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Bad Wörishofen

17.02.2021

Impfzentrum Bad Wörishofen: Astrazeneca ist da – und die Skepsis

Im Impfzentrum Bad Wörishofen werden nun die Impfstoffe von drei Herstellern genutzt.
Foto: Ulrich Wagner

Plus Im Impfzentrum Bad Wörishofen lassen manche ihren Impftermin verstreichen, weil sie den neuen Impfstoff nicht wollen. Andere möchten früher geimpft werden. Die neue Härtefallkommission trifft dazu erste Entscheidungen.

Drei Corona-Impfstoffe stehen nun im Impfzentrum Bad Wörishofen zur Verfügung. Eigentlich eine gute Nachricht. Doch offenbar wächst das Misstrauen gegen den Corona-Impfstoff von Astrazeneca. Gleich in mehreren Fällen haben Menschen Impftermine für Astrazeneca wieder abgesagt, andere kamen einfach nicht zum vereinbarten Termin. Polizisten mussten einspringen, damit der vorbereitete Impfstoff nicht weggeworfen werden muss. Die Impftermine selbst sind weiter enorm begehrt – so sehr, dass nun eine Härtefallkommission ihre Arbeit aufgenommen hat, weil immer wieder Bürger früher als vorgesehen geimpft werden wollen.

Das Impfzentrum in dem ehemaligen Möbelhaus in Bad Wörishofens Gewerbegebiet arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb. Seit einer Woche wird dort auch der Corona-Impfstoff von Astrazeneca verabreicht. 400 Dosen hat Dr. Max Kaplan davon für die erste Woche erhalten. Kaplan ist der Koordinator der Unterallgäuer Impfzentren in Bad Wörishofen und Memmingen. Über 1000 Dosen kamen für den gleichen Zeitraum vom Hersteller Biontech-Pfizer, weitere 300 Dosen vom Impfstoffproduzenten Moderna. Mit dem Vakzin von Astrazeneca habe man ambulante Pflegeteams und Praxisteams geimpft, zudem Kliniken beliefert. Nun stehe noch die Impfung in einer Behinderteneinrichtung an, berichtet Kaplan. Weil sich zuletzt Berichte über Nebenwirkungen mehrten und der Astrazeneca-Impfstoff im Vergleich zu Biontech und Moderna eine geringere Wirksamkeit zeigt, steigt offenbar die Skepsis. Einige hätten ihre Impftermine deshalb wieder abgesagt, berichtet Kaplan. Etwa zehn Termine seien insgesamt weggefallen. „Das ist schon eine ganze Menge“, sagt Kaplan. „Leider kamen auch manche ohne Absage nicht“, schildert der Arzt. Weil die Impfdosen aber schon vorbereitet waren, mussten Ersatzpersonen einspringen. Polizisten wurden deshalb kurzfristig geimpft. Sie stehen auf der Rückfallliste, ebenso Mitglieder des Technischen Hilfswerkes und Rettungskräfte. Fünf oder sechs Dosen mussten auf diese Weise verimpft werden, so Kaplan.

Dr. Max Kaplan koordiniert das Impfzentrum Bad Wörishofen. Vor einigen Wochen hat er einen holprigen Impfstart vorhergesagt.
Foto: Wagner (Archiv)

Kaplan sagt, die allgemeine Verunsicherung in Sachen Astrazeneca sei „nachvollziehbar“, weil der Impfstoff in Studien eine geringere Wirksamkeit aufweise als Biontech oder Moderna. In Deutschland darf er nur unter 65-Jährigen verabreicht werden. Eine Wahlmöglichkeit gibt es nicht. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek hat eine solche am Mittwoch abgelehnt. „Astrazeneca ist ein guter und sicherer Impfstoff“, sagte Holetschek nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa. Neuere Ergebnisse zeigten schon eine Wirksamkeit von 82 Prozent nach der zweiten Impfung, berichtet Kaplan. Diese verabreicht das Impfzentrum Bad Wörishofen nach zehn Wochen. Darauf habe man sich geeinigt, nachdem mittlerweile Astrazeneca selbst einen Zeitraum zwischen sechs und zwölf Wochen empfehle.

Im Impfzentrum Bad Wörishofen hat Koordinator Kaplan "noch keine einzige Komplikation" nach Impfungen erlebt

Auch Berichte über Impfreaktionen sorgten zuletzt für Verunsicherung. In Dortmund meldete sich ein Viertel der Rettungsdienstmitarbeiter nach der Impfung krank. In Niedersachsen stoppten mehrere Krankenhäuser am Dienstag vorübergehend die Impfungen, weil es ungewöhnlich viele Nebenwirkungen unter den Mitarbeitern gegeben hatte. Virologe Christian Drosten verteidigte dagegen den Impfstoff im Podcast „Coronavirus-Update“.

21.12.2020, Pressetag im Unterallgäuer Corona-Impfzentrum  in Bad Wörishofen, im ehemaligen Möbelhaus im Gewerbegebiet. Eingangsbereich.
17 Bilder
So sieht das Unterallgäuer Corona-Impfzentrum in Bad Wörishofen von innen aus
Foto: Bernd Feil

In Bad Wörishofen betont Max Kaplan, Astrazeneca sei ein „bewährter Wirkstoff“, das Verfahren sei bereits gegen Ebola und Dengue eingesetzt worden, ohne große Nebenwirkungen. Im Impfzentrum Bad Wörishofen habe er bislang „noch keine einzige Komplikation“ nach den Impfungen erlebt, sagt Kaplan. Das gelte für alle drei dort verimpften Vakzine. „Die Impfungen wurden sehr gut vertragen“, berichtet der Arzt. Nur wenige seien nach der ersten Impfung matt oder müde, vereinzelt gebe es Kopfschmerzen. Beim Biontech-Impfstoff könnten sich diese Symptome nach der Zweitimpfung verstärken. „Das ist aber bekannt und wir weisen die Menschen auch darauf hin.“ Was bislang beobachtet wurde, seien „ganz normale Impfreaktionen“, schildert Kaplan.

Täglich werden im Impfzentrum Bad Wörishofen 132 Personen gegen Corona geimpft

1826 Impfungen wurden bis zum 15. Februar im Impfzentrum Bad Wörishofen verabreicht, wie Kaplan am Mittwoch berichtete. Das bayerische Gesundheitsministerium teilt ergänzend mit, zum 15. Februar seien 1260 Impftermine für eine Erst- oder Zweitimpfung für das Impfzentrum in Bad Wörishofen beziehungsweise 1592 für das Impfzentrum in Memmingen vereinbart. In diesen Zahlen sind die Impftermine in Einrichtungen, wie beispielsweise in Alten- und Pflegeheimen, nicht enthalten. Man impfe derzeit in drei Schichten an sechs Tagen der Woche, berichtet Kaplan. Nur am Sonntag bleibe das Impfzentrum geschlossen, weil immer noch nicht genug Impfstoff zur Verfügung stehe. Täglich impfe man in Bad Wörishofen 132 Personen, sagt Kaplan. Das ist die Zahl für die Erstimpfungen. Dazu kämen pro Tag noch etwa 60 Zweitimpfungen. Das Impfzentrum Bad Wörishofen selbst werde nun ausgebaut, um künftig 850 Impfungen pro Tag zu ermöglichen, statt 600, wie bisher.

Erste Impfungen im Unterallgäuer Corona-Impfzentrum in Bad Wörishofen gab es am Freitag. Dr. Heinz Leuchtgens, ärztlicher Leiter des Wörishofer Impfzentrums zieht eine Injektionsspritze auf.
Foto: Bernd Feil

Kaplan gibt je nach vorhandener Impfstoffmenge Impftermine für das automatische Reservierungssystem frei. Ihm sei kein Fall bekannt, in dem sich jemand vorgedrängelt hätte, sagt Kaplan mit Blick auf die bekannt gewordenen Fälle in Schwaben.

„Wir haben aber natürlich schon den Wunsch von Bürgern, bevorzugt behandelt zu werden“, sagt Kaplan. Deshalb gibt es nun eine Härtefallkommission. Diese trägt offiziell den Titel „Kommission für Einzelfallentscheidungen zur Priorisierung“. Laut Landratsamt besteht diese Kommission aus Max Kaplan, Landrat Alex Eder, der Juristin Doris Back vom Landratsamt und Frank Rattel, der im Landratsamt für die Impfzentren zuständig ist. Zwei Mal habe diese Kommission mittlerweile getagt, berichtet Kaplan. Sie treffe Entscheidungen, wenn etwa nicht klar sei, zu welcher Prioritätengruppe jemand gehört. Das könne passieren, wenn beispielsweise eine Vorerkrankung nicht in der Impfverordnung erfasst ist, schildert das Landratsamt. 15 Fälle wurden bereits entschieden. Wer sich an die Kommission wenden will, könne dies übers Landratsamt tun.

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