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Mindelheim

10.02.2019

Hier werden Kinder fit gemacht für die Schule

Wie der Kopfschmuck deutlich zeigt, beschäftigen sich die Kinder der Mäusegruppe gerade mit dem Leben der Indianer. Zusammen mit Heilpädagogin Brigitte Grasl wärmen sich Roman, Daniel, Veronika, Tamara, Elissa, Albion, Florian, Julian, Raphael und André die Hände am Lagerfeuer.
Bild: Sandra Baumberger

In der Schulvorbereitenden Einrichtung in Mindelheim sollen Kinder mit Förderbedarf die Hilfe bekommen, die sie für den Schulstart benötigen.

In den nächsten Wochen werden sich wahrscheinlich wieder einige Eltern bei Sabine Orth und Maria Kunz melden. Denn an den Grundschulen laufen bereits die Vorbereitungen für das neue Schuljahr. Es wird entschieden, welche Kinder eingeschult werden – und welche besser noch nicht. Manche von ihnen sind noch nicht so weit wie die anderen Vorschüler: Einige reden auffallend schlecht oder wenig, andere stolpern oft und wieder anderen fällt es ungeheuer schwer, still zu sitzen und sich zu konzentrieren.

Und das ist dann der Moment, in dem nicht selten die beiden Sonderschulpädagoginnen ins Spiel kommen. Sie leiten die sogenannte „Schulvorbereitende Einrichtung“ (SVE) der Schwabenhilfe in Mindelheim. Kinder, die einen Förderbedarf haben, werden dort fit gemacht für die Schule.

Je früher die Kinder in die SVE kommen, desto mehr Zeit bleibt für die Förderung

Allerdings wäre es Sabine Orth lieber, die Kinder kämen nicht erst, wenn sie von der Einschulung zurückgestellt wurden. Denn dann bleibt ihr und ihrem Team nur ein knappes Schuljahr, um „Schwächen zu schwächen und Stärken zu stärken“. „Entwicklung braucht Zeit“, sagt sie und betont: „Wir haben hier keine schwierigen Kinder, sondern Kinder, die für manches ein bisschen mehr Zeit brauchen.“ Und die bekommen sie in der SVE.

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Auf den ersten Blick wirkt das Haus in der Mindelheimer Homannstraße wie ein gewöhnlicher Kindergarten: bunte Figuren an der Treppe zur Tür, in den Fenstern Basteleien der Kinder, drinnen eine Igel-, eine Bienen-, eine Bären- und eine Mäusegruppe. Doch in den Gruppen, zu denen höchstens elf Kinder gehören, stehen keine Erzieherinnen, sondern Heilpädagoginnen. „Die Kinder werden sehr individuell betrachtet“, erklärt Maria Kunz. „Sie kriegen die Hilfe, die sie benötigen.“ Jedes hat einen eigenen Förderplan. „Es muss nicht jeder alles können.“ Einer spricht den Reim vielleicht schon ganz, bei einem anderen sind einzelne Wörter schon ein Erfolg. Denn auch darum geht es: Die Kinder sollen Erfolgserlebnisse haben, die sie bisher oft nicht kannten.

In der Igelgruppe geht es an diesem Morgen nach der Begrüßung um das Leben der Indianer. Mit dem selbst gebastelten Kopfschmuck verwandeln sie sich unter anderem in „Schlauer Fuchs“, „Schneller Hase“ und „Leiser Wind“. Sie erlegen mit ihren Weiden-„Speeren“ einen papierenen Bison, braten hölzerne Fische am „Lagerfeuer“ und schlagen mit Blasrohren zwei gefährliche Karton-Schlangen in die Flucht.

Beim Spielen trainieren die Kinder in Mindelheim das Sprechen

Was wirkt wie ein Spiel, an dem die Kinder sichtlich Spaß haben, ist tatsächlich eine große Übung: Wenn die Kinder durchs Blasrohr pusten, schult das die Mundmotorik und die ist wichtig fürs Sprechen. Wenn alle Indianer zur Trommel von Heilpädagogin Brigitte Grasl reiten und spähend stehen bleiben, sobald sie damit aufhört, müssen die Kinder das Gehörte mit der richtigen Aktion verbinden: weiterreiten oder stehen bleiben. Nach der gemeinsamen Brotzeit dürfen die Kinder frei spielen – und Brigitte Grasl hat Zeit, um die Kinder einzeln zu fördern: zum Beispiel mit einem Würfelspiel, wenn es bei den Mengen noch hakt oder indem sie gemeinsam Silben klatschen, um die Sprache zu trainieren.

Den Kindern fällt das nicht weiter auf. So wie auch die Kinder auf den ersten Blick nicht weiter auffallen. Denn entgegen der Befürchtung mancher Eltern sind sie weder körperlich noch geistig behindert. Viele von ihnen besuchen nachmittags einen Regelkindergarten, weil die SVE als schulische Einrichtung nur bis mittags geöffnet hat. „Wir sind sehr dankbar, dass die Regelkindergärten so gut mit uns kooperieren“, sagt Sabine Orth.

Mit der SVE ist der Weg zur Förderschule keineswegs vorgezeichnet

Nicht selten fallen die Defizite der Kinder dort erst auf und die Eltern bekommen den Tipp, sich an die SVE zu wenden. Davor scheuen viele Eltern jedoch erst einmal zurück, ist die Erfahrung der beiden Leiterinnen.

Vielleicht, weil die Eltern sich erst an den Gedanken gewöhnen müssen, dass ihr Kind in manchen Bereichen noch ein wenig Nachholbedarf hat. Und vielleicht auch, weil sie die SVE als Sondereinrichtung wahrnehmen und glauben, dass damit der Weg zur Förderschule vorgezeichnet ist. Tatsächlich, so Maria Kunz, ist aber das Gegenteil der Fall: Zwischen 60 und 70 Prozent der Kinder besuchen nach der SVE die Regelschule.

Die SVE bietet am Sonntag, 17. Februar, von 14 bis 16.30 Uhr in ihren Räumen in der Homannstraße 4 in Mindelheim einen Tag der offenen Tür. Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 08261/9310, im Internet unter www.sfz-mindelheim.de/sve sowie per E-Mail an sve-mindelheim@schwabenhilfe.de.

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