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Mindelheim

14.01.2019

Hilfe für Helfer im Unterallgäu: Wenn die Seele brennt

Ob bei Unfällen oder Bränden: Feuerwehrleute haben bei Ihren Einsätzen bisweilen belastende Erlebnisse.
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Ob bei Unfällen oder Bränden: Feuerwehrleute haben bei Ihren Einsätzen bisweilen belastende Erlebnisse.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Der Kreisfeuerwehrverband Unterallgäu steht Kameraden nach belastenden Einsätzen zur Seite.

130 Feuerwehren mit 5600 Feuerwehrleuten gibt es im Landkreis. Die Zeiten, wo zu Weihnachten Hochkonjunktur war, weil Christbäume brannten, sind längst vorbei. Die sogenannte technische Hilfeleistung macht die Hälfte der Einsätze aus. Hinter diesem technokratischen Ausdruck verbergen sich oft grausame Bilder nach Unfällen und unendlich viel Leid. Diese Eindrücke wird jeder Feuerwehrmann oder jede -frau anders verarbeiten. Viele Jahre wurden sie allein gelassen und hatten oft schwere psychische Probleme.

Um das künftig zu vermeiden, versucht nun eine Art Selbsthilfegruppe im Kreisfeuerwehrverband, die Psychosoziale Notfallversorgung-Einsatzkräfte (PSNV-E), die Feuerwehrleute auf belastende Einsätze vorzubereiten, beziehungsweise das Erlebte aufzuarbeiten. Fachbereichsleiter Hermann Hesse und sein Stellvertreter Marc-Henning Eggert, beide aus Mindelheim, bauen die Gruppe gerade auf. Der Fachbereich ergänzt das Nachsorgeteam der Feuerwehr Memmingen.

Früher blieben die Feuerwehrleute im Unterallgäu mit ihren Erlebnissen allein

Hesse ist aufgrund eigener Erfahrung von der Notwendigkeit dieser psychologischen Betreuung der Feuerwehrkameraden voll überzeugt. „Der erste tiefe Einschnitt ist meist die Konfrontation mit dem ersten Toten“, sagt er und erinnert sich an einschneidende Erlebnisse. Er war 1982 noch blutjung und kam zu seinem ersten Unfall mit einem Toten. Da sind noch weitere Bilder. Zwei Personen waren eingeklemmt. Der Ehemann saß noch auf dem Fahrersitz, seine Frau hatte es nach hinten geschoben. Er war schwer verletzt, sie tot. „Erst als wir die Türe offen hatten, sah ich, dass der Mann die Hand der Frau hielt, die aus den Trümmern ragte“, sagt Hesse. Sie mussten erst einmal den Mann überzeugen, die Hand der Frau loszulassen, damit sie ihn aus dem Wrack ziehen konnten. Und der sagte noch zu seiner Frau, „bis nachher“. Allen Beteiligten sei klar gewesen, dass es ein Abschied für immer sein wird. Und ähnlich mitgenommen habe ihn der schreckliche Unfall nach dem Umzug bei einem Frundsbergfest, als ein Autofahrer in eine Familie fuhr. Damals seien er und Eggert als Ersthelfer am Unfallort gewesen.

„Früher blieb der Feuerwehrmann mit seinen Eindrücken so ziemlich allein“, stellte Hesse fest und begründet damit auch seinen Einsatz für die psychologische Betreuung. Der Kreisfeuerwehrverband habe nun im vergangenen Jahr die PSNV-E ins Leben gerufen. Derzeit sei man in der Aufbauphase. Begonnen haben Hesse und Eggert mit zehn Kräften. Bei einem Seminar hätten sich nochmals zehn gemeldet, so Hesse, sodass die Gruppe nun flächendeckend arbeiten könne. Dabei gehe es nicht nur um die Nacharbeit nach einem Unfall, sondern auch darum, die Kameraden schon im Vorfeld auf das vorzubereiten, was sie bei einem Einsatz erwarten könnte. Dies gelte nicht nur für den einfachen Feuerwehrmann, sondern auch für die Führungskräfte. Und die hätten ja auch eine besondere Verantwortung. Hesse nannte dies „vorbeugenden Brandschutz für die Seele“.

Jeder Mensch verarbeite Extremsituationen anders. Und Hesse resümierte: „Selbst die härtesten Brocken sind nachher traumatisiert.“

Es geht auch darum, die Unterallgäuer Helfer auf Extremsituationen vorzubereiten

Dabei gelte es verschiedene Strategien zu entwickeln. Nach einem emotionalen Ereignis ströme eine Flut von Bildern in den Kopf des Feuerwehrmannes. In der Ruhephase würden diese Bilder wiederkehren. Es gelte eine gewisse Ordnung in das Gedächtnis zu bringen, damit das Erlebte rational verarbeitet werden könne. Dazu gebe man Hilfestellung.

So ist man heute schon ein Stück weiter. Bei einem Gespräch mit einem Feuerwehrmann, der ebenfalls zu den Anfangszeiten drei Tote aus einem brennenden Auto ziehen musste, war dies noch anders. „Wir haben nach dem Einsatz miteinander geredet. Das war gut, aber keiner hat Schwäche gezeigt, denn ein Feuerwehrmann zeigt keine Gefühle“, so dachte man damals.

Die PSNV-E-Kräfte gehen nun in die Ortsfeuerwehren und versuchen, die Einsatzkräfte auf diese Extremsituationen vorzubereiten. Die Kommandanten hätten die Problematik erkannt und würden die Fachkräfte verstärkt einladen.

Feuerwehrleute, die nach einem Einsatz traumatisiert seien, könnten sofort nach dem Einsatz Hilfe anfordern. Man suche dann das persönliche Gespräch. Es gebe aber auch die Möglichkeit, sich per E-Mail an die Psychosoziale Notfallversorgung zu wenden.

Ihr Rüstzeug bekommen die Mitglieder der Notfallversorgung bei speziellen Seminaren auf Bezirks- und Landesebene. Schließlich sei die Notfallversorgung auch Bestandteil des Bayerischen Feuerwehrgesetzes. Nach Meinung von Hesse sei man in Schwaben gut aufgestellt. Wobei natürlich die beste Lösung immer noch die ist, dass keine schweren Unfälle passieren. Aber dies bleibe mit Blick auf unsere Straßen wohl eine Utopie.

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