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Hundstage

16.08.2017

Innere und äußere Werte

Wenn Frauchen lange Reden hält, kann Molly das Gähnen manchmal nicht mehr unterdrücken. Immerhin sind solche Ansprachen äußerst selten.
Bild: Ulla Gutmann

Eine wahre Geschichte über unsichtbare Menschen und einen Bordercollie, der einfach ignoriert wird.

Als ich neulich mit meinem Hund spazieren ging, begegnete mir eine junge Familie mit zwei Kindern im Grundschulalter. „Was für ein süßer Hund!“, rief das kleine Mädchen begeistert. „Darf ich ihn streicheln?“

Ich nickte, geschmeichelt, dass mein Bordercollie über solch ein attraktives Äußeres verfügt. Es entwickelte sich daraufhin ein Gespräch über Hunde. Als man sich verabschiedet hatte, sprach ich zu meinem Hund, der ungeduldig darauf wartete, den Spaziergang fortzusetzen: „Wie du siehst, werden wir beide aufgrund deines hübschen Aussehens noch wahrgenommen, obgleich einer von uns beiden im unsichtbaren Alter ist.“

Als mein Hund mich daraufhin etwas irritiert ansah, versuchte ich zu erklären: „Als Mensch, geboren in der Mitte des vergangenen Jahrtausends, gehört man zu den grauen Elementen unserer Zeit. Man passt ins Stadtbild wie ein alter Baum oder ein altes Haus. Man wird eigentlich nur noch verschwommen registriert – es sei denn, man verschwindet eines Tages für immer.“

Mein Hund, der so lange Ansprachen von mir nicht gewöhnt ist, war sichtlich ergriffen und vergaß zu wedeln. „Deshalb“, fuhr ich fort, „habe ich dich gekauft, auffällig schwarz und weiß gefleckt, damit ich auch ohne Zebrastreifen einigermaßen sicher die Straße überqueren kann.“

Mein Hund gähnte vor Langeweile und wir setzten den Spaziergang fort. Plötzlich hörte ich von der anderen Straßenseite eine helle Stimme meinen Namen rufen. Ein schlaksiger, junger Mann lief auf mich zu und fragte verschmitzt, ob ich mich noch an ihn erinnere. Nach kurzer Überlegung erkannte ich hinter dem lustigen Jungengesicht die Gesichtszüge eines kleinen, frechen und faulen Rabauken, der mir als Lehrerin das Leben schwer gemacht hatte. Ich musste grinsen und wir fanden sogleich den alten, vertrauten Schüler-Lehrer-Modus im Gespräch wieder. Als wir freundschaftlich auseinandergingen, saß mein Hund sichtlich verstört am Gartenzaun, entsetzt über die Tatsache, dass er völlig ignoriert worden war.

„Tja, mein Lieber“, dozierte ich, „nicht nur das Äußere ist entscheidend, es sind die inneren Werte, die zählen.“ Mein Hund blinzelte und ich sah ihm an, was er dachte: „Sei froh, dass du mich hast, denn auf der Straße zählen die inneren Werte nicht.“

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