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Interview

06.02.2020

Geht dem Flexibus im Wertachtal die Luft aus?

Im Nachbarlandkreis Günzburg hat sich das Flexibus-Angebot von Josef Brandner – nach anfänglich großer Skepsis – zu einem Erfolgsmodell entwickelt. Der Flexibus-Anbieter hofft, dass er auch die Kritiker im Wertachtal überzeugen kann. Vor allem im Raum Türkheim/Rammingen wird eine finanzielle Unterstützung von einem verbesserten Angebot abhängig gemacht.

Flexibus-Anbieter Josef Brandner verfolgt die kontroversen Diskussionen. Eine Anbindung nach Bad Wörishofen hat aber keine Chance.

Die Vorschusslorbeeren für den Flexibus im Wertachtal sind verwelkt: Nachdem die Gemeinderäte von Türkheim und Rammingen jüngst ihre finanzielle Unterstützung für das ÖPNV-Projekt von einer Anbindung nach Bad Wörishofen und Mindelheim abhängig gemacht hatten, ist das Flexibus-Projekt im Wertachtal ins Stocken geraten. Zum „Flexit“ – also zu einem Scheitern des Flexibus-Projekts im gesamten Landkreis Unterallgäu – werde aber auch ein Ausstieg von Türkheim und Rammingen nicht führen, betonte Flexibus-Anbieter Josef Brandner im MZ-Interview. Für die Bereiche Kirchheim-Pfaffenhausen, Mindelheim, Babenhausen-Boos, Bad Wörishofen und Ottobeuren seien bereits Verträge mit einer mindestens fünfjährigen Laufzeit unterzeichnet. Dennoch sieht Brandner die Diskussionen im Wertachtal mit gemischten Gefühlen.

Verfolgen Sie die Diskussionen in Türkheim und Rammingen zum Thema Flexibus?

Josef Brandner: Ja, natürlich verfolge ich die Diskussion mit großem Interesse. Aktuell war es mir nicht möglich, die entsprechende Sachinformation in die kommunalpolitischen Gremien einzubringen. Dabei vermisse ich die Sicht der Menschen, die den Flexibus künftig nutzen können. Wir haben den Flexibus damals aus der Sicht der Nutzer, der an Lebensalter jüngeren bzw. älteren Zielgruppen sowie den in ihrer Mobilität eingeschränkten Personen konzipiert, die teilweise keinen Zugang zum eigenen Pkw haben. Für diese Zielgruppen ist der Flexibus eine sehr gut angenommene Verbesserung, um zum Beispiel den nächst gelegenen Supermarkt oder Arzt besuchen zu können.

Geht dem Flexibus im Wertachtal die Luft aus?

Können Sie die Bedenken dort nachvollziehen?

Josef Brandner: Aktuell wird die Diskussion aus der Sicht der Zielgruppe der Autofahrer geführt, die im Flexibus eine vollwertige Alternative zur individuellen Mobilität sehen, und die Merkmale des Autos uneingeschränkt und kompromisslos auf den Flexibus übertragen sehen wollen. Dabei wird verkannt, dass der Flexibus ein Teil des öffentlichen Mobilitätsnetzes ist, dessen Basis die bestehenden festen Linienangeboten der Züge und Busse sind. Leider verfügt der ÖPNV über verschiedene Nachteile gegenüber dem Pkw. Die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehr-Netzes erfordert, je nach Verbindung, eventuell einen Umstieg zwischen den Verkehrsmitteln des ÖPNV oder die Inkaufnahme einer Umwegstrecke um zum Ziel zu kommen. Insgesamt erfordert der ÖPNV auch einen höheren Zeitbedarf als die individuelle Mobilität und ist deshalb nicht 1:1 zu vergleichen. Mit dem Flexibus eröffnen wir eine neue zusätzliche Mobilität und schaffen eine bisher nicht gekannte Angebotsqualität, die für die Zielgruppe eine deutliche Verbesserung in der Alltagsmobilität bietet. Durch den nachvollziehbaren Wunsch, alle Moblitätsbedürfnisse vom Auto gleich auf den Flexibus zu übertragen, scheitert die Diskussion am Grundverständnis für die Zielgruppe und deren Bedarf sowie den Möglichkeiten des ÖPNV.

Wie ist denn Rammingen heute an das Netz des öffentlichen Personennahverkehrs angebunden?

Josef Brander: Der Bahnhalt Rammingen wird derzeit täglich 27 mal durch die DB Regio mit dem Zug bedient, weitere 17 Fahrten sind im Linienfahrplan der VVM-Linie 910 Mindelheim-Buchloe unter der Woche ausgewiesen. Eigentlich hat die Gemeinde Rammingen, im Vergleich zu anderen Orten im Landkreis Unterallgäu ein vergleichsweise gutes, vorhandenes Angebot .

Besteht eine realistische Chance, in absehbarer Zeit eine Anbindung mit dem Flexibus in den Gemeinden Türkheim und Rammingen nach Mindelheim und Bad Wörishofen realisieren zu können?

Josef Brandner: Das Bayerische ÖPNV-Gesetz schreibt dem Schienenpersonennahverkehr die „Rückgratfunktion“ zu. Der Freistaat Bayern hat im Jahr 2019 ca. 100 Euro für jeden Einwohner an Regionalisierungsmitteln vom Bund erhalten, die überwiegend durch die Bayerische Eisenbahngesellschaft in den Schienenverkehr gesteckt werden. Die Aufwendungen der Verbünde für Tarifmaßnahmen und weitere Zuschüsse sind darin noch nicht einberechnet. Zur Vermeidung von sogenannten „Kannibalisierungseffekten“ steht die gewünschte parallele Streckenführung des Flexibusses entgegen den gesetzlichen Vorgaben des BayÖPNVG und ist nicht genehmigungsfähig.

Macht der Flexibus auch ohne eine solche Anbindung Sinn?

Josef Brander: Die Gemeinde Rammingen ist Teil der Verwaltungsgemeinschaft Türkheim; die Marktgemeinde Türkheim ist wiederum nach dem Regionalplan das Unterzentrum, in welchem die Grundversorgung der umliegenden Gemeinden angeboten wird. Mit dem Flexibus haben die Einwohner der gesamten VG Türkheim die Möglichkeit sieben Ärzte, eine Apotheke, mehrere Supermärkte und Discounter, insgesamt 144 Gewerbe-, Einzelhandels und Handwerksbetriebe, aber auch Anwälte, Banken, Steuerberater und einen Notar aufzusuchen. Laut Homepage der Gemeinde gibt es weiter 15 gastronomische Betriebe. Dieses Angebot steht in diesem Umfang in keiner der umliegenden Gemeinden der VG Türkheim zur Verfügung und kann mit dem Flexibus in vollem Umfang genutzt werden. Weiterhin liefert der Flexibus die Flächenerschließung zu den Bahnhöfen. Wem der Fußweg von Unterrammingen zum Bahnhof nach Rammingen zu weit ist, kann sich jederzeit den Flexibus rufen.

Droht also dann gesamte Projekt zu scheitern, wenn die Gemeinden Türkheim und Rammingen ihre Zuschüsse nicht zahlen?

Josef Brander: Die Umsetzung des Flexibus-Knotens Türkheim ist aktuell für die Marktgemeinde Türkheim und die Gemeinden Amberg, Ettringen, Rammingen und Wiedergeltingen berechnet. Wenn eine der vier Gemeinden die Verbesserung durch den Flexibus nicht wünscht und keinen Anteil tragen möchte, würde dies zu einer geringen Verteuerung führen und das Projekt insgesamt nicht gefährden. Eine kritische Größe ist die Zahl aller Einwohner in einem Flexibus-Gebiet, die nicht geringer als circa 12.000 Einwohner sein sollte.

Kommt die „Wabe Wertachtal“ auch zustande, wenn Türkheim und Rammingen sich nicht beteiligen?

Josef Brandner: Nein, wenn sich die Marktgemeinde Türkheim und die Gemeinde Rammingen nicht beteiligen, fehlt die Grundlage zur Umsetzung des Knoten „Türkheim-Wertachtal“, da die vom Freistaat Bayern gedeckelten Fehlbeträge von acht Euro je Einwohner/Jahr deutlich überschritten werden.

Beteiligt sich die Stadt Buchloe an den Kosten?

Josef Brandner: Laut MZ hat weder die Stadt Buchloe noch der Landkreis Ostallgäu Interesse an der Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs durch den Flexibus. Andererseits wurde signalisiert, dass man der Einrichtung von zwei oder drei Haltestellen des Flexibus im Stadtgebiet Buchloe (z.B. am Bahnhof oder den Einkaufsgebieten) zwar zustimmen würde, aber keine Kostenbeteiligung beabsichtigt sei.

Sind Sie von der Kommunalpolitik im Raum Türkheim/Rammingen enttäuscht?

Josef Brandner: Nein, enttäuscht bin ich nicht, ist es doch legitim, dass ein kommunales Gremium einen Beschlussvorschlag ablehnt. Aus meiner beruflichen Erfahrung und der Reputation des Flexibus auf Landes- und Bundesebene kann ich die Bedenken nicht teilen. In der Folge muss dann aber auch akzeptiert werden, dass sich auf Grundlage des ablehnenden Beschlusses keine Verbesserung der öffentlichen Mobilität ergibt und letztendlich der Service für Bürger, selbstbestimmt mobil zu sein, nicht ermöglicht wird.

Was würden Sie den Kommunalpolitikern dort raten?

Josef Brandner: Nochmals zu überlegen, ob die mit der Ablehnung verbundene Abkehr vom öffentlichen Personennahverkehr zukunftsgerichtet und geeignet für die Reduzierung der Umweltbelastungen aus dem Individualverkehr ist. Dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass wenn kein Arzt und keine Einkaufsmöglichkeit in einer Gemeinde vorhanden ist, dass doch wenigstens die Infrastruktur des ÖPNV vorgehalten und eine Erreichbarkeit geschaffen werden sollte.

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