1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Ich wollt’, ich wär ein Huhn ...

Ettringen

01.04.2018

Ich wollt’, ich wär ein Huhn ...

Copy%20of%20DSC04099.tif
3 Bilder
„Na endlich!“, scheinen die Hühner gackern zu wollen, als sie aus ihrem Stall ins Freie dürfen. Hier finden sie jede Mange Platz und Auslauf zum Scharren und Picken. Und das Gras, das sie so gerne fressen. Und davon fressen sie eine ganze Menge.
Bild: Alf Geiger

 Martina Schmid hält auf ihrem Hof in Ettringen 150 Legehennen, die aber längst nicht jeden Tag Eier legen. Warum viele der Hühner „Migrationshintergrund“ haben.

Mit einem entrüsteten, vielstimmigen „Gaaack“ stürmen die 150 Hennen ins Freie – endlich! Und auch wenn man dieses „endlich“ nicht so direkt hören kann – die Entrüstung ist den Hühnern irgendwie ins Gesicht geschrieben. Und dazu haben sie ja auch allen Grund: Immerhin mussten sie heute viel länger als sonst in ihrem Stall bleiben und durften nicht wie üblich frühmorgens schon raus ins Freie. Und das alles nur, weil ein Zeitungsreporter ein Foto machen will ...

Auf die Plätze, fertig – und auf geht die Stalltür und die Hühner stürmen ins Freie (ohne den lästigen MZ-Reporter auch nur eines Blickes zu würdigen ... Jetzt wird nach Herzens- bzw. Hühnerlust gescharrt, gekratzt, gepickt, gegackert und all das getan, was Hühner nun mal so gerne machen.

Die 46-jährige Martina Schmid schaut dem quirligen Treiben zu – und vergisst dabei fast, dass sie ja nicht wie sonst ganz alleine mit ihren Hühnern ist. Sie spricht mit ihren Tieren, fragt die eine, wie es ihr so geht. Streichelt der anderen über das Gefieder und lächelt zu ihrem stolzen Hahn hinüber, der mit breiter Brust dasteht, als wolle er sagen: „Aufgepasst! Ich bin hier der Herr im Haus, verstanden?!“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Nichts erinnert an Massentierhaltung

Es ist ein schönes, irgendwie gemütliches und fast romantisches Bild, das sich in diesem Moment bietet: Hier, auf dem Hof von Martina Schmid, den sie 1997 von ihren Eltern übernommen hat und seither im Nebenerwerb umtreibt – hier scheint die Welt noch in Ordnung und die bäuerliche Landwirtschaft noch mit sich im Reinen zu sein.

Hier erinnert so gar nichts an Massentierhaltung, an Legebatterien oder Überproduktion. Und das ist auch genau so, wie es sich Martina Schmid immer vorgestellt hat. Damals, als sie den Hof übernahm, stand für sie vor allem eines fest: „Ich wollte eine andere Landwirtschaft.“ Anders, okay. Aber wie anders? Sie probierte sich und die Möglichkeiten auf dem Hof aus, der früher mit 30 Milchkühen ein solides Auskommen bot.

Doch das war es nicht, was die alleinerziehende Mutter wollte – schon aus Zeitgründen sah sie keine Chance, eine große Landwirtschaft erfolgreich bewirtschaften zu können. Damals war „Bio“ auch in der Landwirtschaft noch eher exotisch und wurde von vielen konventionellen Bauern ebenso belächelt wie von den meisten Verbrauchern. Aber für Martina Schmid, die auf dem elterlichen Hof aufgewachsen ist, stand gleich fest, dass für sie eine alternative Form der Landwirtschaft genau das Richtige ist. Vielleicht war es der Respekt vor der Schöpfung, vielleicht auch die Liebe zu den Tieren – oder vielleicht auch eine Mischung aus beidem.

Bio nicht nur als Worthülse

Sie suchte ihre Nische: vielleicht mit Ziegen, oder mit Schafen – am Ende dann eben mit Hühnern. Bio sollte es sein, aber eben nicht nur als Worthülse. Bei Martina Schmid stehen 150 Hühner im Stall, plus die Hähne und ein paar Hühnern, die ihre gelegten Eier ausbrüten können. „Das gehört doch dazu und ist schön für die Hühner“, sagt Martina Schmid und sie sagt es so selbstverständlich, dass es ganz natürlich und völlig ungekünstelt klingt. Es klingt einfach so, wie es ist: Martina Schmid ist überzeugt von dem, was sie tut.

Jede Menge Platz und Auslauf haben ihre Hennen, darauf legt sie besonderen Wert. Auf der großen Wiese können sie picken, scharren und fressen, so viel sie wollen. Und das ist eine ganze Menge: Ein Huhn wiegt etwa 1,5 Kilogramm. Und etwa die gleiche Menge Gras frisst jedes Huhn – jeden Tag.

Sie hat sie gefunden, ihre Nische, in der sie sich wohlfühlt und die immer mehr auch wirtschaftlich den Erfolg bringt, den sie sich erhofft hat. Ihren Lebensunterhalt kann sie für sich und ihre drei Kinder davon bei Weitem noch nicht bestreiten. Aber vielleicht irgendwann?

Martina Schmid hat 150 Hühner, die jeden Tag Eier legen – meistens aber weniger. Im Schnitt legen bayerische Hennen pro Jahr 296 Eier – egal, ob wochentags oder sonntags. Denn, und das ist eine der Schattenseiten in der Landwirtschaft, egal welcher Ausrichtung: Einen Sonntag zum Ausruhen wie bei anderen Arbeitnehmer, den gibt es nicht.

Die Hähne sind schwieriger als die Hennen

Da kommt es der alleinerziehenden Mutter aber ganz recht, dass ihre Eltern beide noch rüstig genug sind, um ihr ein wenig auf dem Hof helfen zu können. Und hier gibt es schließlich eine ganze Menge zu tun, nicht nur wegen der 150 Hühner. Da sind ja auch noch zwei Mutterkühe, ein Jungrind, drei Kälbchen, zehn Mutterschafe, neun Lämmer, eine Katze, fünf Bienenvölker – und (natürlich!) fünf Hähne.

Diese fünf „Herren“ sind gar nicht so einfach zu behandeln, viel schwieriger jedenfalls als die Hennen“, sagt Martina Schmid mit einem unübersehbaren Schmunzeln. Fast wie im richtigen Leben halt... Und als wollte er den Beweis für diese Theorie liefern, baut sich ein stolzer Hahn vor uns auf, legt sich ins Kreuz und kräht ein „Kikeriki“, dass es nur so eine Pracht ist. Wie fast alle Tiere hier, so hat auch dieser Hahn seine eigene Geschichte: Er ist gebürtiger „Italiener“, ein Geburtstagsgeschenk für den neunjährigen Sohn Noah, der selbst auch schon gerne auf dem Hühnerhof mithilft.

Und, wie das nun mal so ist im richtigen Leben, sorgte der südländisch-heißblütige Hahn fleißig für Nachkommen – so kommt es, dass einige der Legehennen auf dem Schmid-Hof jetzt gewissermaßen „Migrationshintergrund“ haben...

Bei aller Beschaulichkeit und Tierliebe – mit Romantik alleine ist es auch hier nicht getan. Höchste Qualitätsansprüche an Nahrung, Haltung, Hygiene und Tierschutz sind auch auf dem Hof von Martina Schmid unverzichtbar.

Einen Laden braucht sie nicht

Zu streng sind die Kontrollen durch die Behörden, um sich hier einen Ausreißer erlauben zu können. Vor allem aber ist es das Vertrauen ihrer vielen Stammkunden, das für Martina Schmid an oberster Stelle steht.

Sie verkauft tatsächlich alle Eier, die ihre Hühner täglich legen, in Direktvermarktung an Bürgerinnen und Bürger aus Ettringen. Und die sind gerne bereit, für ein Schmid-Ei 30 Cent zu bezahlen. Einen Laden braucht Martina Schmid dazu aber gar nicht – und das ist wieder so eine ganz besondere Geschichte.

Vor ihrer Haustür in der Blumenstraße 12 steht eine Kühlbox. Da sind mehrere Eierschachteln drin, gefüllt mit frisch gelegten Eiern. Wer in Ettringen frische Eier braucht, holt sie sich hier. Und wer Honig aus eigener Imkerei sucht, wird hier auch fündig.

Das Geld steckt er dann in das kleine Säckchen, das an der Eierbox hängt. Das klappt prima. Vertrauen eben. Und noch nie habe auch nur ein Cent gefehlt, sagt Martina Schmid. Hier scheint die Welt wirklich noch in Ordnung zu sein.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_spitalhof_020a.tif
Landwirtschaft

Alternativen zur Anbindehaltung

ad__pluspaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live, aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Plus+ Paket ansehen