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Interview

04.08.2015

„Ich lebe nicht in der Vergangenheit“

Tennisplatz statt Schießstand: Silvia Sperber-Seiderer fiebert jetzt als Vorstandsmitglied des TTC Bad Wörishofen bei den Spielen ihres talentierten Sohnes Maximilian mit. „Schießen war ihm zu langweilig“, sagt die Olympiasiegerin.
Bild: Anja Worschech

Die Olympiasiegerin und Schießsport-Legende Silvia Sperber-Seiderer engagiert sich mittlerweile in Bad Wörishofen im Tennissport. Über das Leben im Rampenlicht – und die Zeit danach

Silvia Sperber-Seiderer ist eine Schießsport-Legende. Sie holte 1988 bei den olympischen Sommerspielen in Seoul in Südkorea die Goldmedaille im Kleinkalibergewehr und die Silbermedaille in der Disziplin Luftgewehr. Sie war als Spitzensportlerin viel auf Reisen, durchlebte Höhen und Tiefen und kämpfte sich nach einer Pause durch hartes Training wieder an die Weltspitze. Statt am Schießstand, sieht man Sperber-Seiderer nun allerdings immer öfter auf dem Tennisplatz. Die Olympiasiegerin gehört zwischenzeitlich dem Vorstand des TTC Bad Wörishofen an und fiebert dort bei Tennismatches ihres Sohnes mit. Das Schießen lässt sie aber bis heute noch nicht komplett los.

Es ist jetzt 20 Jahre her, dass Sie ihre Sportlerkarriere beendet haben. Was macht eine so erfolgreiche Olympiasiegerin heute?

Sperber-Seiderer: Heute arbeite ich in einer Zimmerei in der Buchhaltung. Mit dem Schießen kann man nicht so lange Geld verdienen. Gut, immerhin habe ich deshalb heute ein Haus, das ich vorher nicht gehabt habe. Aber vor allem war ich sehr lang für meine Kinder da, die heute 21 und 17 Jahre alt sind. Meinen Sohn fahre ich seit fünf Jahren regelmäßig nach Wörishofen in den Tennisclub. Seit letztem Jahr bin ich hier auch in der Vorstandschaft als zweite Jugendleiterin. Mein Leben besteht eigentlich aus meiner Familie, der Arbeit und dem Sport.

„Ich lebe nicht in der Vergangenheit“

An welche Erlebnisse aus Ihrer Sportlerkarriere erinnern Sie sich noch heute besonders gern?

Sperber-Seiderer: Die drei Olympischen Spiele sind mir noch sehr präsent. Die waren natürlich etwas ganz Besonders, weil alle Sportler dort waren, also auch Schwimmer und Boxer. Sogar Boris Becker und Steffi Graf habe ich damals gesehen. Da war es egal, ob man schließlich gewonnen hat oder nicht. Ein großartiges Erlebnis.

Spielt der Sport generell noch eine große Rolle in Ihrem Leben?

Sperber-Seiderer: Ja, die Bewegung zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch mein Leben. Früher habe ich viele Waldläufe gemacht, Squash gespielt und bin ins Fitnessstudio gegangen. Dass ich körperlich fit war und auch Kondition hatte, war ganz wichtig für das Schießen. Auch heute gehe ich noch gern zwei bis drei Mal die Woche Joggen und auch körperliches Training ist immer noch ein fester Bestandteil in meinem Alltag. Und bis heute kann mich echt fast jede Sportart begeistern. Auch bei Tennisspielen des TTC Bad Wörishofen bin ich, wenn es geht, mit dabei.

Und inwieweit sind Sie noch mit dem Schießen verbunden?

Sperber-Seiderer: Mit dem Gewehr schießen kann ich gar nicht mehr, wegen eines Bandscheibenvorfalls. Deshalb habe ich jetzt hobbymäßig mit der Pistole angefangen. Das macht auch sehr viel Spaß und man ist damit nicht ganz weg aus dem Verein. Beim Schießsport gibt es ja auch immer ein sehr schönes Vereinsleben, da bin ich gern noch dabei.

Denken Sie noch oft an damals, an Ihren Gold-Wettkampf 1988?

Sperber-Seiderer: Das ist jetzt 27 Jahre her. Ich lebe nicht in der Vergangenheit – im Gegenteil. Aber letztens habe ich mir erst mit Freunden meiner Kinder die alten Fotoalben von Olympia angeschaut. Das sind dann schon sehr schöne Erinnerungen.

Was faszinierte Sie am Schießsport?

Sperber-Seiderer: Beim Schießen kann man total abschalten. Man ist dabei wie in einer eigenen Welt. Das konzentrieren von Kopf und Körper war schon sehr faszinierend. Man kämpfte beim Wettkampf gegen die Nervosität des eigenen Körpers an. Dieses Runterfahren hatte auch sehr viel mit mentaler Stärke zu tun.

Haben Sie dann auch als Familien-Mama Nerven wie Stahl?

Sperber-Seiderer: Ich war schon immer ein sehr ruhiger und ausgeglichener Mensch. Mich regt so schnell nichts auf. Das habe ich sicherlich auch durch das Sportliche gelernt. Und das kann man natürlich als Mama im Familienleben gut gebrauchen. Aber ich habe zum Glück sehr liebe Kinder.

Wie schwer war es für Sie nach ihrem Ende als internationale Profisportlerin 1995 wieder in den Alltag zu finden, fällt man da erstmal in ein Loch?

Sperber-Seiderer: Im Gegenteil, ich war damals sehr froh, dass es endlich vorbei war. Es fiel mir immer schwerer wegzufahren, obwohl meine Tochter und mein Mann daheim waren. Ein Schlüsselerlebnis war es für mich, als meine Tochter einmal zu mir Oma sagte und meine Mutter Mama nannte. Dann war es für mich vorbei. Wenn man das 20 Jahre gemacht hat, ist auch irgendwann die Luft raus. Deshalb war es auch eher mit Erleichterung verbunden.

Wie groß war damals der Druck, zur Weltspitze zu gehören?

Sperber-Seiderer: Es war schon sehr schwierig, den Level zu halten, als nach dem Olympiasieg die öffentlichen Auftritte dazukamen. Reden und Autogrammstunden waren für mich als Dorfkind nicht leicht. Ich stehe nicht gern im Rampenlicht.

Haben Sie mit Ihrer Begeisterung für das Schießen auch Ihre Kinder angesteckt?

Sperber-Seiderer: Meine Tochter hat zeitweise auf Bayernebene professionell geschossen. Kathi wollte es mit einer Sportlerkarriere probieren aber es ist an ihren Nerven bei den Wettkämpfen gescheitert. Es ist auch nicht einfach, wenn man immer als Tochter einer erfolgreichen Olympiasiegerin gilt. Dann ist der Erwartungsdruck sehr groß. Und meinem Sohn Maxi war Schießen immer schon zu langweilig. Er spielt lieber Tennis. Ich wollte es meinen Kindern ermöglichen eine Sportlerkarriere einzuschlagen, aber ich bin keine Mama, die sie in diese Richtung drängt. Interview: Anja Worschech

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