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Justiz

12.04.2019

Hat sich Unfallfahrer abgesetzt und ist untergetaucht?

Vor dem Amtsgericht Memmingen sollte am Dienstag ein 27-jähriger Mann stehen, der Ende April 2018 auf freier Strecke zwischen Lamerdingen und Ettringen laut Anklage betrunken in das Auto eines 19-Jährigen gerast war, der dabei ums Leben kam. Der Angeklagte erschien aber nicht zum Prozess.
Bild: Alf Geiger

Plus Ein 27-jähriger Pole hätte sich dafür verantworten sollen, im April 2018 einen Unfall verursacht zu haben, bei dem ein 19-Jähriger getötet wurde.

Tatort: Lamerdingen. So steht es auf der Terminliste des Amtsgerichts Memmingen, wo am Dienstag der Prozess gegen einen 27-jährigen Mann anberaumt war. Der Tatvorwurf lautete auf „Straßenverkehrsgefährdung“, denn der Mann mit Wohnsitz im Ostallgäu soll am 29. April 2018 den Tod eines 19-Jährigen aus dem Landkreis Landsberg verursacht haben.

Doch der Prozess, den vor allem die Angehörigen des Unfallopfers herbeigesehnt hatten, platzte. Der Angeklagte erschien nicht vor dem Amtsgericht, sein Aufenthaltsort ist unbekannt. Es gibt allerdings in Ermittlerkreisen Gerüchte, dass sich der polnische Staatsbürger in seine Heimat abgesetzt habe und dort untergetaucht sein soll. Auf Anfrage unserer Zeitung teilte die zuständige Staatsanwaltschaft Memmingen mit, dass nach Auskunft der zuständigen Richterin am Amtsgericht Memmingen davon ausgegangen wird, dass sich der Mann im Urlaub befinde. „Ob er sich also abgesetzt hat, ist unklar,“ so Pressesprecher Thomas Hörmann.

Der Tod des 19-Jährigen sollte wenigstens juristisch gesühnt werden - doch daraus wird es vorerst nichts

Das wiederum treibt nicht nur den nach wie vor sehr unter dem Verlust des 19-Jährigen leidenden Angehörigen die Zornesröte ins Gesicht – aus Sicht von Prozessbeteiligten hätte das verhindert werden können. Doch, so ein Insider, die Staatsanwaltschaft Memmingen habe es damals nicht für nötig gehalten, einen Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Täter zu erlassen. Warum wurde nicht so gehandelt, obwohl sogar Ermittler darauf hingewiesen hätten, dass bei dem Mann durchaus Fluchtgefahr bestehe – was er ja schon unmittelbar nach dem Unfall unter Beweis gesellt habe.

Hat sich Unfallfahrer abgesetzt und ist untergetaucht?

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Mit einem Haftbefehl, der dann ja unter gewissen Auflagen auch vorübergehend außer Kraft hätte gesetzt werden können, wäre zumindest sichergestellt gewesen, dass sich der Angeklagte nicht so einfach vor seiner Verantwortung drücken und aus dem Staub machen kann.

Übliche Auflagen in solchen Fällen ist etwa die Verpflichtung, sich regelmäßig einmal wöchentlich bei einer Polizeistation zu melden. Dann, so ein Prozessbeteiligter, hätte man zumindest frühzeitig gewusst, dass der Prozesstermin nicht zustande kommen kann – und den Angehörigen des getöteten 19-Jährigen wäre zumindest diese psychische Belastung erspart geblieben.

Laut Staatsanwaltschaft Memmingen wurde jetzt ein Ordnungshaftbefehl beantragt, nachdem der Angeklagte nicht zum Prozess erschienen war. Dieser Haftbefehl sei auch antragsgemäß erlassen worden, so Pressesprecher Thomas Hörmann. Im Ermittlungsverfahren gegen den 27-Jährigen sei kein Haftbefehl beantragt worden, da „offensichtlich die Haftgründe der Fluchtgefahr oder Flucht nicht vorlagen“, so Hörmann. Die Voraussetzungen für einen Haftbefehl regele die Strafprozessordnung. Ohne die Akte im Detail zu kennen gehe er davon aus, dass der Sachbearbeiter dies geprüft habe, so Staatsanwalt Hörmann.

Es gebe mit Polen ein Auslieferungsübereinkommen auf der Grundlage des Rahmenbeschlusses zum Europäischen Haftbefehl. Eine internationale Ausschreibung sei derzeit aus prozessrechtlichen Gründen nicht möglich.

Am Prozesstag standen alle vor dem Sitzungssaal des Amtsgerichts: Die Eltern des 19-Jährigen, die als Nebenkläger den Tod ihres Sohnes zumindest juristisch gesühnt sehen wollten. Zeugen, Polizeibeamte, Gutachter, das Justizpersonal bis hin zum Amtsrichter – alle waren da, nur eben der Angeklagte nicht.

Entsprechend groß war die Wut und Enttäuschung der Beteiligten, die sich vor den Kopf gestoßen fühlten: „Was müssen die Angehörigen denn noch alles aushalten? Das kann ja nicht wahr sein, dass sich der Verantwortliche für den Tod ihres Sohnes einfach aus der Verantwortung stehlen kann“, machte ein indirekt Beteiligter gegenüber unserer Zeitung seinem Unmut Luft.

27-Jähriger soll sich betrunken ans Steuer gesetzt haben und raste auf freier Strecke in das Auto des 19-Jährigen

Denn schließlich habe sich der Angeklagte offenbar im Alkoholrausch ans Steuer gesetzt und war am letzten Sonntag im April 2018 kurz nach 21 Uhr auf freier Strecke der Straße zwischen Ettringen und Lamerdingen frontal in das Auto eines 19-Jährigen dem Kreis Landsberg gerast. Der 19-Jährige hatte keine Chance und starb noch an der Unfallstelle an seinen schweren Verletzungen.

Der mutmaßliche Unfallverursacher, ein 27-jähriger Mann mit Wohnsitz in einer Gemeinde im Ostallgäu, war nach dem Unfall zu Fuß vom Tatort geflüchtet und konnte erst nach einer aufwendigen Suchaktion, unter anderem mit einem Polizeihubschrauber, gefasst werden (MZ berichtete).

Auch er sei damals verletzt und in eine Klinik gebracht worden. Anfang Dezember 2018 hatte die Staatsanwaltschaft Memmingen Anklage gegen den Mann erhoben, weil er sich trotz eines Fahrverbotes an das Steuer des Autos gesetzt, unter Alkoholeinfluss den tödlichen Verkehrsunfall verursacht und sich dann unerlaubt von der Unfallstelle entfernt habe.

Ihm werden folgende Taten vorgeworfen: vorsätzliches Fahren trotz Fahrverbots, fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs, fahrlässiger Tötung und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort.

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