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Mindelheim

06.07.2018

Jumbo-Jet lässt über der Region fünfzig Tonnen Kerosin ab

Am Sonntag kreiste ein Frachtflugzeug über dem Raum Allgäu/Schwaben.
Bild: Daniel Reinhardt, dpa

Am Sonntag kreiste ein Frachtflugzeug über dem Raum Allgäu/Schwaben. Der Großteil des giftigen Kerosins verdampft, gut 4000 Liter sinken auf den Boden in der Region.

Verwirrt schauten viele Menschen in der Region am vergangenen Sonntagnachmittag zum Himmel: Immer wieder drehte dort ein Jumbo-Jet große Kreise und zog dabei – offenbar deutlicher als üblich – dicke Kondensstreifen hinter sich her. Da stimmt doch was nicht, dachte sich ein Ettringer, der zu diesem Zeitpunkt beim Sportplatz unterwegs war.

Sein mulmiges Gefühl sollte den Ettringer nicht trügen: Wie sich herausstellte, musste ein vollgetanktes Frachtflugzeug auf dem Weg von Mailand nach Seoul in Frankfurt landen. Da die Sicherheitslandung vollgetankt zu gefährlich war, musste der Pilot fünfzig Tonnen Kerosin ablassen. Um diesen "Fuel Dump" vorzunehmen, drehte der Pilot mehrere Runden über dem Raum Allgäu/Schwaben. Experten gehen davon aus, dass der Großteil des Kerosins verdunstet ist und maximal eine Menge von maximal 4000 Litern Kerosin zur Erde gesunken sind.

"Circa 50 Tonnen Kerosin abgelassen"

Auf Nachfrage der Mindelheimer Zeitung bestätigte Christian Hoppe, Pressesprecher der Deutsche Flugsicherung (DFS) mit Sitz in Langen (Hessen) den Vorgang: "Ein Luftfahrzeug der Fluggesellschaft Asiana Cargo hat am Sonntag, 1. Juli, in dem Gebiet westlich von Landsberg am Lech einen Treibstoffschnellablass (Fuel Dump) in Flugfläche 210 (entspricht etwa 7000 Meter) durchgeführt. Die Dauer des Fuel Dump betrug nach unseren Informationen etwa 30 Minuten, dabei wurden laut Angaben des Piloten circa 50 Tonnen Kerosin abgelassen", so Hoppe.

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Was war passiert? Tatsächlich war der Frachtflieger – eine Boeing 747 Typ 48 EF (SCD) mit der Registrierung HL 7420 – um 14.58 Uhr in Mailand gestartet. Ziel war die südkoreanische Hauptstadt Seoul. Doch über dem Großraum Schwaben dreht das Flugzeug plötzlich ab, zog einige Runden über dem Verbreitungsgebiet unserer Zeitung zwischen Landsberg/Ettringen/Krumbach/Memmingen bis nach Ulm und wieder zurück. Zwei Stunden und 16 Minuten dauerte der Flug, ehe das Frachtflugzeug dann in Frankfurt landete. Dies geht alles aus den Aufzeichnungen auf der Internetseite www.flightradar24.com hervor.

Auf dem Weg von Mailand nach Seoul musste ein Frachtflugzeug offenbar aus technischen Gründen in Frankfurt landen. Über Schwaben zog er diese Kreise, um Kerosin abzulassen.
Bild: flightradar24.com/Screenshot

Über die genauen Ursachen hat die Fluggesellschaft Asiana Cargo mit Hauptsitz in Korea auf Anfrage unserer Redaktion noch keine Angaben gemacht, will aber Anfang nächster Woche eine entsprechende Stellungnahme abgeben. Es müsse aber schon ein "gravierendes Problem vorliegen, wenn sich der Pilot zu so einer drastischen Maßnahme wie einem "Fuel Dump" entschließe, so ein Unternehmenssprecher. Mehr könne er zum derzeitigen Zeitpunkt aber nicht sagen, ohne sich bei der Zentrale rückzuversichern. Die zuständige Mitarbeiterin war plötzlich erkrankt, sodass das Unternehmen sich erst kommende Woche zu einer Stellungnahme in der Lage sieht. Gründe können ein technischer Defekt oder ein medizinischer Notfall an Bord sein.

Deutlich auskunftsfreudiger war da die Deutsche Flugsicherung (DFS): "Die Entscheidung zum Ablassen von Kerosin liegt ausschließlich in der Verantwortung des Piloten", so Pressesprecher Christian Hoppe. Der Pilot teile dies der Flugsicherung mit. Gemeinsam identifizieren Pilot und Lotse einen Luftraum, der für den Ablassvorgang geeignet erscheint. Die Verantwortung des Lotsen ist die Sicherheit aller Luftfahrtteilnehmer. Lotsen bzw. die Flugsicherung müssen den Treibstoffschnellablass aber nicht genehmigen, so Hoppe. Vielmehr sei es Aufgabe der Fluglotsen, den Piloten einen sicheren (Rest-)Flug und Landung zu ermöglichen.

Außerdem müsse der Luftraum im Zeitraum des Ablassvorganges und danach frei von durchfliegendem Verkehr gehalten werden. Jeder Flugzeugtyp habe ein maximales Startgewicht sowie ein – niedriger angesetztes – maximales Landegewicht. "Zu Beginn eines Langstreckenfluges sind vollgetankte Großraumflugzeuge daher zu schwer für eine Landung. Wenn es unmittelbar bei Beginn des Fluges zu Problemen kommt, die ein Umkehren erforderlich machen, sind die Piloten dazu gezwungen, das Gewicht der Maschine schnell zu reduzieren", erklärt Hoppe. Das sei "ausschließlich über das Ablassen von Kerosin" möglich. Die Entscheidung, ob einen Notfall vorliegt, treffe allein der Flugzeugführer.

"Entscheidung in jedem Einzelfall"

Wichtig dabei sei auch, dass es laut Hoppe "keine definierten Areas für Fuel Dumping" gebe, vielmehr handle es sich um eine "Entscheidung in jedem Einzelfall". Diese sei abhängig von Art und Dringlichkeit der Notsituation, wie sie der Pilot dem Lotsen mitteil, so Hoppe

Bei den Zahlen zur Kerosinmenge sei anzumerken, dass der Pilot die abgelassene Menge dem Lotsen melden solle. Die Flugsicherung könne aber "weder die abgelassene Menge noch die Korrektheit der Angaben überprüfen". Diese konkreten Angaben könnten nur die Fluggesellschaften liefern, so Hoppe.

Beim Treibstoffschnellablass müssen die Vorgaben der ICAO (internationale Zivilluftfahrtorganisation) eingehalten werden, die zum Beispiel eine Mindesthöhe (6000 Fuß über Grund = rund 1800 Meter) vorschreiben. In der Praxis ist die Flughöhe beim Fuel Dump sehr viel höher, im Schnitt bei ungefähr 18.000 Fuß, das sind rund 6000 Meter. Bei diesen Höhen sei laut Hoppe "sichergestellt, dass der abgelassene Treibstoff nur in mikroskopisch kleinen Tröpfchen auf die Erdoberfläche" treffe. Ob dadurch eine mögliche Belastungssituation, eine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung entsteht oder etwaige schädliche Umwelteinwirkungen gegeben sind, könne von der DFS nicht bewertet werden. Hoppe: "Diese Themen liegen nicht im Zuständigkeitsbereich der Flugverkehrskontrolle".

Jährlich 22 Fälle von Treibstoffschnellablässen im deutschen Luftraum

Auf politischer Ebene gebe es allerdings Bestrebungen, dass es 2018 ein Gutachten zum Thema "Umweltrisiken von Kerosinablässen" geben soll, so Hoppe. Das Umweltbundesamt (UBA) sei beauftragt, ein Gutachten erstellen zu lassen.

Im Zeitraum von 2010 bis 2016 wurden laut DFS im Schnitt jährlich 22 Fälle von Treibstoffschnellablässen im deutschen Luftraum registriert. 2017 ließen Zivilflugzeuge über Deutschland in 20 Fällen insgesamt 490 Tonnen Treibstoff in der Luft ab, militärische Flugzeuge in fünf Fällen 89,5 Tonnen. Im Luftraum über Bayern gab es 2017 insgesamt sechs Fälle, die gemeldete Treibstoffmenge lag bei 34,3 Tonnen. Im ersten Halbjahr 2018 wurden elf Vorfälle deutschlandweit registriert, davon zwei in Bayern mit einer gemeldeten Kerosinmenge von etwa 71 Tonnen. Hoppe bezeichnete die Fälle von "Fuel Dump" als "sehr selten" angesichts einer steigenden Zahl von Flügen in Deutschlang: Allein im ersten Halbjahr 2018 verzeichnete die DFS einen neuen Verkehrsrekord: Von Januar bis Ende Juni 2018 wurden im deutschen Luftraum 1,59 Millionen Flüge kontrolliert. An einem einzigen Tag sind demnach manchmal mehr als 11.000 Flugzeuge über Deutschland unterwegs.

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07.07.2018

Das ist praktizierter Umweltschutz auf höchstem Niveau!! Immer weiter so, es wäre ja gelacht, wenn wir die Welt nicht kleinkriegen!

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