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Mindelheim

09.01.2019

Heiße Rhythmen im kalten Silvestersaal

Pianist Thomas Scheytt zeigt am Klavier vollen Körpereinsatz und reißt so das Publikum mit. Im ungeheizten Silvestersaal waren derlei Aufwärmübungen auch wirklich nützlich.
Bild: sid

Als Pianist Thomas Scheytt am Mindelheimer Silvestersaal ankam, war alles dunkel und verschlossen. Er rief die Polizei und am Ende gab es doch noch ein Konzert.

Der richtig gut gespielte Blues und Boogie-Woogie von Thomas Scheytt am Flügel gleich zu Beginn des neuen Jahres im Silvestersaal war äußerst anregend. Seine temperamentvolle Spielweise war mehr als ansteckend, die äußeren Umstände dagegen eher aufregend. Das sei ein „denkwürdiger Abend, den ich gewiss so schnell nicht vergessen werde“, sagte Thomas Scheytt. „Als ich um 18 Uhr zum Silvestersaal kam, war alles dunkel und verschlossen.“ Da niemand kam, um ihm aufzusperren, wandte er sich an die Polizei. Der diensthabende Polizist rief bei der Stadtverwaltung an, eine Angestellte kam und sperrte auf. Der Termin sei wohl versäumt worden, sagte sie. Die ersten Gäste aktivierten die Heizkörper, ließen im sehr unterkühlten Saal ihre warme Kleidung erst einmal an und harrten der Dinge, die nun kommen würden.

Thomas Scheytt nahm alles profihaft gelassen. In seinen schwarzen Jeans, dem schwarzen Seiden-Shirt und den schwarzen Lackschuhen mit den leuchtend roten Schnürsenkeln fesselte er das Publikum gleich mit einer Improvisation, der er den Titel „Ein Winterabend in Mindelheim“ gab. Wie passend!

Der Pianist gab sich im Silvestersaal ganz der Musik hin

Zu erleben war das pianistische Können mit einer unglaublichen, tief empfundenen Ausdrucksvielfalt. Er gab sich ganz seiner Musik hin, spielte mit geschlossenen Augen. Seine Beine hielten keine Sekunde still. Einer seiner Füße war auf eines der Pedale fixiert, während der andere Fuß den Rhythmus in den Parkettboden stampfte. Dabei tanzten die roten Schnürsenkel eifrig mit. Auch die Besucher konnten ihre Füße beim Boogie-Woogie nicht stillhalten. Bei besonders flotten Passagen klatschten sie mit und applaudierten enthusiastisch.

Beim Blues war es die Langsamkeit, die die ausgereifte Spielkultur und das emotionale Gespür deutlich machte. Zwischen den einzelnen Stücken erzählte Scheytt von seinem Elternhaus, einem evangelischen Pfarrhaus, in dem er im Schwäbischen aufwuchs. Er erhielt Klavier- und Orgelunterricht: „… im Sommer Orgel und im Winter Klavier“. Diese Unterrichtsstunden führten dazu, dass er eine Stelle als Organist bekam. Und das wiederum inspirierte ihn zu einer Komposition, die er von der Orgel auf das Klavier übertrug – einfach großartig, dieser „Sonnenaufgang“ mit tiefen, mächtigen Tönen, ein Blues, bei dem es immer heller, sanfter und freundlicher wird.

In Mindelheim berichtete Thomas Scheytt von seinen Vorbildern

Thomas Scheytt erzählte aber auch Ereignisse aus dem Leben großer Vorbilder. So von der Legende der drei Musiker Albert Ammons, Pete Johnson und Meade Lux Lewis, deren Konzert in der Carnegie Hall in New York 1938 die Zuhörer bei ihrem Boogie-Woogie derart in Ekstase versetzte, dass die Türsteher am Ende einige Teilnehmer von den Kronleuchtern herunterbitten mussten. Sie sollen vor lauter guter Laune hinaufgeklettert sein. Das machten die Besucher im Silvestersaal zum Glück nicht. Sie waren aber glücklich und begeistert und machten bei der Zugabe fleißig mit, als es hieß: „Put Your Hand in the Hand“, dem Song von Elvis Presley.

Für Thomas Scheytt hieß es auch hier: „Es ist ein Geben und Nehmen zwischen mir und dem Publikum. Nur dann wird es ein erfolgreicher Abend, ganz gleich, wie groß der Saal ist und wie viele Gäste kommen.“ Einfach großartig und super sympathisch. Die Kälte im Saal war bei all dem Klatschen und Wippen fast vergessen und warm ums Herz wurde den Besuchern natürlich auch.

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