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Mindelheim

11.08.2020

Goldfieber im Unterallgäu: Goldzähne abgegeben, viel Geld erhalten

Goldschmied Frank Scheerle bei der ersten Sichtung: Aufs eine Häufchen kommt das Zahngold mit reinem Gold, aufs andere die Legierungen.

Plus Noch nie war Gold wertvoller. Wir machten den Test bei Goldkäufer Scheerle in Mindelheim und geben Goldzähne ab. Das Ergebnis ist überwältigend und kommt nun Menschen in Not zugute.

Die Pfeile zeigen seit Monaten nur in eine Richtung: steil nach oben. Noch nie war Gold so teuer wie in diesen Tagen. An der Börse wurde für eine Feinunze (31,1 Gramm) erstmals mehr als 2050 Dollar bezahlt. Für ein Kilo reines Gold werden fast 56.000 Euro hingeblättert. Seit Beginn des Jahres hat der Wert des Edelmetalls um ein Drittel zugelegt. Eine wahre Goldgräberstimmung macht sich breit. Auch uns in der Lokalredaktion hat der Goldrausch gepackt. Wir sind aber nicht mit dem Sieb auf Nuggetsuche an die Mindel aufgebrochen. Unsere Idee: Wir versuchen, aus dem Gold-Boom etwas für Schwächere zu machen.

Der Mindelheimer Zahnarzt Dr. Helmut Baader, um Unterstützung gebeten, war sofort begeistert und hat ein Schächtelchen mit Zahngold überreicht. Wir sollten es zum Bestpreis für einen guten Zweck verkaufen, für das Leserhilfswerk unserer Zeitung, die Kartei der Not. Das Geld kommt eins zu eins Menschen aus der Region zugute, die unverschuldet in Not geraten sind.

Das Zahngold kommt auf die Waage. Dabei sind die Metalle schwerer als die Zähne. Schon eine vergleichsweise geringe Menge bringt derzeit einen guten Preis.

Beim Zahnarzt Baader in Mindelheim hat sich über die Jahre Gold angesammelt

Jeder Patient, dem ein Zahn mit Goldfüllung gezogen werden muss, darf das wertvolle Edelmetall mit nach Hause nehmen. Nicht alle wollen das. Und so sammeln sich im Laufe der Zeit einige Zähne im Medizinischen Versorgungszentrum für Zahnheilkunde, Implantologie und Ästhetik von Dr. Baader an, und mit ihnen wertvolles Gold. Das verkauft der Zahnmediziner und spendet das Geld einer wohltätigen Organisation.

Als es die D-Mark schon nicht mehr gab, wurde diese Sondermünze geprägt.

Wir haben bei Frank Scheerle unser Verkäuferglück versucht. Der gelernte Goldschmied aus der Nähe von Ravensburg unterhält seit sechs Jahren eine Niederlassung in der Mindelheimer Kornstraße. Zwei Tage in der Woche ist er vor Ort. Der 55-Jährige sagt, generell ist ein hoher Goldpreis gut fürs Geschäft. Zwar hat sich die Zahl der Kunden in Zeiten von Corona nicht spürbar erhöht. Aber die Leute kramen offenbar verstärkt in den Schubladen daheim nach Goldbruch. Es kommt also mehr Gold auf den Tisch. Mal ist es eine kaputte goldene Kette, ein Ring oder eben Zahngold. Je höher der Goldpreis, desto eher denken die Menschen an all die Dinge, die einfach so herumliegen und versuchen, sie zu Geld zu machen.

Privater Goldbesitz war einst sogar verboten

Dabei hat Gold im Laufe der Menschheitsgeschichte schon einige Höhen und Tiefen mitgemacht. Immer wieder war der private Besitz sogar verboten und nur den Herrschenden vorbehalten, etwa im alten Ägypten, im chinesischen Kaiserreich, in der Sowjetunion oder in der Weimarer Republik ab 1923. Bei den Nationalsozialisten hatte Hermann Göring 1936 eine Ablieferungspflicht für Gold angeordnet.

In den USA war 1834 das Münzgesetz erlassen worden. Dabei wurde ein gesetzliches Tauschverhältnis von 1:16 von Gold zu Silber festgelegt. Damit war der „Goldstandard“ eingeführt. Der Dollar war durch Goldreserven abgesichert. Fast 150 Jahre lang veränderte sich der Goldpreis kaum. Heute ist der Dollar nicht mehr durch Gold abgesichert.

Seit sechs Jahren geht es mit dem Goldpreis bergauf. „2014 habe ich nur den halben Preis für ein Gramm Gold bezahlen können“, sagt Frank Scheerle. Inzwischen ist ein Allzeithoch erreicht. Wie aber kommt es zu einem so absurd hohen Preis für Gold? Die eine schlüssige Antwort gibt es wohl nicht. Ein hoher Goldpreis hat viel mit Ängsten zu tun. Gold ist ein Krisenphänomen. In Zeiten politischer oder wirtschaftlicher Krisen fliehen die Menschen ins vermeintlich sichere Gold. Auch niedrige Zinsen spielen eine Rolle oder eine hohe Inflation. Scheerle vermutet, dass sich auch die Corona-Krise auswirkt. Letztlich ist es wie überall in der Wirtschaft: Eine hohe Nachfrage treibt den Preis.

Gold macht nicht immer glücklich - das zeigt die Legende von König Midas

Dass sagenhafter Goldreichtum nicht zwingend glücklich macht, zeigt die Legende von König Midas. Dieser war im achten Jahrhundert vor Christus Herrscher des phrygischen Reiches, dem heutigen Anatolien. Bei ihm soll alles zu Gold geworden sein, sogar Essen und Trinken. Weil niemand von Gold satt wird, bat Midas Gott, ihn von diesem Fluch zu befreien. Er badete im Fluss Paktolos, der dadurch zum goldreichsten Fluss Kleinasiens wurde. Soweit die Legende.

Das Zahngold kommt auf die Waage. Dabei sind die Metalle schwerer als die Zähne. Schon eine vergleichsweise geringe Menge bringt derzeit einen guten Preis.

In dem kleinen Geschäft von Frank Scheerle, in dem vorher „Antonie’s Geschenkeladen“ untergebracht war, fällt sofort eine Grammwaage ins Auge. Sie steht auf dem Empfangstisch, wo der Kunde seine Schätze ausbreiten darf. In unserem Fall also ein Schächtelchen aus der Zahnarztpraxis. 200 bis 300 Euro war der Tipp in der Redaktion, werde der Verkauf des Goldes wohl einbringen. Aber eine genaue Vorstellung hatte keiner.

Jetzt ist der Fachmann gefragt. Zuerst teilt er den Schatz in zwei Hälften, den er mit einer Lupe inspiziert. Aufs eine Häufchen kommen die Zähne mit gelbfarbenem Metall. Aufs andere das eher hellere Material. Das sind die weniger wertvollen Mischungen, die auch weniger Geld einbringen, wenn Frank Scheerle sie in einer Pforzheimer Scheideanstalt einschmelzen lässt.

Scheerle schätzt den Gold-Kaufpreis grob - ist der Verkäufer einverstanden, geht es richtig an die Arbeit

In einer Tüte trennt der Goldschmied das Gold vom Zahn ab.

Dem Kunden gibt Scheerle dann eine grobe Schätzung des Kaufpreises. Er sagt auch, man könne gerne woanders eine zweite Meinung einholen. Erst wenn der Verkäufer mit dem Preis einverstanden ist, geht es richtig an die Arbeit. Die Zähne wollen schließlich von dem Metall getrennt werden. Scheerle macht das mit einer Zange und wiegt am Ende noch einmal alles Metall sorgfältig ab.

Zum Schluss dann noch die freudige Überraschung: Nicht 200 oder 300 Euro gibt es für das Gold. Es sind exakt 2415 Euro. Diesen Betrag spendet Dr. Baader nun an die Kartei der Not.

Am Ende die große Überraschung: Das Zahngold in dem Schächtelchen brachte über 2400 Euro Bares für die Kartei der Not.
Bild: Johann Stoll

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