheerenden Weltkriege wach gehalten werden.

Am Samstag wird in Siebnach das Dorffest gefeiert und dann können die vielen Besucher die neue Gedenktafel in Augenschein nehmen, auf die Erich Schmid und seine Kameraden so stolz ist: „Das ist vielleicht die einzige ihrer Art im ganzen Land“ vermutet er. Warum glaubt er, dass dies so ist: „Weil sich heute doch keiner mehr die Zeit nimmt, so etwas zu machen“, sagt Erich Schmid lachend.

Und außerdem: Seit Abschaffung der Wehrpflicht gebe es ja auch keine Soldaten und damit auch keine Reservisten mehr im Dorf. „Der Nachwuchs fehlt. Auch daran wollen wir erinnern“, sagt Erich Schmid.

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