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Unterallgäu

21.10.2019

Hat ein Unterallgäuer seine Stieftochter misshandelt?

Hat ein Mann aus dem Unterallgäu seine Stieftochter missbraucht? Diese Frage beschäftigt momentan das Amtsgericht Memmingen. (Symbolfoto)
Bild: Anne Wall

Plus Das Amtsgericht steht vor einem Rätsel: Ein Unterallgäuer soll seine Stieftochter jahrelang geschlagen haben. Doch es gibt Grund zu Zweifeln.

Am Ende der knapp einstündigen Verhandlung wirken alle Beteiligten etwas ratlos. Richter Markus Veit entschuldigt sich gar beim Angeklagten: „Es tut mir leid, weil das jetzt so lange über Ihnen hängt“, sagt er. „Aber es geht nicht anders. Ich kann das so nicht beurteilen.“ Kurz darauf setzt er die Verhandlung gegen den 40-jährigen Unterallgäuer, der über Jahre hinweg seine Stieftochter schwer misshandelt haben soll, aus. Die Zweifel, die im Raum stehen, sind zu groß.

Im Jahr 2003 begann der Angeklagte eine Beziehung mit einer Frau, die bereits eine Tochter hatte. Stiefvater und -tochter verstanden sich anfangs gut. „Ich habe sie immer behandelt wie mein eigenes Kind“, sagte der Angeklagte vor Gericht. „Wir waren eine ganz normale Familie.“ Die junge Frau nahm sogar den Nachnamen ihres Stiefvaters an. Ihr leiblicher Vater wohnte zwar in der Nähe, kümmerte sich aber nicht weiter um sie.

Nach einigen Jahren bekam das Verhältnis zwischen Stieftochter und Stiefvater beiden Risse. Wann genau, darüber sind sie sich nicht einig. Sie sagt: Alles begann, als ihre Mutter mit ihm das erste gemeinsame Kind bekam. Er sagt: Die „Quertreiberei“ ging los, als die heute 20-Jährige auf eine Realschule nach München kam.

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Die Frau schilderte in ihrem Tagebuch Misshandlungen durch den Stiefvater

Was der Angeklagte, der im Unterallgäu einen kleinen Betrieb leitet, nicht wusste: Seine Schwiegertochter führte ein Tagebuch. Dort schilderte sie in erster Linie Alltägliches, irgendwann zwischen 2012 und 2013 aber erstmals auch Brutales: So habe ihr der Stiefvater nach einem Missgeschick mit einem Holzscheit auf den Handrücken geschlagen – so fest, dass sich mehre Splitter in die Haut der damaligen Siebtklässlerin bohrten. Es war der Beginn einer Serie von grausamen Schilderungen, mit denen sich das Tagebuch in den darauffolgenden Jahren füllt.

Demnach wurde der Angeklagte immer gewalttätig, wenn er auf irgendeine Art und Weise unzufrieden mit seiner Stieftochter gewesen sei. Ein besonders perfider Fall hat sich nach ihrer Darstellung Anfang März 2015 zugetragen: Damals kochte sie eine Tomatensoße, die ihr nicht recht gelang, sie war zu flüssig. Sie habe gewusst, dass sie einen Fehler begangen habe und habe zur Wiedergutmachung die Küche und den Gang gekehrt. Ihr Stiefvater sei jedoch wütend gewesen und habe sie mit dem Besen und seinen Füßen geschlagen und getreten, sie an den Haaren gezogen und eine Entschuldigung verlangt.

Insgesamt sieben Mal soll der 40-Jährige seine Stieftochter verletzt haben: mal mit Ohrfeigen, mal mit Stößen, zweimal, indem er sie die Treppe herunterstieß. Und damit nicht genug: Vor rund fünf Jahren soll er zudem versucht haben, sich seiner Stieftochter sexuell anzunähern – ohne Erfolg, weshalb es erneut zu Schlägen gekommen sein soll. Ihrer Mutter vertraute sich die 20-Jährige in all dieser Zeit nicht an. Der Grund laut Anklage: Der Mann habe ihr gesagt, dass sie ihre Mutter nicht mehr lieb habe, wenn sie damit zu ihr gehe.

Der Unterallgäuer bestreitet, seine Stieftochter misshandelt zu haben

„Ich weiß nicht, aus welchen Fingern sie sich das saugt“, sagte der Angeklagte. Seine Stieftochter habe zwar immer wieder blaue Flecken und Schrammen gehabt – doch nicht etwa, weil er sie geschlagen habe. „Sie war schon immer so: Wenn sie sich irgendwo anstoßen konnte, hat sie es geschafft“, lautete seine Erklärung. Der 40-Jährige betonte: „Ich habe noch nie ein Kind geschlagen, schon gar nicht meine eigenen.“

Doch was bewegte die junge Frau dann dazu, diese brutalen Schilderungen über Jahre hinweg in ihrem Tagebuch niederzuschreiben? Richter Veit sagte: „Ich habe das Tagebuch noch einmal durchgelesen und schon das Gefühl, da geht es um wirklich Erlebtes.“ Vor ihm saß kurz darauf die 20-Jährige selbst, um auszusagen. Ihr Stiefvater war da schon nicht mehr im Saal. Er hatte den Raum auf Antrag des Anwalts der jungen Frau, Karl-Wilhelm Schuhmacher, verlassen. Ein psychologisches Gutachten hatte nahegelegt, die Frau werde durch den direkten Anblick ihres Stiefvaters emotional zu stark belastet.

Auch ohne ihrem vermeintlichen Peiniger in die Augen sehen zu müssen, wirkte die Frau extrem verunsichert und eingeschüchtert. Sie schilderte zaghaft, wie gut sich die beiden verstanden hätten, als noch keines ihrer Stiefgeschwister auf der Welt gewesen sei. „Dann hat sich der Spieß aber umgedreht. Dann hat es angefangen“, sagte die 20-Jährige. Als Richter Veit sie auf die konkreten Vorwürfe ansprach, kam die Frau jedoch teilweise durcheinander und vermischte Vorfälle, die sie in ihrem Tagebuch beschrieben hatte. „Ich muss ehrlich sein, ich habe viel verdrängt“, sagte sie mit gedämpfter Stimme.

Wegen dissoziativer Störung: Richter Veit fordert Gutachten an

Als die Frau immer heftiger zitterte, reichte ihr Anwalt ein psychiatrisches Gutachten des Bezirkskrankenhauses Augsburg ein. Darin wurde der 20-Jährigen eine dissoziative Störung diagnostiziert. Dabei spalten Betroffene oft Erinnerungen ab, um unerträgliche Erfahrungen auszublenden und sich damit quasi selbst zu schützen. Dem Gutachten zufolge leidet die 20-Jährigen deshalb unter Gedächtnisstörungen. Inwiefern die Schilderungen des angeblichen Missbrauchs durch ihren Stiefvater wahrheitsgemäß waren, konnte das Dokument jedoch nicht klären.

Angesichts des labilen psychischen Zustands der 20-Jährigen verständigten sich Richter Markus Veit, Verteidigerin Anja Mack und Staatsanwalt Sebastian Murer darauf, die Verhandlung auszusetzen und ein abschließendes psychologisches Gutachten einzuholen. „Es wird herausfinden, ob all das fantasiert wurde oder ob darin zumindest ein Funken Wahrheit steckt“, sagte Richter Veit. Die Beteiligten rechnen damit, dass eine Entscheidung in der Angelegenheit frühestens in einem halben Jahr fällt.

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