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Unterallgäu/Mindelheim

16.05.2018

Ist Politik im Unterallgäu reine Männersache?

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Petra Beer
Bild: Leonie Küthmann

In den Parteien und in der Politik sind Frauen immer noch nicht ausreichend repräsentiert. Wie Politikerinnen aus dem Unterallgäu die Situation sehen

Wie ist Ihr Eindruck von Frauen in der Kommunalpolitik?

Petra Beer (Bezirksrätin aus Memmingen, SPD): Ich habe immer das Gefühl, dass Frauen zögerlicher sind, wenn es darum geht, in die Politik zu gehen. Dass sie sich fragen: „Kann ich das überhaupt?“ Das würde sich kein Mann denken.

Doris Kienle (Kreisrätin aus Ottobeuren, Bündnis 90/Die Grünen): Das kann ich nicht bestätigen. Wir kriegen viele Anfragen. Ich schöpfe Hoffnung daraus, dass die Frauen anfangen, aufzustehen.

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Marlene Preißinger (Bürgermeisterin in Unteregg, Freie Wähler): Man muss außerdem auch sehen, dass Frauen oft von Frauen gewählt werden. Frauen sind auch einfach vielseitiger.

Christine Vogginger (Kreisrätin aus Kirchheim, CSU): Frauen sind ja auch oft im Elternbeirat oder im Pfarrgemeinderat vertreten. Dass sie nicht in die Politik wollen, liegt auch daran, dass die Politik so schlecht beleumundet ist.

Doris Kienle: Ja, man setzt Frauen da ein, wo die Männer versagt haben.

Der Frauenanteil in politischen Positionen und Ämtern ist ja dennoch deutlich geringer. Woran liegt das?

Beer: Ja, das stimmt, schon in den Parteien ist der Frauenanteil zu gering. Frau Merkel sprach von 25 Prozent in der CSU, für die SPD kenne ich die Zahlen nur für Schwaben und die liegt bei 34 Prozent.

Kienle: ... dabei sind wir ja eigentlich die Mehreren ...

Preißinger: Ich denke, dass es daran liegt, dass niemand sich binden möchte. Gerade, wenn Frauen Kinder haben.

Vogginger: Frauen wollen sich engagieren, aber irgendwo, wo sie ein schnelles Ergebnis sehen. Bei Parteien ist das schwierig, viele Frauen fragen sich: „Was mache ich da?“ Die Hemmschwelle ist größer, weil mit Politik etwas Negatives verbunden wird. Dabei muss ich den Frauen sagen: Ihr könnt das alle! Lasst Euch auf Listen setzen, schnuppert rein. Das zu kommunizieren, ist die Aufgabe der Politikerinnen bis zur Kommunalwahl 2020. Wenn Frauen einmal festgestellt haben, dass ihnen die Kommunalpolitik liegt, können sie nach der „Familienphase“ immer noch Ernst machen..

Wie kann man Frauen für die Kommunalpolitik gewinnen?

Kienle: Man muss die Frauen einzeln ansprechen, damit drückt man dann auch eine Wertschätzung aus, die ankommt.

Beer: Grundsätzlich finde ich es gut und wichtig, wenn mit politischer Arbeit auf kommunaler Ebene begonnen wird. Nur so kann man lernen, was die Menschen bewegt.

Was ist das Sexistischste, was Ihnen bisher als Politikerin widerfahren ist?

Preißinger: Gar nichts.

Beer: Frauen werden natürlich generell eher sozialen Themen zugeordnet, Männern den Bereichen, in denen es um Zahlen geht.

Vogginger: Ja, wobei man das auch andersrum sehen kann, wenn ein Mann mit Themen wie Kindergärten betraut wird.

Kienle: Worüber ich mich früher immer sehr geärgert habe, ist, wenn nach meinem Redebeitrag der Chef des Hauses „meint“, meine Ausführungen noch mal erläutern zu müssen.

Frau Vogginger, was haben Sie als CSU-Politikerin gedacht, als Sie das das erste Mal das Foto von Horst Seehofer und seiner Führungsmannschaft im „Heimatmuseum“ gesehen haben?

Vogginger: Da habe ich lachen müssen und mir gedacht: Ne! Ja, bei der CSU ist noch Bedarf, da gibt es zu wenige Frauen ...

Beer: ...ja, aber Alibifrauen hätte man auch nicht dazustellen müssen.

Vogginger: Ich dachte mir aber, dass es nicht sein kann, dass es auf dieser Ebene keine Frauen gibt. Da hat einfach keiner aufgepasst. Es ist im Prinzip schade, dass es in der Politik kein Job-Sharing gibt, bei dem sich zwei Frauen eine Position teilen. Für das politische Leben braucht man Energie. Hat man als Frau noch Familie, Beruf und übt vielleicht ein Ehrenamt aus, sagen viele, dass sie das nicht schaffen.

Kienle: Ja, dann müssten die Männer vielleicht auch mal mehr Familienarbeit übernehmen.

Preißinger: Also ich kenne kaum einen Mann, der den Job des Hausmanns macht, damit die Frau in die Politik gehen kann.

Kienle: Ich schon, aber ich bewege mich ja in einem anderen Umfeld.

Preißinger: Ja, aber im normalen Umfeld gibt es das nicht. Frauen kommen erst in die Politik, wenn die Kinder groß sind.

Und das finden Sie besser?

Preißinger: Eventuell ja. Ich habe Lebenserfahrung mit Schulkindern, Jugendlichen, habe Alte und Kranke gepflegt und kann dementsprechend argumentieren und das nimmt mir jeder ab.

Beer: Ja, aber ein paar jüngere Frauen wären auch nicht schlecht.

Kienle: Manchmal sind Menschen ohne Erfahrung auch gut, weil sie einen anderen Blick auf die Dinge haben.

Preißinger: Als Bürgermeisterin braucht man aber Erfahrung.

Was ist denn, wenn ein junger Mann Bürgermeister wird? Ist das in Ordnung?

Preißinger: Mh, ja, da bin ich mir nicht sicher.

Vogginger: Ein Mann würde es wahrscheinlich einfach machen. Frauen wollen eher einen Plan.

Beer: Und denken eher an das Ergebnis.

Vogginger: Männer nehmen auch politisches Geplänkel, diese Attacken eher hin. Ich habe lange nicht kapiert, dass so etwas nicht persönlich gemeint ist, das ist halt so.

Kienle: Ja, das müssen wir lernen.

Was kann man denn noch lernen oder tun, um als Kommunalpolitikerin Erfolg zu haben?

Vogginger: Es gibt extra Programme für Frauen, die in die Politik gehen.

Kienle: Die Partei ist kein Freundeskreis...

Vogginger: Das haben Sie jetzt schön gesagt.

Kienle: Trotzdem ist es gut, sich Leute zu suchen, mit denen man gut auskommt. Außerdem sollte man sich in verschiedenen Dingen schlau machen, damit man Ahnung von Inhalten hat. Aber auch mal sagen können: „Das weiß ich nicht.“ Und Fehler eingestehen, ohne gleich im Boden zu versinken. Das müssen Frauen lernen.

Vogginger: Außerdem sollte man den eigenen Freundeskreis und andere Interessen nicht aufgeben, damit man keinen Tunnelblick bekommt.

Frau Kienle, die Grünen haben eine Frauenquote. Läuft es deshalb für Frauen besser?

Kienle: Wir hatten eine paritätische Liste bei den letzten Kommunalwahlen, trotzdem wurden nur zwei Frauen gewählt. Warum, weiß ich nicht.

Vogginger: Das liegt an der Bekanntheit.

Beer: Bei uns wurde auch hart um den „Reißverschluss“ gekämpft. Viele Männer fragen, wieso es den gibt und warum er eingehalten werden muss.

Kienle: Ja, es geht zwar mehr um die Bekanntheit, aber für die Frau auf Platz eins bringt es auf jeden Fall was, die wird definitiv gewählt.

Vogginger: Ja, und man darf den Regionalproporz nicht vergessen. Wenn es eine Frau gibt, kommt die nach vorne. Ist ja schon einmal gut, dass wir im Allgäu schon so weit sind. Allerdings ist es bayernweit schon erschreckend, wenn man sieht, wie wenig Frauen es in der Kommunalpolitik gibt. Das bildet auf keinen Fall die Gesellschaft ab.

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