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Mindelheim

12.07.2020

Hier können Betroffene offen über Süchte sprechen

Sonja Schwarz leitet die Psychosoziale Beratungsstelle in Mindelheim.
Bild: Johann Stoll

Plus Die Psychosoziale Beratungsstelle in Mindelheim hat ihr Angebot deutlich ausgebaut. Denn der Bedarf steigt. Die jüngste Klientin war erst 13 Jahre alt.

Wer unter einer Suchterkrankung leidet, kann seit vorigem Jahr in Mindelheim auf ein viel feinmaschigeres Hilfsangebot bauen. Die Psychosoziale Beratungsstelle der Awo bezog nicht nur neue und größere Räume in zentraler Lage im Sparkassengebäude an der Maximilianstraße. Die Zahl der Mitarbeiter wurde von drei auf fünf erhöht und die Beratungszeiten wurden verdoppelt - und das aus gutem Grund.

„Wir haben unser Angebot dem Bedarf angepasst“, sagt Sonja Schwarz, die Leiterin der Einrichtung. Möglich wurde das, weil der Bezirk Schwaben die Finanzierung übernommen hat. Die Beratungsstelle ist nun keine Außenstelle von Memmingen mehr, sondern eigenständig.

Viele der Ratsuchenden in Mindelheim sind Alkoholiker

Dass es großen Bedarf gibt, Betroffenen zu helfen, belegen die Zahlen. 252 Suchtkranke fanden den Weg zu den ausgebildeten Suchttherapeutinnen, Psychologinnen und Sozialarbeitern. 120 der suchtkranken Frauen und Männer sind alkoholabhängig. Gerade Corona habe vorhandene Probleme noch einmal verschärft, sagt die stellvertretende Leiterin Marianne Briegel. Die Leute mussten sich vermehrt zuhause aufhalten, und das hatte Folgen. „Alkoholkonsum ließ sich so nicht mehr verstecken“, sagt Schwarz. Auch die Gewalt in den Familien habe daher zugenommen.

Tabaksucht steht mit 71 Fällen der Beratenen an zweiter Stelle, gefolgt von Cannabis-Missbrauch (53). 17 Betreute griffen zu Stimulanzien wie Ecstasy, zehn zu Opioiden und elf litten unter Essstörungen. Auch pathologisches Glücksspiel, unkontrollierter Medienkonsum oder Kokainmissbrauch spielen eine gewisse Rolle.

Marianne Briegel ist stellvertretende Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle in Mindelheim.
Bild: Johann Stoll

Die Beratungsstelle ist nun von Montag bis Freitag geöffnet und nicht mehr nur zweieinhalb Tage die Woche. „Das Thema Sucht war schon immer mitten in der Gesellschaft“, sagt Schwarz. Die Zahl der Suchtkranken nehme nicht zu, weil die Beratungsstelle ihr Angebot ausgeweitet habe. Aber geholfen werden kann den Betroffenen besser.

Die Psychosoziale Beratungsstelle will mit den Ratsuchenden einen Weg aus der Sucht finden

Wer sich an die Beratungsstelle wendet, der kann sicher sein: Vorwürfe bekommt er keine zu hören. „Wir haben keine Erwartungen“, formuliert es Schwarz. Aber sie und ihre Kolleginnen und Kollegen wollen wissen, was der Mensch, der vor ihnen sitzt, erreichen möchte. Mit dem Schnaps aufhören, aber hin und wieder ein Bier trinken, könnte so ein Ziel sein. „Wir machen uns dann gemeinsam auf den Weg.“ Sie wollen Veränderung erreichen, sagt Briegel.

Eine Suchterkrankung kann Familien zerstören, den Arbeitsplatz und den Führerschein kosten. Der mögliche Verlust des Führerscheins wirkt bei jungen Leuten übrigens besonders motivierend, die eigene Sucht in den Griff zu bekommen. Der Leidensdruck muss aber erst richtig groß sein, bis Betroffene es schaffen, etwas in ihrem Leben zu ändern.

Die jüngste Klientin der Mindelheimer Beratungsstelle war erst 13 Jahre alt

Um so schöner sei es, miterleben zu dürfen, wenn es jemand geschafft hat. Einer ihrer Klienten hat Sonja Schwarz einmal gesagt, die Sucht habe sein ganzes Leben zerstört. Jetzt aber lebe er bewusster und achtsamer und genieße jeden Moment. Betroffen von Sucht sind alle Altersgruppen, am wenigsten allerdings die über 60-Jährigen.

Jüngster Klient übrigens war eine 13-Jährige, die Cannabis und die Partydroge Speed konsumiert hat. Überwiegend sind es mit einem Anteil von 65 Prozent aber Männer, die Suchtprobleme haben. Es sind auch nicht zwingend Menschen mit niedrigem Einkommen. Die größte Gruppe ist die der Arbeiter, Angestellten und Beamten. Mit Abstand folgt die Gruppe der Empfänger von Arbeitslosengeld.

Was aber begünstigt Suchtverhalten? Marianne Briegel sagt, vieles liege in der Familie. Wie werden Konflikte angegangen? Gibt es Wertschätzung, Anerkennung? Vor diesem Hintergrund nimmt bei der Psychosozialen Beratungsstelle Prävention in Schulen eine wichtige Rolle ein. Auch wer am Arbeitsplatz mitbekommt, dass ein Kollege ein Suchtproblem hat, sollte nicht wegsehen. „Es ist wichtig, dass man drüber spricht“, sagt Schwarz. Etwa in der Art: Mir ist aufgefallen, dass du viel Alkohol trinkst. Geht es dir gut? Passt alles? Ich mache mir Sorgen, was ist los? Vorwürfe und Kritik brächten aber nichts.

Wie es ist, süchtig zu sein und wie man Kinder stark gegenüber Süchten machen kann, lesen Sie hier:

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